Es war kurz vor halb sechs, kalt und Nacht, als Gerhard Alig, vom Schlaf benommen, in den Oberen Chor der Kirche trat, der nur wenig beleuchtet war, und den Neuen sah, einen gewissen Marcel Bosshard aus New York oder Zürich oder so, von dem es hieß, er sei berühmt, Erfinder der lila Milka-Kuh.

Der Neue saß im Gestühl, bärtig, breit und schwer, vor sich ein Buch, und schaute hinauf zur Decke, zum heiligen Benedikt in der Mitte von Schnörkel und Stuck. Gerhard Alig, seit fünf Tagen im Kloster, setzte sich neben ihn. Er fror.

Und der Abt, wie jeden Morgen um halb sechs, begann mit hoher Stimme zu singen: Herr, öffne meine Lippen.

Dann hoben die anderen an, dreißig Mönche in langen schwarzen Kutten, Dampf vor den Gesichtern. Der Neue hob das Buch, das Antiphonale, und brummte mit, Freitag, 15. Dezember 1989, 7180 Disentis, Schweiz: Herr, weit öffne ich meinen Mund und lechze nach deinen Geboten, denn nach ihnen hab ich Verlangen.

Drei Viertelstunden lang.

Endlich schlossen sie ihre Bücher und verließen den Chor, gingen schweigend und schnell durch hohe Gänge aus altem Stein, setzten sich ins Refektorium, den Speisesaal, einer neben den andern, Gerhard neben den Neuen, aßen Brot, tranken Kaffee aus henkellosen Tassen und sprachen kein Wort.

Später am Tag, draußen vor der Klausur, wo lautes Reden gestattet ist, reichte der Neue Gerhard die Hand, er heiße Marcel.

Und Gerhard dachte: Der könnte mein Vater sein.

Wie alt er sei?, fragte der Neue.

Zwanzig, sagte Gerhard.

Wie mein Sohn!, sagte der Neue und lachte, dass es hallte.

Fünf Mal am Tag war Gottesdienst, 5.30 Uhr Vigil und Laudes, 7.30 Uhr Konventamt, 11.45 Uhr Mittagshore, 18 Uhr Vesper, 20 Uhr Komplet.

Ein schüchterner Bub, dieser Gerhard!

Mit seinen Eltern war er angereist am zweiten Sonntag im Advent 1989, Bäckergeselle aus dem Bergdorf Meierhof, Gemeinde Obersaxen, eine halbe Zugstunde talabwärts. Sie hatten einen Koffer dabei und stiegen hinauf in den Novizenstock, die Mutter öffnete den Koffer, füllte den Schrank mit Gerhards Kleidern.

Dann ging sie, nahm den Koffer mit.

Die erste Nacht war schlimm, meine traurigste Nacht überhaupt. Ich war verzweifelt, ich heulte. Aber dann fing ich an zu beten: So, Herrgott, du hast mich ins Kloster geholt, da bin ich, jetzt hilf mir.

Ein Muttersohn warst du.

Wir hingen sehr aneinander, Mama und ich, sagt Bruder Gerhard Alig und legt eine Hand in die andere.

Ich hingegen mochte meine Mutter nicht, Madame Bosshard. Die mir den Namen Marcel gegeben hatte. Marcel Raymond! In der Schule riefen sie mich Marcelelelelli, Marcelelelleli. Meine Mutter glaubte, es mache sie besonders, ihren Kindern französische Namen zu geben und französisch mit ihnen zu quatschen.

Der Abt bestimmte Gerhard, den Jungen, zum Konventbruder, Marcel, den Alten, zu seinem Gehilfen. Nach jedem Essen, Gerhard vorn, Marcel hinten, gingen sie von Tisch zu Tisch und sammelten die Servietten ein, die Gläser, das Besteck, putzten die Möbel mit Besen und Lappen.

Stumm saßen die Mönche vor ihren Tellern, Tag nach Tag, 06.15 Uhr, 12 Uhr, 18.30 Uhr, hörten zu, wie einer laut las aus einem Buch über Politik, Medizin oder Raumfahrt, ein paar Sätze aus dem Evangelium und aus der Regel des heiligen Benedikt von Nursia: Der erste Schritt zur Demut ist Gehorsam ohne Zögern, er ist die Haltung derer, denen die Liebe zu Christus über alles geht.