Es ist wieder zu warm hier drinnen. Schon der Konferenzraum im Hotel war nicht so angenehm kühl, wie es in Tokyo sonst üblich ist. Man möchte jetzt das Jackett ablegen, aber das geht natürlich nicht, schließlich sitzen wir beim Premierminister. Der will den deutschen Teilnehmern des diesjährigen Japanisch-Deutschen Forums danken für die Anteilnahme und die Hilfsbereitschaft, die sein Land nach der dreifachen Katastrophe vom 11. März auch aus Deutschland erfahren hat.

In dem hochmodernen Gebäude, dem Sitz des Regierungschefs, arbeitet die Klimaanlage nur noch mit halber Kraft. Japan spart Strom . Die endlos langen Flure im Außenministerium sind noch düsterer geworden, seitdem an der Decke jede zweite Neonröhre dunkel bleibt. Tausend kleine Maßnahmen im ganzen Land addieren sich so zu einer gewaltigen Stromersparnis: Die Japaner haben in diesem Sommer zwanzig Prozent weniger Elektrizität verbraucht. Da fiel es gar nicht auf, dass zwei Drittel aller 54 Atomkraftwerke vom Netz genommen waren.

Premier Yoshihiko Noda ist seit nicht einmal zwei Monaten im Amt . Aber er strahlt schon die Ruhe eines Regierungsveteranen aus. In Tokyo traut mancher dem früheren Finanzminister zu, länger im Amt zu bleiben als seine beiden Vorgänger Yukio Hatoyama und Naoto Kan. Die haben die Hoffnungen vieler Japaner auf einen politischen Wandel gründlich zunichte gemacht in den zwei Jahren, seitdem die Demokratische Partei (DPJ) an der Macht ist. Ihr gehört auch der neue Premier an. "Noda hat eine bessere Chance, dass seine Partei geschlossen hinter ihm steht", sagt Florian Coulmas, Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien. Noda, einem Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen, könnte es mit seiner bedächtigen, uneitlen Art gelingen, nicht nur im eigenen Lager zu vermitteln, sondern auch die Opposition einzubinden, meint Coulmas.

Neuwahlen? Während die Nordküste des Landes in Trümmern liegt?

Leicht wird es nicht sein, das verspielte Vertrauen zurückzugewinnen. Nichts empört die Japaner so sehr wie das Versagen ihrer politischen Klasse in der schwersten Katastrophe, die das Land nach dem Zweiten Weltkrieg heimgesucht hat. Naoto Kan hatte den Chef der Liberaldemokratischen Partei (LDP) am Tag nach dem Erdbeben angerufen und ihm einen Notstandspakt angeboten; doch LDP-Chef Tanigaki verweigerte sich brüsk: Ohne Neuwahlen könne es keine gemeinsame Regierungsverantwortung geben. Neuwahlen – während im Nordosten des Landes ein 400 Kilometer langer Küstenstreifen in Trümmern lag, die Leichen noch nicht geborgen waren und rund um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima sämtliche Orte evakuiert werden mussten?

Groß war das Vertrauen der Japaner in ihre Politiker nie, aber nach dem 11. März ist bei vielen die Skepsis in offene Verachtung umgeschlagen. Dabei hatte es vor zwei Jahren noch so ausgesehen, als erlebe das Land einen politischen Neuanfang. Im September 2009 hatten die Wähler die seit einem halben Jahrhundert regierende LDP in die Opposition geschickt. Endlich schien sich auch in Japan ein Zweiparteiensystem etablieren zu können mit dem für eine funktionierende Demokratie unverzichtbaren regelmäßigen Machtwechsel.

Aber die Demokraten machten da weiter, wo die LDP aufgehört hatte. Sofort bildeten sich innerparteiliche Fraktionen, jeder wollte sein Stück vom Kuchen. "In Übergangszeiten kommt es auf Persönlichkeiten an", sagt der Politikwissenschaftler Jun Okumura. "Die DPJ-Premiers Hatoyama und Kan aber waren gänzlich unfähig zu regieren." Trotz aller Ernüchterung, zurück zur LDP-Herrschaft möchte die Mehrheit der Japaner nicht. Bei Umfragen rangieren die Liberaldemokraten noch hinter der entzauberten DPJ.

Als die Opposition gebraucht wurde, war sie nicht da. Aber auch die Beamtenschaft – neben der LDP jahrzehntelang die zweite Säule des japanischen Regierungssystems – hat an Ansehen eingebüßt. In der Stunde der Not rächte sich, dass sich die Ministerialbürokratie anderthalb Jahre lang in einen Kleinkrieg gegen die neue Regierung verstrickt hatte. Die Demokraten waren angetreten, den Vorrang der Politik zurückzuerobern. Und die Bürokraten, die das Land bis dahin selbstherrlich verwaltet – und nach Meinung vieler: regiert – hatten, ließen die Neulinge brutal auflaufen. In der hohen Beamtenschaft gab es einen regelrechten Hass auf die Demokraten.