DIE ZEIT: Herr Lucchesi, Sie haben zwei Jahre lang als Handgepäckkontrolleur auf dem Frankfurter Flughafen gearbeitet. Welchen Satz hört man am häufigsten, wenn man tagtäglich fremden Menschen auf den Leib rückt?

Achim Lucchesi: »Sehe ich etwa aus wie ein Terrorist?« Das ist der Lieblingssatz der deutschen Reisenden, der kommt etwa 40-mal am Tag. Als ob ich wüsste, wie der gewöhnliche Attentäter sich frisiert und kleidet. Beliebt ist auch: »Ich möchte Ihren Vorgesetzten sprechen.« Und Männer ab 70 fragen gern: »Haben Sie überhaupt gedient?« Wenn man dann ehrlich mit Nein antwortet, ist das ganz schlecht. Sagt man aber: »Selbstverständlich, Unteroffizier«, reagieren sie mit: »Jawoll, jetzt können Sie mich kontrollieren.«

ZEIT: Sind andere Nationalitäten genauso anstrengend?

Lucchesi:   Oh ja, Schweizer zum Beispiel. Da sagt man zu einem: »Kommen Sie mal her, die Torsonde hat geklingelt.« Der Schweizer darauf: »Sie brauchen mich nicht zu untersuchen. Ich bin doch gar nicht in der EU.« Viele Schweizer treten auf, als schleppten sie ein Stück Schweiz mit sich herum – so eine Schweiz-Luftblase. Wirklich ärgerlich sind aber Witzbolde, egal welcher Nationalität, die Sprüche reißen wie: »Die Bombe ist eh im Koffer.« Da sagt man dann: »Bitte nennen Sie das Wort Bombe nicht!« Und der Passagier: »Was, Bombe soll ich nicht sagen?« Und dann muss man die Bundespolizei alarmieren, das Flugzeug wird durchsucht, und es gibt einen Riesenärger.

ZEIT: Das alles klingt nicht gerade nach einem Traumberuf. Warum haben Sie sich denn überhaupt beworben?

Lucchesi: Ich wollte raus aus meinem damaligen Bürojob und dachte: Du bist zwei Meter groß und wiegst 100 Kilo – daraus solltest du was machen. Erst war ich Bodyguard, aber da wird man ruckzuck in Prügeleien verwickelt. Dann las ich eine Anzeige, in der Luftsicherheitsassistenten gesucht wurden. Das klang nach einem gemütlichen Job. Ich bekam vier Wochen Schulung, und schon stand ich am Kontrollband.

ZEIT: Hat der Beruf denn auch schöne Seiten? Zum Beispiel sind Sie sicher vielen Prominenten ganz nah gekommen ...

Lucchesi: Klar, von Helmut Kohl über Montserrat Caballé bis George Michael. Aber gerade Promis stellen sich oft mal etwas an. Die denken, dass sie etwas Besseres sind als normale Passagiere. Am schwierigsten war immer Boris Becker. Der machte jedes Mal ein Riesen-Bohei. Ich solle ihn nicht so fest anfassen, und ob ich ihn nicht kennen würde. Wenn wir den Becker kommen sahen, verdrückten sich immer alle Kollegen und sagten: »Och nee, geh du mal.«

ZEIT: Dafür durften Sie allerdings auch seine Tasche durchsuchen. Man ist ja manchmal schon neugierig, was andere Leute alles so mit sich herumtragen. Und als Kontrolleur darf man jedem ins Gepäck schauen ...

Lucchesi: Stimmt. Aber auch dabei erlebt man unschöne Überraschungen. Da kommt zum Beispiel eine Blondine, einen Meter achtzig, Haare bis zur Hüfte – so eine Frau, die man als Mann gerne mal von Nahem betrachtet. Man freut sich, dass die sich in die eigene Schlange einreiht. Und dann hat die in ihrer Tasche Luxus-Unterwäsche, überall Spitze, aber verschmutzt ohne Ende. Über manche Gegenstände wundert man sich auch noch lange: Warum fliegt ein junger Typ mit Wagenheber und Staubsauger nach Australien? Wenn möglich, habe ich solche Leute in ein Gespräch verwickelt. Etwa zwei Norweger, die seltsame schwarze Röhren im Handgepäck hatten. Sie holten sie heraus, sagten, das sei Fisch-Schnupftabak, nahmen eine Nase voll und ließen mich auch probieren. Mir war drei Tage später noch schlecht.

ZEIT: Haben Sie im Handgepäck auch oft Flüssigkeiten gefunden?

Lucchesi: Vor allem als die Regelung gerade neu in Kraft war. Schon am ersten Tag stand ein Passagier vor mir, der beim Umsteigen im Duty-Free-Shop einen seltenen Cognac gekauft hatte, 1.660 Euro. Und ich durfte ihm erklären, dass er die Flasche leider wegwerfen muss.