Local Food : Im Winter gibt’s nur Kraut und Rüben

Essen nur aus der Region: das heißt Bauernkontakt – und Klimaschutz. Aber ist es alltagstauglich? Unsere Autorin Anne Kunze hat es ausprobiert
Ein Korb mit Gemüse, angebaut von der amerikanischen First Lady Michelle Obama im Garten des Weißen Hauses. © Patrick Smith/Getty Images

Was wir essen, ist meist weit gereist: Ananas und Fisch werden aus Afrika eingeflogen, Fleisch aus Argentinien, Bohnen aus Ägypten. Der Transport-Wahnsinn gilt auch für vermeintlich heimische Lebensmittel: Nordseekrabben werden zum Pulen erst nach Marokko gebracht, bevor sie wieder hier in den Kühlregalen liegen. Es ist absurd.

Vielleicht geht es auch anders. Ich möchte versuchen, mich in Berlin einige Wochen lang ausschließlich von dem zu ernähren, was in der Nähe gewachsen ist und erzeugt wurde.

In den USA gibt es bereits eine breite Bewegung, die regionale Ernährung propagiert: Locavoren essen nur Lebensmittel aus einem Umkreis von 100 Meilen. Durch die kurzen Transportwege soll vor allem das Klima geschont werden. Auch 65 Prozent der Deutschen bevorzugen angeblich beim Einkaufen meist oder immer regionale Produkte, so die Stiftung Warentest. Mal sehen.

1. Woche: Pfefferminze aus Berlin

Aus Kühlschrank und Speisekammer räume ich alles, das nicht aus meiner unmittelbaren Umgebung stammt. Auf Kaffee muss man in Berlin verzichten. Auf Wein und Schokolade. Auf Pfeffer und Olivenöl, auf Ananas und Bananen. Auf Nudeln, Couscous und Reis. Einige Kartoffeln bleiben übrig, sie stammen zufällig aus Brandenburg.

Beim Gemüsehändler.

»Woher kommen die Zwiebeln und Tomaten?«

»Hm ... aus Hamburg? Vom Großmarkt halt!«

»Haben Sie irgendetwas, das aus der Region kommt? Aus Berlin, wenigstens aus Brandenburg?«

»Ich glaube, die Pfefferminze da drüben.«

Auch in Supermärkten werde ich kaum fündig: Ob etwa ein Rewe-Markt regionale Produkte führt, hängt vom Engagement jedes einzelnen Filialleiters ab (wenn es welche gibt, sind die regionalen Lebensmittel nicht weiter als 60 Kilometer vom Rewe-Markt entfernt gewachsen oder erzeugt). Einzelne Produkte entdecke ich doch, Spreewälder Honigsenf bei Kaiser’s zum Beispiel, mit schwarz-rot-goldenem Etikett. Aber woher kommen Senfsaat, Branntweinessig, Honig, Zucker und Salz? Welche Lebensmittel als regional bezeichnet werden dürfen und ob dafür auch die einzelnen Zutaten der verarbeiteten Lebensmittel regional sein müssen, ist in Deutschland bislang nicht einheitlich geregelt. Ins Gerede kamen Discounter, die »regionale« Lebensmittel aus ganz Deutschland in ganz Deutschland verkauft haben . Im Biosupermarkt ist es leichter: Hier gibt es mehr lokales Obst, Gemüse und tierische Produkte, vor allem aus Brandenburg, wie mir ein Mitarbeiter versichert.

Das Essen schmeckt, riecht und sieht anders aus als gewohnt. Büffeljoghurt lerne ich zu schätzen. Zum ersten Mal seit meiner Kindheit trinke ich wieder Ziegenmilch. Beim Öffnen der Flasche schlägt mir ihr würziger Geruch entgegen, es schwimmen Klumpen in der Milch. Die verrühre ich tapfer, dann schmeckt die Milch sogar mit dem Apfel-Sanddorn-Saft aus dem brandenburgischen Obstanbaugebiet Werder, den ich pur nicht zu trinken vermag.

Kommentare

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Trugbilder als Selbstbild

"Auch 65 Prozent der Deutschen bevorzugen angeblich beim Einkaufen meist oder immer regionale Produkte"

Sicher eine repräsentative Umfrage im Bio-Hofladen, die aber nie und nimmer im Übereinklang mit den tatsächlichen Einkäufen der Deutschen steht. Oder für die Leute ist regional alles mit deutscher Beschriftung.
Regional und saisonal dürfte ca. 99,9% der Deutschen total überfordern mit der daraus möglichen Ernährung, selbst unsere Großeltern haben das schon nicht mehr gelebt, insbesondere nicht so, wie es hier im Artikel deutlich übertrieben wird.

Da war wohl das (schlechte?) Gewissen...

...Vater der Antwort.
Das die meisten Menschen die sich mit Essen nicht weiter beschäftigen da nicht mitkommne, glaube ich gerne.
Allerdings machen Supermärkte es einem auch nicht leicht.
Erst vor kurzem bot mein Supermarkt Knoblauch aus China(!) an.
Auf meine Frage, ob es, wenn schon nicht heimischer, europäischer Knoblauch nicht auch getan hätte, wurde mir mitgeteilt, daß chinesischer Knoblauch billiger wäre.
Kommentare über regionale Produkte wurden mit "Wo wir etwas her bekommen entscheidet man in der Zentrale" weggelächelt.

Und wenn man schon mal da ist...

Das ist gerade mal 25 Jahre her,

ja in der ach so bösen DDR haben die Leute, vornehmlich von
Regionalem gelebt. Und nein es hat, wenn man wollte an nichts gemangelt (Orangen etc mal ausgenommen). Da wurde einmal im Jahr geschlachtet und eingekocht (Obst Gemüse), was das Zeug hält. Geflügel gab's auch überall und im Winter das Edelgemüse Schwarzwurzeln.
Nur nach der Wende wurden die meisten Konservenbuden zugemacht, darauffolgend wurden auch die Fruchtfolgen umgestellt und die ostdt. Landwirtschaftsbetriebe, wurden sukzessive aufgrund der Kreditlasten, die 1zu1 umgerubelt wurden, in den Ruin getrieben. Da hätte die Autorin nicht so große Probleme gehabt.
Aber ich bin mir sicher man wird auch in D-land wieder dazu zurückkommen , viele fangen, wie ich gehört habe, ja schon wieder an vieles selbst anzubauen, da 2 Euro für 4 Äpfel doch recht heftig ist. Und aufgrund der guten Lohnpolitik viele sich das gar nicht mehr leisten können.

Vernunft wird Unsinn, Wohlstand Plage...

...wusste schon der alte Goethe. Und der Artikel scheint mir ein gutes Beispiel dafür zu sein, wie man lokales und regionales Einkaufen ins Absurde treibt.

Abgesehen davon, dass so manche Weisheit in der Hinsicht un-intuitiv falsch sein könnte: Irgendwo las sich, dass es energetisch günstiger sei, die Äpfel im Winter und Frühjahr aus Neuseeland zu importieren, als die lokalen Äpfel in Kühlhäusern frisch zu halten.

So kann's gehen.

Das Problem sind die Keller,

denn kein Haus neueren Datums hat einen Keller, der kühler ist als Wohnraumtemperatur. Habe das Glück, auf ein kleines Sandsteingewölbe mit Erdboden zurückgreifen zu können - dort hält der Boskoop auch bis Mai, weil Temperatur und vor allem Luftfeuchte stimmen. In Bauten ab den Siebzigern können Sie das vergessen.

Ohne eigenen Baum entsprechender Sorte oder gute Beziehungen wird es aber selbst mit einem geeigneten Keller kompliziert: im Handel trifft man alte Lagersorten eher nicht an - ist ja auch nicht im Sinne der Händler, sich Sorten ans Lager zu legen, die sich ob ihres nicht ganz so "perfekten" Aussehens nur mäßig verkaufen, dann aber beim Kunden ewig liegen, statt zeitnah zu kompostieren und Platz zu schaffen für den nächsten Kauf.

"Kühe, die nicht gemolken oder geschlachtet werden, sondern...

Mist produzieren" = Ressourcenverschwendung

"Die Lehrlinge arbeiten ohne Gehalt." = Ausbeutung

Schaffen sie sich einen Garten an, zu dem sie hinradeln können. Das ist gut für die Seele und schafft Respekt für die Lebensmittel, durch die Arbeit die man hineinsteckt.

Und spritzen Sie Tomaten u.d.g., sonst werden Sie nichts ernten.

Ach ja, ich kaufe deutsche Lebensmittel, um damit deutsche Arbeitsplätze zu sichern, rein patriotisch also.

P.S.: Asiatische Marienkäfer sind eine Plage, haben sowohl große Teile meiner Apfel- als auch Nektarinenernte vertilgt. Ich zerquetsche jeden, den ich sehe und ich freue mich über jeden "unsere(r) deutschen Marienkäfer".

Bitte achten Sie auf Ihren Tonfall. Danke, die Redaktion/mk

Selbstversorgung mit Gemüse ist nicht kompliziert.

Das mit den Kühen und Lehrlingen stimmt.
Ansonsten auch bei Ihnen viel Unsinn. Tomaten müssen vor allem trocken stehen ( wegen der Pilzkrankheit Phytophtora), dh unter einem Dachüberstand oder einem Behelfsdach aus Folie. Außerdem noch sonnig und ausreichend gedüngt und mit Wasser versorgt. Tomaten im Hausgarten spritzen- wogegen?
Marienkäfer fressen Äpfel?
Wer auf dem Land wohnt, ein bisschen Selbstversorgung ist nicht aufwendig.So gering ist die Auswahl an heimischem Gemüse auch für Selbstversorger nicht. Porree, Grünkohl, Rosenkohl können sehr lange draussen stehen bleiben (entsprechende Sorten wählen) oder sollten sogar (Topinambur, Schwarzwurzeln)).Wi- Rettiche, Kohlrüben, Rote Bete halten sich gut in einem kühlen Raum, auch Weiß/Rotkohl. Zuckerhut, Chinakohl im Einschlag. Kürbisse bei Zimmertemperatur. Die Aufzählung ist keineswegs erschöpfend.
Aber auch als Städter ohne einen Quadratmeter Grund kann man Wildkräuter (fast das ganze Jahr gibt es was) und Wildobst (aktuell zB Schlehen, Hagebutten) sammeln. Macht Spaß, man kommt sogar auf ein paar Euro Stundenlohn und leistet einen nicht ganz unwesentlichen Beitrag zu einer gesunden Ernährung.

Klasse!

ich finde die Idee des sich "regional ernährens" ja ziemlich klasse. Nun frage ich mich, wenn dem Autor so viel daran liegt, er in die größte Stadt von Deutschland zieht. Würde er in Brandenburg auf dem Land wohnen, so könne er wahrscheinlich auf jedem Hof etwas anderes regional erstehen und gar selbst anbauen.

So versucht er zu bekommen, was genau an dem Ort in Deutschland am schwersten zu haben ist. Seltsam. Ist wie in die Wüste reisen und den Wassermangel zu thematisieren :).

Ich freu mich auch besonders, wenn es etwas regionales gibt. Gemüse aus Werder bevorzuge ich auch. Aber in Berlin sollte ich nicht mit diesem Anspruch leben. Um zu belehren, müsste ich aktiv am Auflösen der Großstadt mitwirken und aufs Land ziehen. Das fände ich konsequent - einen Zeit-Artikel schreiben finde ich verschroben.

Gruß, matths