Was wir essen, ist meist weit gereist: Ananas und Fisch werden aus Afrika eingeflogen, Fleisch aus Argentinien, Bohnen aus Ägypten. Der Transport-Wahnsinn gilt auch für vermeintlich heimische Lebensmittel: Nordseekrabben werden zum Pulen erst nach Marokko gebracht, bevor sie wieder hier in den Kühlregalen liegen. Es ist absurd.

Vielleicht geht es auch anders. Ich möchte versuchen, mich in Berlin einige Wochen lang ausschließlich von dem zu ernähren, was in der Nähe gewachsen ist und erzeugt wurde.

In den USA gibt es bereits eine breite Bewegung, die regionale Ernährung propagiert: Locavoren essen nur Lebensmittel aus einem Umkreis von 100 Meilen. Durch die kurzen Transportwege soll vor allem das Klima geschont werden. Auch 65 Prozent der Deutschen bevorzugen angeblich beim Einkaufen meist oder immer regionale Produkte, so die Stiftung Warentest. Mal sehen.

1. Woche: Pfefferminze aus Berlin

Aus Kühlschrank und Speisekammer räume ich alles, das nicht aus meiner unmittelbaren Umgebung stammt. Auf Kaffee muss man in Berlin verzichten. Auf Wein und Schokolade. Auf Pfeffer und Olivenöl, auf Ananas und Bananen. Auf Nudeln, Couscous und Reis. Einige Kartoffeln bleiben übrig, sie stammen zufällig aus Brandenburg.

Beim Gemüsehändler.

»Woher kommen die Zwiebeln und Tomaten?«

»Hm ... aus Hamburg? Vom Großmarkt halt!«

»Haben Sie irgendetwas, das aus der Region kommt? Aus Berlin, wenigstens aus Brandenburg?«

»Ich glaube, die Pfefferminze da drüben.«

Auch in Supermärkten werde ich kaum fündig: Ob etwa ein Rewe-Markt regionale Produkte führt, hängt vom Engagement jedes einzelnen Filialleiters ab (wenn es welche gibt, sind die regionalen Lebensmittel nicht weiter als 60 Kilometer vom Rewe-Markt entfernt gewachsen oder erzeugt). Einzelne Produkte entdecke ich doch, Spreewälder Honigsenf bei Kaiser’s zum Beispiel, mit schwarz-rot-goldenem Etikett. Aber woher kommen Senfsaat, Branntweinessig, Honig, Zucker und Salz? Welche Lebensmittel als regional bezeichnet werden dürfen und ob dafür auch die einzelnen Zutaten der verarbeiteten Lebensmittel regional sein müssen, ist in Deutschland bislang nicht einheitlich geregelt. Ins Gerede kamen Discounter, die »regionale« Lebensmittel aus ganz Deutschland in ganz Deutschland verkauft haben . Im Biosupermarkt ist es leichter: Hier gibt es mehr lokales Obst, Gemüse und tierische Produkte, vor allem aus Brandenburg, wie mir ein Mitarbeiter versichert.

Das Essen schmeckt, riecht und sieht anders aus als gewohnt. Büffeljoghurt lerne ich zu schätzen. Zum ersten Mal seit meiner Kindheit trinke ich wieder Ziegenmilch. Beim Öffnen der Flasche schlägt mir ihr würziger Geruch entgegen, es schwimmen Klumpen in der Milch. Die verrühre ich tapfer, dann schmeckt die Milch sogar mit dem Apfel-Sanddorn-Saft aus dem brandenburgischen Obstanbaugebiet Werder, den ich pur nicht zu trinken vermag.