Abgeholzter Regenwald auf Sumatra, Indonesien © Ulet Ifansasti/Getty Images

Die Bruchlinien des Kapitalismus werden größer. Was einmal winzige, mit bloßem Auge kaum zu erkennende Risse waren, hat sich zu tiefen Klüften ausgewachsen, in denen ganze Nationen zu versinken drohen. Dabei schien der Stern des Kapitalismus nie heller zu leuchten als zwischen dem Fall der Berliner Mauer 1989 und der Finanzkrise 2008. Mit Margaret Thatcher gesprochen, gab es zum Kapitalismus keine Alternative, Debatten um seine möglichen Varianten blieben akademisch. Die auf das angelsächsische Modell fixierten Nationen sangen das Lob »liberalisierter Märkte«. Deutschland und Frankreich verteidigten die »soziale Marktwirtschaft«. China entwickelte seine eigene Spielart eines zentral gesteuerten Kapitalismus und versetzte das westliche Gemüt in eine Mischung aus Angst und stiller Genugtuung.

Alle diese Kapitalismen leben im Kern von der unterstellten Unersättlichkeit menschlicher Bedürfnisse, das heißt von der Erwartung eines unermüdlichen Wachstums der Verbraucherausgaben. Weltweit schreitet der Kapitalismus voran, indem er neue Märkte für neue Konsumgüter erschließt, die das Alte zugunsten des Neuen beseitigen und das Eindringen der Märkte in immer persönlichere Bereiche unseres Lebens forcieren.

Dieser Prozess kann anfangs ungeheuer produktiv sein und zu Verbesserungen unseres Lebensstandards führen. Um ihn aber auf unbegrenzte Zeit am Laufen zu halten, braucht es Menschen, die süchtig nach allen möglichen Dingen und entsprechend bereit sind, sich Geld zu leihen und es auszugeben – und falls nötig sogar ihre eigene finanzielle Zukunft zu verpfänden –, um weiter einkaufen zu können. Wenn wir ehrlich sind, ist es nicht schwer, diese Menschen zu finden. Wir sind am Neuen interessiert. Durch Neuheiten erzählen wir einander Geschichten darüber, wie wichtig wir sind. Die Statusfrage ist nur eine der sozialen Dynamiken, die durch das Neue gedeihen. Auch künden Neuerungen vom Fortschritt – von der Hoffnung auf eine bessere, schönere Welt für unsere Kinder und Kindeskinder. Und sollten wir diese Sehnsucht jemals vergessen oder preisgeben, steht eine Phalanx gewiefter Werber, Marketingexperten, Investoren und Politiker parat, um uns davon zu überzeugen, Geld, das wir nicht haben, für Dinge auszugeben, die wir nicht brauchen, um Eindrücke, die nicht von Dauer sind, bei Menschen zu hinterlassen, die uns nichts bedeuten.

Kurzum, die Erfordernisse des Kapitals und die rastlose Seele des Konsumenten scheinen auf unheimliche Weise ineinanderzugreifen. Mit dem Verweis auf dieses Grundprinzip und dem Wirtschaftswachstum als seinem Mantra scheint der Kapitalismus per se nicht aufzuhalten. »Akkumuliert! Akkumuliert! Das ist Moses und die Propheten!«, wie Karl Marx einmal sagte. Zu Beginn unseres Jahrhunderts war die Weltwirtschaft bereits fünfmal so groß wie zur Mitte des vergangenen. Die Grundannahme dabei lautet, dass das Wachstum unaufhörlich weitergeht. Nicht nur für die ärmsten Länder, die dringend auf eine Verbesserung der Lebensqualität angewiesen sind, sondern selbst für die reichsten Nationen, in denen der Wohlstand inzwischen die Grundlagen unseres Wohlergehens bedroht. Bleibt es bei der historischen Wachstumsrate, dann wird die Weltwirtschaft am Ende dieses Jahrhunderts 80-mal so groß sein wie vor 50 Jahren.

Diese außerordentliche Steigerung der Wirtschaftstätigkeit ist in der Geschichte ohne Beispiel. Sie steht in völligem Widerspruch zu unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen über die endliche Ressourcenbasis unseres Planeten und die störungsanfällige Ökologie, von der unser Überleben abhängt. Sie ist im Übrigen bereits mit einer Schädigung von geschätzten 60 Prozent der weltweiten Ökosysteme einhergegangen. Im Großen und Ganzen neigen wir dazu, die krasse Wirklichkeit zu ignorieren, die sich in diesen Zahlen ausdrückt. Nach dem Grund für unsere kollektive Blindheit muss man nicht lange suchen. Die Nachfrage zu stärken ist der Standardmechanismus, um wirtschaftliche Stabilität zu erlangen. Schwächelt die Nachfrage, wird es unangenehm. Unternehmen kämpfen ums Überleben. Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz, eine Abwärtsspirale droht. Unter diesen Umständen gilt es als Akt des Wahnsinns, als Tat von Idealisten und Revolutionären, das Wachstum infrage zu stellen. Und doch: Wir müssen es infrage stellen. Der Zusammenbruch von Lehman Brothers war mehr als nur der Auftakt zu einer zyklischen Liquiditätskrise. Das fahle Licht der Rezession ließ in der Glitzeroberfläche des Kapitalismus einen Riss nach dem anderen hervortreten. Heute ist nicht mehr zu übersehen, dass diese Risse bis zum Dreh- und Angelpunkt des Modells reichen.

Lassen wir für einen Moment außer Acht, dass ein System, das auf einer unablässig wachsenden Nachfrage beruht, ökologisch analphabetisch ist. Wie die Finanzkrise offenbarte, ist es auch noch strukturell gefährlich, denn eine ständige Erhöhung der Nachfrage ist ohne steigende Verschuldung nicht zu haben. Wenn die Schulden toxisch werden, bricht das System zusammen. Seit dem Jahr 2008 haben Regierungen Billionen von Dollar eingesetzt, um Banken zu retten und die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Doch haben die durch staatliche Kreditaufnahme finanzierten Steuerausgaben nur eine neue Krise heraufbeschworen.