Endet der Arabische Frühling in einem grauen Herbst? Triumphieren dank der Demokratie nun Religion , Islam, Islamismus ? Vom Ende einer Hoffnung zu reden, das hat jetzt Saison, zumal bei denen, die immer schon wussten: Muslime sind nur Demokraten, wenn sie ihre Religion eine Weile vergessen. Und so hatten die meisten im Westen den Aufbruch der arabischen Völker ja verstanden – als Revolten, die (erstaunlicherweise) mit Religion nichts zu tun hatten.

Das aber war gestern so falsch wie heute. Wo immer die arabische Welt im Umbruch ist, spielt der Islam eine Rolle – obwohl nirgends für dezidiert religiöse Ziele gekämpft wurde.

»Gott ist mit uns. Und ihr?«, fragen syrische Aufständische auf Facebook die westlichen Regierungen. »Möge Gott unsere Schritte lenken«, sagt der ägyptische Richter, als er den Prozess gegen Hosni Mubarak eröffnet. Glaube ist Rückversicherung und Stimulans, Glaube färbt unterschwellig, wie sich politische Anliegen äußern. Im Prozess gegen Mubarak klagen die Familien der Märtyrer stellvertretend für die ganze Nation, weil die Angehörigen eines Ermordeten im Islam das religiös verbriefte Recht auf Vergeltung haben.

Wo früher schon ein Moscheebesuch im Morgengrauen politisch verdächtig war (wie in Tunesien ) und ein langer Bart zu Haft und Folter führen konnte (wie in Ägypten ), dort bedeutet heute die neue Freiheit naturgemäß mehr Freiheit für Religion. Das ist kein Backlash. Das Bewusstsein für individuelle Rechte ist durch die Revolutionen enorm gestiegen; Religiosität ohne staatliche Bevormundung zu praktizieren und zu zeigen wird mithin als Akt persönlicher Freiheit und Würde verstanden. Sogar ägyptische Stewardessen pochen nun auf ihr Recht, ein Kopftuch zu tragen.

Sie wollen Demokratie. Aber keine Liberalität wie im Westen

Unpolitisch ist das alles nicht, aber es hat zunächst nichts mit Islamismus und Machtpolitik zu tun. In den postrevolutionären Gesellschaften ringen heute vielmehr zwei große geistig-politische Impulse miteinander. Der erste Impuls ist der rebellische: das radikale Verlangen nach Demokratie und nach einer gerechten Sozialordnung. Der zweite Impuls ist beharrend: der kulturelle Konservatismus in Alltag und Lebenswelt, ein Produkt der Re-Islamisierung in den vergangenen drei Jahrzehnten. Die gegenwärtigen Gesellschaften bringen beides hervor – das Bedürfnis nach einem modernen Rechtsstaat und nach einer religiös gefärbten Identitätspolitik.

Beispiel Tunesien, wo gerade gewählt wurde . Die Tunesier, so hat eine Studie ergeben, denken »politisch progressiv und sozial konservativ«. Progressiv heißt: Eine große Mehrheit verlangt härtere demokratische Kontrollinstrumente, als sie die meisten Parteien in ihren Programmen anbieten. Doch eine ebenso große Mehrheit will dem Staat die Befugnis geben, Kunst- und Ausdrucksfreiheit zum Schutz der Moral einzuschränken. Moins de voleurs et plus de valeurs, »weniger Diebe und mehr Werte«, so übersetzt sich das im Volksmund. Ennahda, die »Renaissance«-Partei der tunesischen Islamisten, hat mit dem Slogan »gläubig und ehrlich« dieses Bedürfnis bedient und die Wahlen klar gewonnen. Die Botschaft: Der radikale Bruch mit dem alten korrupten System muss einhergehen mit neuem Stolz auf arabisch-islamische Identität. In Tunesien ist darum ein Kulturkampf entbrannt; das bisher tonangebende europafreundliche Bürgertum sieht nun die tolerante maghrebinische Hybrid-Kultur bedroht von einem quasi-ausländischen Wüsten-Islam.

Doch die Verletzungen, die das Bedürfnis nach einer heilenden Identitätspolitik auslösen, sind ganz einheimischer Natur, in Tunesien wie in anderen Post-Diktaturen. Die Massen unterhalb der Armutsgrenze haben hilflos den Zerfall aller Bindungen erlebt, den alltäglichen Sieg von Betrug, Habgier, Prostitution. Über die Scham, dies alles so lange geduldet zu haben, sprechen nur wenige Araber, doch sie färbt die Psychologie der Gesellschaften im Umbruch. Entwürdigung und Selbsthass wirken nach, schüren die Sehnsucht nach Selbstversicherung. Eine Sehnsucht, die kühle Verfassungspolitik nur schwer befriedigen kann.