Außerhalb Italiens ist die »italienische Krankheit« kaum zu übersehen. Die ausländischen Medien sprechen von ihr als einem schweren, unbedingt zu lösenden Problem im Fokus der europäischen Aufmerksamkeit. In Italien dagegen sieht man das ganz anders: Regierung und Opposition scheinen nicht ernsthaft handeln zu wollen. Sie interessieren sich ausschließlich für die Nachfolge Berlusconis, der trotz der fortwährenden Kampagnen nicht bereit ist, sein Amt als Ministerpräsident aufzugeben – eine Rolle, in der die Italiener ihn sehen wollen, wie immer wieder behauptet wird. Seit 2008 jedoch hat sich viel geändert, vermutlich auch die Wählerschaft seiner Partei PDL, besonders angesichts der Wirtschaftskrise, mit der die auf ihren Machterhalt fixierte Regierung nicht fertig wird.

Bevor Europa uns zur Ordnung rief, schien alles andere viel drängender und wichtiger für eine Regierung, die mit Zähnen und Klauen um ihr Überleben kämpft. Zum Beispiel hat gerade die Aufsichtsbehörde des staatlichen italienischen Fernsehens RAI die Einstellung der One-Man-Show vorgeschlagen. Mit anderen Worten: Für Interviews mit einer Einzelperson oder Monologe von Kabarettisten ist künftig kein Platz mehr. Stattdessen soll in jeder Sendung, jeder Diskussion, jedem Interview auch die Gegenmeinung, die konträre Position, berücksichtigt werden. Ein bizarres Demokratieverständnis: Als müsste beispielsweise ein Autor in seinem Buch auch die der eigenen Meinung entgegensetzte Anschauung darlegen. Demokratie und Kommunikation entstehen aus der Summe der Ideen. Die Regierung fürchtet sich jedoch vor der größeren Überzeugungskraft bestimmter Anschauungen und Analysen und gibt daher das Gegensignal, um zu verwirren, zu irritieren, zu blockieren, auszubremsen.

So wie beim immer wieder eingebrachten Gesetz, welches verhindern soll, dass Telefonmitschnitte in italienischen Zeitungen abgedruckt werden. Dabei geht es der Regierung keineswegs um die unantastbare Privatsphäre der Bürger, sondern um Erpressung: Berlusconi zahlte dafür, dass bestimmte Mitschnitte nicht veröffentlicht wurden – die Regierung will also verhindern, dass die Öffentlichkeit aus den Mitschnitten von Straftaten erfährt.

In dieser Lage zeigt die Opposition sich als zahnlos. Resignation und Misstrauen scheinen unsere Zeit zu bestimmen. Man geht demonstrieren, doch anschließend wird lediglich über Gewalt diskutiert, eine Gewalt, die absurderweise nicht vorausgesehen, eingedämmt und blockiert werden kann. Mangels entsprechender Anweisungen können die Ordnungskräfte friedliche Demonstranten nicht unterstützen, die gewaltbereiten nicht isolieren und ihren bedrohten Kollegen nicht zu Hilfe eilen. Viele argwöhnen dahinter eine Strategie, aber meiner Ansicht nach spiegelt sich darin ein Land im Niedergang. Ein Land, in dem man keinem Menschen mehr über den Weg traut. In dem das Vertrauen seit Jahren absichtlich unterhöhlt wird, damit niemand mehr Anerkennung findet, damit sich niemand mehr für die Gemeinschaft einsetzt, sondern nur noch für seine eigenen, persönlichen Interessen. Auch wenn man nicht genau weiß, wie ein politisches Geschehen einzuordnen ist, so geht man heute automatisch von einem üblen heimlichen Manöver aus. Weil die Politik als schmutzig und völlig korrupt angesehen werden muss. Weil die Resignation siegen muss: Damit nur ja niemand aktiv werden oder die Angelegenheiten überprüfen will! Ihr habt uns gewählt, und jetzt habt ihr nichts mehr zu melden.

Vor einigen Wochen nahm ich an einer Demonstration in Mailand teil. Die Organisatoren hatten alle Demonstranten aufgefordert, auf ein Stück Stoff zu schreiben, welches Recht sie verteidigen wollten. Nach langem Nachdenken trug ich, auf die Gefahr hin, trivial zu erscheinen, ein Transparent mit der Aufschrift »Recht auf Glücklichsein«, Glücklichsein als »Möglichkeit der Gestaltung« verstanden. Das ist ein Grundrecht, denn es macht die Politik schön, falls ihr noch ein Rest Schönheit geblieben ist.

Man wird mir entgegenhalten, dass Glücklichsein etwas zutiefst Persönliches ist. Das stimmt, aber ein Teil davon kann sich nur in einer dem Recht verpflichteten Gesellschaft verwirklichen. Dieses Stück Stoff würde ich gern mit den anderen Stücken verbinden, um so, wenigstens symbolisch, gemeinsam Italien zu nähen. Ein Land, das einen sehr heiklen Moment durchlebt. Das vor einer schweren Wirtschaftskrise steht, von der Politik und Medien behaupten, sie würde uns zwar betreffen, jedoch nur aus der Ferne. Als blieben uns nicht nur noch wenige Wochen, nein, Tage, um einen Damm zu errichten.

Und quasi zum Beweis, als sollten die Scheinwerfer wie zum Hohn auf ein Phänomen gerichtet werden, das man lieber im Dunkeln lässt, erfahren wir Dinge, die unter die Haut gehen, wie vom Tod der Arbeiterinnen in der süditalienischen Kleinstadt Barletta: Dort ist ein Gebäude eingestürzt, in dessen Keller Näherinnen in einem illegalen Betrieb für nicht einmal vier Euro pro Stunde und ohne jede rechtliche Absicherung arbeiteten. Fünf Frauen starben.