Wer Michael Krüger eine Weile lang nicht gesehen hat – was eigentlich ganz unmöglich ist, denn er hat die unheimliche Gabe, an allen Orten der Literaturwelt gleichzeitig zu sein, auf dem Literaturfestival in Novi Sad genauso wie auf der Tagung der österreichischen Buchhändler in Salzburg –, wird bemerken, dass er immer mehr wie ein alter italienischer Dichter aussieht, der sein Leben nicht im Hanser Verlag in der Vilshofener Straße in München, sondern in irgendwelchen norditalienischen Bergdörfern verbracht haben muss. Es ist etwas Ungaretti-artiges in seinen Gesichtszügen, das vor zehn Jahren da noch nicht war.

Michael Krüger ist jetzt 68 Jahre alt. Er ist Suhrkamp-Autor und Hanser-Chef. Beides schon sehr lange. Hanser-Chef am längsten. Jedenfalls schon so lange, dass sich niemand mehr in der Buchbranche an einen anderen Hanser-Chef als an Michael Krüger erinnern kann.

Der Hanser Verlag ist einer der wenigen mittelständischen Verlage, die noch Familieneigentum sind. Michael Krüger ist mit diesem Verlag verwachsen wie ein alter Baum mit dem Erdreich. Einen zweiten Verleger wie ihn gibt es in Deutschland nicht. Michael Krüger ist das Urmodell eines Verlegers alter Art. Sein Instinkt für zukünftige Büchner- und Nobelpreisträger ist legendär. Sein literarischer Geschmack untrügbar. Sein kaufmännisches Talent unbestreitbar. Dem Hanser Verlag geht es gut. Das Herbstprogramm verkauft sich, Umberto Ecos neuer Roman steht fast ganz oben auf der Bestsellerliste, Tomas Tranströmer hat gerade den Nobelpreis bekommen . Wie schon so oft wird Michael Krüger bald wieder im Kostümverleih einen Frack bestellen und zum schwedischen König nach Stockholm fahren, wo er schon ein Stammgast ist.

Zu mehr kann man es in der »holzverarbeitenden Industrie«, wie er das Buchgeschäft zärtlich nennt, nicht bringen. Was jetzt kommt, nennt er den »Elektrohandel«. Das werden andere Leute machen. Leute wie der Verlagsmanager von Amazon , Russell Grandinetti, der in der New York Times gerade gesagt hat, dass Verlage in Zukunft völlig überflüssig seien, die Einzigen, die im Verlagswesen in naher Zukunft noch vonnöten wären, seien »der Autor und der Leser«.

In Amerika machen die großen Verlage heute schon ein Fünftel ihres Umsatzes im »Elektrohandel«. In Deutschland ist es noch nicht so weit. Der deutsche Marktanteil der E-Books liegt noch immer unter einem Prozent. Das wird nicht so bleiben.

Michael Krüger ist gerade aus Salzburg gekommen. Frau Zeller serviert Kaffee, und der Verleger erklärt die Bäume vor seinem Fenster. Der Spitzahorn pumpe täglich 300 Liter Wasser bis in die hohen Wipfel, niemand wisse, woher er die Energie dafür nehme.

In zwei Jahren möchte Michael Krüger hier aufhören. Das sagt er in unserem Gespräch immer wieder. Er nennt auch immer wieder das Datum: Am 1. Januar 2014 wird er hier zusammenpacken. Mit einem großen Staubsauger wird er in diesem Büro dann alles eingesaugt haben, den Staubsaugersack wie Knecht Ruprecht auf den Rücken werfen und nach Hause gehen. Einen großen Roman schreiben, für den er schon eine ganze Kiste mit Zetteln und Notizen hat.