Kloster Brüder im Geiste

Der eine war ein berühmter Werbegrafiker, der andere war ein schüchterner Bäckergeselle. Beide gingen ins Kloster. Seit ihrem ersten Tag dort vor mehr als zwanzig Jahren sind sie unzertrennliche Freunde.

Es war kurz vor halb sechs, kalt und Nacht, als Gerhard Alig, vom Schlaf benommen, in den Oberen Chor der Kirche trat, der nur wenig beleuchtet war, und den Neuen sah, einen gewissen Marcel Bosshard aus New York oder Zürich oder so, von dem es hieß, er sei berühmt, Erfinder der lila Milka-Kuh.

Der Neue saß im Gestühl, bärtig, breit und schwer, vor sich ein Buch, und schaute hinauf zur Decke, zum heiligen Benedikt in der Mitte von Schnörkel und Stuck. Gerhard Alig, seit fünf Tagen im Kloster, setzte sich neben ihn. Er fror.

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Und der Abt, wie jeden Morgen um halb sechs, begann mit hoher Stimme zu singen: Herr, öffne meine Lippen.

Dann hoben die anderen an, dreißig Mönche in langen schwarzen Kutten, Dampf vor den Gesichtern. Der Neue hob das Buch, das Antiphonale, und brummte mit, Freitag, 15. Dezember 1989, 7180 Disentis, Schweiz: Herr, weit öffne ich meinen Mund und lechze nach deinen Geboten, denn nach ihnen hab ich Verlangen.

Drei Viertelstunden lang.

Endlich schlossen sie ihre Bücher und verließen den Chor, gingen schweigend und schnell durch hohe Gänge aus altem Stein, setzten sich ins Refektorium, den Speisesaal, einer neben den andern, Gerhard neben den Neuen, aßen Brot, tranken Kaffee aus henkellosen Tassen und sprachen kein Wort.

Später am Tag, draußen vor der Klausur, wo lautes Reden gestattet ist, reichte der Neue Gerhard die Hand, er heiße Marcel.

Und Gerhard dachte: Der könnte mein Vater sein.

Wie alt er sei?, fragte der Neue.

Zwanzig, sagte Gerhard.

Wie mein Sohn!, sagte der Neue und lachte, dass es hallte.

Fünf Mal am Tag war Gottesdienst, 5.30 Uhr Vigil und Laudes, 7.30 Uhr Konventamt, 11.45 Uhr Mittagshore, 18 Uhr Vesper, 20 Uhr Komplet.

Ein schüchterner Bub, dieser Gerhard!

Mit seinen Eltern war er angereist am zweiten Sonntag im Advent 1989, Bäckergeselle aus dem Bergdorf Meierhof, Gemeinde Obersaxen, eine halbe Zugstunde talabwärts. Sie hatten einen Koffer dabei und stiegen hinauf in den Novizenstock, die Mutter öffnete den Koffer, füllte den Schrank mit Gerhards Kleidern.

Dann ging sie, nahm den Koffer mit.

Die erste Nacht war schlimm, meine traurigste Nacht überhaupt. Ich war verzweifelt, ich heulte. Aber dann fing ich an zu beten: So, Herrgott, du hast mich ins Kloster geholt, da bin ich, jetzt hilf mir.

Ein Muttersohn warst du.

Wir hingen sehr aneinander, Mama und ich, sagt Bruder Gerhard Alig und legt eine Hand in die andere.

Ich hingegen mochte meine Mutter nicht, Madame Bosshard. Die mir den Namen Marcel gegeben hatte. Marcel Raymond! In der Schule riefen sie mich Marcelelelelli, Marcelelelleli. Meine Mutter glaubte, es mache sie besonders, ihren Kindern französische Namen zu geben und französisch mit ihnen zu quatschen.

Der Abt bestimmte Gerhard, den Jungen, zum Konventbruder, Marcel, den Alten, zu seinem Gehilfen. Nach jedem Essen, Gerhard vorn, Marcel hinten, gingen sie von Tisch zu Tisch und sammelten die Servietten ein, die Gläser, das Besteck, putzten die Möbel mit Besen und Lappen.

Stumm saßen die Mönche vor ihren Tellern, Tag nach Tag, 06.15 Uhr, 12 Uhr, 18.30 Uhr, hörten zu, wie einer laut las aus einem Buch über Politik, Medizin oder Raumfahrt, ein paar Sätze aus dem Evangelium und aus der Regel des heiligen Benedikt von Nursia: Der erste Schritt zur Demut ist Gehorsam ohne Zögern, er ist die Haltung derer, denen die Liebe zu Christus über alles geht.

Marcel Raymond Bosshard, fast fünfzigjährig, im Kloster seit vier Wochen, schrieb in einer Nacht voller Fragen auf ein Stück Papier, das heute noch, 21 Jahre später, neben seinem ruhelosen Bett hängt: Schlafe jetzt in Frieden, damit du morgen früh, wenn ich dich wecke, sofort aufstehst und heiter deine Gebete und deine Arbeit verrichtest, 12. Januar 1990.

Freiwillig geht keiner ins Kloster, sagt er jetzt, ins Kloster geht, wer muss.

Wer nicht anders kann.

Geht mit Haut und Haar.

Stimmt’s?, Gerhard?

Bruder Gerhard drückt zwei Finger auf seinen schwarzen Schnäuzer, führt sie, den Daumen rechts, den Zeigefinger links, zu den Mundwinkeln und nickt.

Bruder Gerhard Alig war das jüngste von vier Kindern, blau wie eine Zwetschge, sagt er, sei er auf die Welt gekommen am 7. Januar 1969, eine Qualgeburt und wohl auch deshalb der Liebling seiner Mutter, die ihm, wenn der Schnee bis zu den Fenstern reichte, das Stricken und Sticken beibrachte, am wohlsten sei ihm bei Mama gewesen, zu Hause in Meierhof, wo im Ofen die Scheite knisterten und Eisblumen die Fenster zierten, wo Jahr für Jahr das Christkind kam, das Gerhard, die Augen voller Glut, immer nur knapp verpasste.

Einmal, vielleicht neunjährig, lag er krank im Bett, tagelang, fiebrig, da brachte ihm der Vater, ein Maurer, zehn Tonbandkassetten, S Häxegärtli, De Ritter Nimmersatt, Heiter geht’s weiter. Manche Stellen kennt Bruder Gerhard Alig, Mönch der Benediktinerabtei Disentis, heute noch auswendig und plappert sie Bruder Magnus, der einst Marcel hieß, vor, bis der sich den Bauch klopft. Kommt der Lehrer zur Schule und sieht vor dem Schulhaus eine Botschaft in den Schnee gepinkelt: Der Lehrer ist doof. Im Schulzimmer fragt er: Wer hat das gemacht? Keiner meldet sich. Wer hat das gemacht? Alle schweigen. Der Lehrer schreit: Wer hat da draußen in den Schnee gepinkelt, Herrgott noch mal? Da streckt Hansli zaghaft den Finger und sagt leise: Ich! – aber geschrieben hat Vreneli.

05.30 Uhr Vigil und Laudes, 7.30 Uhr Konventamt, 11.45 Uhr Mittagshore, 18 Uhr Vesper, 20 Uhr Komplet: Herr, höre auf meine Stimme in deiner Huld, belebe mich, Herr, durch deine Entscheide.

Zur Kommunion schritt Marcel, der fünf Tage nach Gerhard ins Kloster eingetreten war, hinter Gerhard, der Dienstältere voran, das Chorgestühl verließ Gerhard vor Marcel, gemeinsam sammelten sie Servietten, die Gläser, das Besteck, Tag nach Tag, putzten die Tische mit Besen und Lappen, flüsternd, weil die Regel lautes Reden in der Klausur verbietet.

Wie heiter und wie arglos der Bub doch ist, dachte Marcel manchmal.

Wie gut der Marcel reden kann, dachte Gerhard.

Gerhard wollte nicht weinen, als der Abt ihm beschied, er dürfe an Weihnachten nicht nach Meierhof zu den Eltern.

Marcel, in seinen ersten Nächten, lag wach im Bett und wunderte sich, wo er war, er wälzte sich und haderte, las den Trost, den er sich erfunden hatte: Schlafe jetzt in Frieden, damit du morgen früh, wenn ich dich wecke, sofort aufstehst.

Nach dem Tod seines Vaters, eines bekannten Grafikers und Werbers in der Stadt St. Gallen – Marcel Bosshard war zehn, als er starb –, hatte ihn die Mutter, vom Ungestüm des Sohnes überfordert, in die Klosterschule der Benediktiner von Disentis geschickt, Bündner Vorderrheintal, Surselva, am Fuß von Lukmanier und Oberalp, Niemandsland für den Knaben, Straßen ohne Asphalt, ein Dorf voller Schüler, Mönche und Ziegen, September 1953. Fünfzig Buben schliefen in einem Saal, Bett neben Schrank neben Bett, und jene, die schon einige Jahre hinter sich hatten, standen nachts auf und pissten denen, die neu waren, aufs Bett.

Marcel war Realschüler, drei Jahre lang, lustlos, faul und wäre gern, wie so viele andere, Ministrant gewesen, hätte gern, wenn Messe war, einen Auftritt genossen, das Rauchfass geschwungen oder die Glocke geläutet. Man ließ ihn nicht.

Aber kaum war ich hier, fast vierzig Jahre später, musste ich ministrieren, ich alter Säckel, ich musste, kräht Bruder Magnus, einst Marcel.

Was lachst du?, fragt er Bruder Gerhard, der neben ihm sitzt.

Wenn du nicht ab und zu ministrieren müsstest, sähe man dich in der Kirche überhaupt nicht mehr.

Bruder Magnus faltet die Hände, als wollte er beten, und knurrt ins Besucherzimmer, erster Stock: Mein Schwachpunkt, mein verdammter Schwachpunkt.

Wie grob der redet, dachte Gerhard Alig manchmal.

Im Kloster ging die Rede, es dauere kaum lange, bis die Neuen sich zankten und stritten, der eine sei zu jung für den anderen, der andere zu erfahren für den einen.

Gemeinsam saßen Gerhard und Marcel in der Novizenschule, drei Lektionen vormittags, Einführung in die Regel des heiligen Benedikt, Spiritualität, Liturgie, allgemeine Bibelkunde, Ordensgeschichte, Klostergeschichte, Choral, Psalmen, Rätoromanisch. Begann Marcel, froh um jede Gelegenheit, mit dem Novizenmeister zu debattieren, schwieg Gerhard und dachte: Wozu dieses Gerede, wo Gott uns sowieso liebt?

Manchmal, wenn Gerhard und Marcel allein waren, erzählten sie sich ihre Leben.

1956, der Klosterschule glücklich entkommen, zog Marcel Bosshard wieder zur Mutter nach St. Gallen, die er nicht liebte, und besuchte die Kunstgewerbeschule, begann dann eine Lehre als Grafiker, wollte werden, was sein Vater gewesen war, Werber, Lebemann, erfolgreich, berühmt.

Doch schon während der Lehre, sagte Marcel, habe ihn, frech wie ein herrenloser Hund, ab und zu der Gedanke angesprungen, eines Tages Mönch zu werden. Dieser Gedanke, erzählte er Gerhard, habe ihn geängstigt: Ich ins Kloster! Zu den Träumern und Frömmlern! Spinne ich denn?

Gerhard Alig, Realschüler in Obersaxen, Ministrant aus Leidenschaft, wollte Maler werden, 1984, die Lehrstelle hatte er längst. Da schrieb er im letzten Aufsatz, das Schönste, was er in der Schule je erlebt habe, sei der Tag gewesen, als man in einem Holzofen Brot buk.

Und der Lehrer fragte: Möchtest du, statt Maler, nicht lieber Bäcker werden?

Und Gerhard antwortete: Warum nicht?

Also ging der Lehrer zum Dorfbäcker und empfahl ihm den Jungen. Gerhard begann am nächsten Morgen um vier und blieb, wurde Bäcker und blieb, wohnte bei den Eltern, ging oft und gern zur Kirche, manchmal auf Umwegen, damit die Kameraden nicht sahen, dass er schon wieder ging, half dem Priester, half dem Mesner. Abends saß er neben der Mutter und stickte das Ave Maria mit rotem Faden in grobes graues Tuch: Ave Maria, gratia plena, Dominus tecum. Benedicta tu in mulieribus et benedictus fructus ventris tui, Iesus.

Eine Freundin hattest du nie?, sagte Marcel.

Nein, antwortete Gerhard.

Eine Freundin hat dir auch nie gefehlt?

Nein.

Meine erste Freundin, erzählte Marcel, hatte ich hier in Disentis, als Klosterschüler. Nachts riss ich oft aus und besuchte sie.

05.30 Vigil und Laudes, 07.30 Konventamt, 11.45 Mittagshore, 18 Vesper, 20 Komplet: Lass mich niemals scheitern, rette mich in deiner Gerechtigkeit. Wende dein Ohr mir zu, erlöse mich bald.

Eines Tages stand Marcels ehemalige Frau vor der Pforte, Michael an ihrer Seite, der gemeinsame Sohn. Die Frau sagte: Warum, Marcel, hast du so lange gezögert, zu werden, was du sein wolltest?

Am 24. Juni 1991, einen Tag nach Marcels fünfzigstem Geburtstag, unterschrieben Gerhard Alig und Marcel Raymond Bosshard am Altar das Gelübde, die kommenden drei Jahre im Kloster Disentis zu leben, die Einfache oder Zeitliche Profess. Aus Novizen wurden Mönche, Brüder. Marcel wechselte den Namen, hieß nun Bruder Magnus, benannt nach dem heiligen Magnus, Schüler des heiligen Gallus, Patron gegen Mäuse, Raupen, Schlangen.

Und nachts, immer noch, immer wieder, die Frage: Warum bist du im Kloster? Was hat der Gott, an den du glaubst, sich dabei gedacht?

Heute weiß ich es, sagt Bruder Magnus heiser, Gott will mich hier, damit ich meinen Mitbrüdern ein bisschen Management beibringe, eine Ahnung von Werbung und Kommunikation. Ohne das kommt selbst eine Abtei nicht aus.

Und Zeichenlehrer bist du, sagt Bruder Gerhard.

Bildnerische Gestaltung, Grafikdesign, sagt Bruder Magnus.

Nach dem Tag der Zeitlichen Profess übernahm Bruder Gerhard die kleine Backstube des Klosters. Dort hängt das Kreuz, das einst im Wohnzimmer der Eltern hing, versehen mit dem Bild des Papstes und etwas Reisig, das Bruder Gerhard, Jahr nach Jahr, an Palmsonntag erneuert. Täglich backt er sechzehn Kilogramm Ruchbrot für die Schüler, fünf Kilo für die Mönche, manchmal auch Wurzelbrot oder eine Torte, Schwarzwälder oder Nuss.

Frisches Brot rückt der Kerl erst raus, wenn das alte gegessen ist, lärmt Bruder Magnus. In Gerhard steckt ein kleiner Sadist.

Brot schmeißt man nie weg!, schimpft Bruder Gerhard zurück.

War nicht so gemeint, sagt Bruder Magnus und legt seine Tatze auf Bruder Gerhards Arm.

Marcel R. Bosshard, Grafiker, Werber, Lebemann, zog nach Bern, arbeitete für die Agentur Young & Rubicam, heiratete seine Sekretärin, fuhr Bergrennen in einem BMW 507, rauchte Tabak und Haschisch, trank Wein und Whiskey, gab sich wie Fidel Castro, feldgrün, die Zigarre lässig in der Linken, den Alkohol in der Rechten, Marcel war laut und schnell, zerschlug, als die Rolling Stones 1967 im Zürcher Hallenstadion auftraten, Stuhl nach Stuhl, wurde Vater, 11. Juni 1967, Michael.

Du hast nichts ausgelassen, sagt Bruder Gerhard.

Ohne mein Vorleben wäre ich nicht hier, sagt Bruder Magnus. Verstehst du das?

Vielleicht, sagt Bruder Gerhard.

Vielleicht wäre ich nicht hier, sagt Bruder Magnus, wenn ich in Meierhof aufgewachsen wäre, umwattet von einer liebenden Mutter.

Es war nicht nur schön, sagt Bruder Gerhard, nichts ist nur schön.

Eines Tages, 1986, fragte der Bäckermeister seinen Gesellen Gerhard Alig: Das Kloster Disentis da hinten, wäre das nichts für dich?

Warum nicht?, sagte Gerhard.

Wenn du willst, rufe ich dort an und bestelle eine Broschüre.

Warum nicht?

Gerhard, siebzehn, besprach die Broschüre mit seiner Mutter.

In Disentis sind doch nur Studierte, wehrte sich Gerhard, alle klüger als ich.

Mama rief dann an, ich hatte nicht den Mut dazu, und Anfang Dezember brachte sie mich ins Kloster, 1986, ich blieb eine Woche.

Und seither weiß ich, wohin ich gehöre.

Er habe dann, erzählte Gerhard, als er vor Marcel sein Leben ausbreitete, zur Vorbereitung auf das Kloster den Kommunionhelferkurs gemacht, das Diplom hänge in seiner Zelle: Aufgrund des besuchten Kommunionhelferkurses erhält Herr Gerhard Alig, Meierhof-Obersaxen, die Vollmacht, im Einvernehmen mit dem Ortspfarrer die heilige Kommunion in der Pfarrei auszuteilen. Giusep Pelican, Generalvikar, Chur, 7. April 1989.

Allerdings habe der Abt ihm geraten, die Rekrutenschule zu absolvieren, siebzehn Wochen Militärdienst, um erst danach in Disentis eine Zelle zu belegen für den Rest des Lebens.

Siebzehn Wochen in der Fremde, Bäckersoldat in Boltigen im Simmental, Kanton Bern. So weit zu fahren, Umsteigen in Chur, Zürich, Bern, Thun, habe er nicht gewagt, sein Vater, erzählte Gerhard, habe ihn begleitet bis in den Hof der Kaserne.

Und dann das Gekicher, als die Kameraden erfuhren, Gerhard werde Mönch: Lass die Sau raus, solange du eine hast!

Gerhard schwieg.

Und trat am zweiten Adventssonntag 1989, 10. Dezember, nachmittags um zwei, ins Kloster ein. Die Mutter füllte den Schrank mit seinen Kleidern, küsste ihren Sohn, nahm den leeren Koffer mit: So, Herrgott, du hast mich hierher geholt, da bin ich, jetzt hilf mir.

Das Kloster, sagt Bruder Gerhard und schaut zum Fenster, ist meine Bestimmung.

Die zwei Brüder schweigen.

Für mich gibt es nichts Besseres, nichts Vernünftigeres, nichts Sinnvolleres, heisert Bruder Magnus ins Besucherzimmer Emmaus im ersten Stock der Benediktinerabtei von Disentis.

Nach jedem Essen, der Dünne vorn, der Dicke hinten, gehen sie von Tisch zu Tisch und sammeln die Servietten ein, die Gläser, das Besteck, putzen die Möbel mit Besen und Lappen seit 21 Jahren.

Er sei, sagt Bruder Magnus, glücklicher denn je.

Seine Ehe, seine große Liebe hielt drei Jahre. Erschüttert, dass ihm widerfuhr, was den Eltern schon widerfahren war, kaufte Marcel R. Bosshard einen Revolver. Entschied sich für Tabletten. Einlieferung in die Psychiatrie. Aus der Klinik entlassen, stürzte er sich in eine Psychoanalyse, sieben Jahre lang, und in die Karriere bei Young & Rubicam, größte Werbeagentur der Welt, Bosshard wurde Art Director, dann Creative Director, Frankfurt, Wien, Madrid, New York, Los Angeles, London, Zürich, er war laut, schnell, witzig, klug, charmant, floh von Affäre zu Affäre, warb für Pampers, Johnnie Walker, Shell, Camel, Meister Proper, erfand die berühmte lila Milka-Kuh mit.

Ist das alles? Ist das wichtig? Ist das gut? Ist das wahr?

Warum nicht ins Kloster?

Ich brachte das Gespenst nicht aus dem Kopf, und je entschlossener ich es vertrieb, desto schneller flatterte es wieder an.

Warum nicht ins Kloster?

Du doch nicht!

Irgendwann rief er den Gastbruder der Abtei Disentis an, 1988, er nannte seinen Namen und fragte, ob er eine Zeit lang im Kloster Aufnahme finde. Marcel R. Bosshard erzählte keinem, wohin er ging, blieb drei Wochen bei den Mönchen, kam Monate später wieder, blieb sechs Wochen und bat schließlich, für immer zu bleiben.

Und wenn wir dich nicht wollen?, fragte der Dekan.

Dann suche ich ein Kloster, das mich will.

Eintritt am Donnerstagabend, 14. Dezember 1989: Es ist seit Sonntag noch ein anderer hier im Novizenstock, ein gewisser Gerhard Alig, Bäcker, noch so jung.

Zum ersten Mal habe ich dich im Oberen Chor bei Vigil und Laudes gesehen.

Was hattest du für einen Eindruck?, fragt Bruder Magnus.

Keinen, lacht Bruder Gerhard.

Das ist schlecht!

Manche flüsterten, es dauere nicht lange, bis die Neuen einander die Augen auskratzten, der Alte sei zu eitel für den Jungen, der Junge zu schüchtern für den Alten.

Bruder Magnus klopft Brosamen von der weiten schwarzen Kutte, dann sagt er: Die Wahrheit ist, dass es zwischen Gerhard und mir, im Gegensatz zu fast allen anderen, die hier leben, noch nie ein böses Wort gab, never, nunca. Stimmt’s, Gerhard?

Bruder Gerhard nickt.

Täglich macht er sein Brot, gut zwanzig Kilogramm, und lässt nicht zu, dass frisches auf die Tische kommt, bevor das alte gegessen ist. Teilt der Pförtner mit, im Klosterladen lägen keine Nusstorten mehr auf, backt Bruder Gerhard Nusstorten, Zucker schmelzen, Rahm dazu, dann Nüsse, Honig, Mürbeteig. Montags trägt er die Wäsche in die Wäscherei, zehn Säcke, holt sie freitags, gewaschen und gebügelt, wieder und verteilt sie in Plastikkisten, jeder Mönch hat sein Behältnis, seine Nummer, Bruder Gerhard kennt sie auswendig, Abt Daniel 65, Bruder Magnus 175, Pater Urban 244, Bruder Franz 2, Bruder Urs 3: Ora et labora, bete und arbeite.

Und Bruder Magnus, bald siebzig, steht im Klassenraum, eine Schürze am Leib, die spannt. Er bringt den Kindern bei, wie man einen Bleistift hält, eine Gerade zeichnet, Farben wählt.

Mein eigentlicher Unterricht hier an der Klosterschule heißt Schule des Sehens.

Was ist das?, fragen die Schüler.

Ich will euch beibringen, nicht wie Affen durch die Gegend zu latschen, mit offenen Augen, aber ohne zu erkennen, was ihr seht.

Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, ob die verstehen.

Ich frage: Welche Sprache ist die mächtigste der Welt?

Englisch, sagen die Schüler.

Falsch!, sage ich, die mächtigste Sprache der Welt heißt Marketing, auch Verführung genannt.

Äääää!

Dann frage ich: Welchen Sänger hört ihr am liebsten?

Den und den, die und die, antworten die Schüler.

Wieso gerade den?, frage ich.

Weil der so hammercool ist!

Und weshalb ist der so hammercool?

Weil den alle so cool finden!

Schließlich erzähle ich den Kindern, dass ich einst, in meinem Vorleben, in Frankfurt wohnte. Dass in dem Haus, wo mein Büro war, auch die Sony Corporation ihr Büro hatte. Und dass ich dort ab und zu einen Kaffee trank. An der Wand hing eine riesige Europakarte, voll gesteckt mit vielen kleinen bunten Nadeln.

Jede Nadel, sage ich, steht für einen Product Manager. Und jeder Product Manager ist zuständig für ein Gebiet. Einer sogar für die Surselva zwischen Chur und Disentis.

Äääää!

Und jeder Product Manager muss in seinem Gebiet so und so viele Produkte verkaufen. Und wie macht er das? Indem er die Lokalradios abklopft und mit Produkten überhäuft, damit sie genau diese Produkte dauernd über den Sender jagen. Damit ihr glaubt, genau dieses Produkt sei hammercool.

Aha, sagen die Schüler.

Und mit der Mode ist es noch viel verreckter, sage ich. Woher wisst ihr, dass plötzlich Jeans geil sind, die am Knie ein Loch haben?

Weil die einfach geil sind, sagen sie.

Das sind sie nicht, sage ich. Ihr glaubt nur, die seien geil, weil eure Bravo- Heft-Helden sie tragen. Aber die machen das nicht gratis. Ihr seid Verführte, manipulierte Masse, schämt euch!

So ungefähr funktioniert meine kleine Schule des Sehens. Das Wertvollste, was man einem Schüler beibringen kann, ist die Fähigkeit zu entscheiden, möglichst frei von allen Sirenen.

Der 19. Juni 1994 war der Tag der Ewigen oder Feierlichen Profess. Bruder Gerhard und Bruder Magnus gelobten, im Kloster Disentis zu bleiben bis an ihr Ende. Sie standen im Chor der Kirche, der Abt rief: Komm, mein Sohn, und hör auf mich, die Furcht des Herrn will ich dich lehren.

Zuerst antwortete Bruder Gerhard, dann Bruder Magnus: Mit Gottes Hilfe bin ich bereit.

Sie legten sich flach auf den Boden, Bruder Gerhard rechts, Bruder Magnus links: Nimm mich auf, o Herr, nimm mich auf, o Herr, nimm mich auf, o Herr.

Und im Augenblick, da ich den Hymnus singe und damit mein Ordensgelübde, leuchtet grelles Licht, ein Blitz aus heiterstem Sommerhimmel. Typisch Magnus!, quakten manche, der kommt ohne Special Effect nicht aus.

Diesen Blitz habe ich nicht bemerkt, lacht Bruder Gerhard.

Weil du Tränen in den Augen hattest.

Kann sein, sagt Bruder Gerhard leise und isst von seiner Nusstorte, die man rühmt im ganzen Tal von Chur bis Disentis.

5.30 Uhr Vigil und Laudes, 7.30 Uhr Konventamt, 11.45 Uhr Mittagshore, 18 Uhr Vesper, 20 Uhr Komplet: Du hast es gesehen, Herr. So schweig doch nicht! Herr, bleib mir nicht fern!

Dass er beim Gebet so oft fehle, sagt Bruder Magnus jetzt, sei seine Niederlage.

Bruder Gerhard schweigt und legt die Hände in den Schoß.

Was denkst du?, fragt Bruder Magnus.

Manchmal bete ich für dich.

Ich weiß.

Dass du die Kraft findest, wieder teilzunehmen.

Bruder Magnus nickt und sagt: Keiner würde mir so fehlen wie du.

Ich?

Weil du mich lehrst, Gott nicht auf die Goldwaage zu stellen, sagt Bruder Magnus.

Und Bruder Gerhard lacht: Gott hat Humor, sonst hätte er dich nicht gemacht.

Sie sammeln die Servietten, der dünne Junge vorn, der dicke Alte hinten, die Gläser, das Besteck, Jahr nach Jahr, 6.15 Uhr, 12 Uhr, 18.30 Uhr. Abends, nach der Komplet, wenn die meisten in ihren Zellen verschwinden, setzt Bruder Gerhard sich ins Fernsehzimmer, häufig am Sonntag, schaut sich den neusten Film von Rosamunde Pilcher an, Gezeiten der Liebe, Entscheidung des Herzens, Nebel über Schloss Kilrush, und weint, wenn Mann und Frau sich finden.

Endlich trocknet er das Gesicht und rauscht in seine Klause nahe der Backstube, legt sich ins Bett, betet und schläft. Und erwacht vielleicht nach Mitternacht von Bruder Magnus’ schweren Schritten, unterwegs in die Krypta des Klosters, um allein zu sein mit Gott.

Wenn ich weine, dann dort, sagt Bruder Magnus. Am Ende aller Fragen, reduced to my max.

In diesem Herbst aber, das haben sie sich versprochen, reisen Bruder Gerhard Alig, noch immer leise und schmal, und Bruder Magnus Bosshard, laut und breit, nach Venedig, zum zwanzigsten Jubiläum ihrer Profess.

Sie nehmen ein Boot nach San Giorgio Maggiore, wo der heilige Gerhard einst Abt war, besteigen den Aufzug des Turms und fahren hinauf und treten ans Licht, lachend oder weinend, mit wehenden Kutten und fliegendem Haar. So Gott will, logo.

 
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