"Mit Gottes Hilfe bin ich bereit"
Und jeder Product Manager muss in seinem Gebiet so und so viele Produkte verkaufen. Und wie macht er das? Indem er die Lokalradios abklopft und mit Produkten überhäuft, damit sie genau diese Produkte dauernd über den Sender jagen. Damit ihr glaubt, genau dieses Produkt sei hammercool.
Aha, sagen die Schüler.
Und mit der Mode ist es noch viel verreckter, sage ich. Woher wisst ihr, dass plötzlich Jeans geil sind, die am Knie ein Loch haben?
Weil die einfach geil sind, sagen sie.
Das sind sie nicht, sage ich. Ihr glaubt nur, die seien geil, weil eure Bravo- Heft-Helden sie tragen. Aber die machen das nicht gratis. Ihr seid Verführte, manipulierte Masse, schämt euch!
So ungefähr funktioniert meine kleine Schule des Sehens. Das Wertvollste, was man einem Schüler beibringen kann, ist die Fähigkeit zu entscheiden, möglichst frei von allen Sirenen.
Der 19. Juni 1994 war der Tag der Ewigen oder Feierlichen Profess. Bruder Gerhard und Bruder Magnus gelobten, im Kloster Disentis zu bleiben bis an ihr Ende. Sie standen im Chor der Kirche, der Abt rief: Komm, mein Sohn, und hör auf mich, die Furcht des Herrn will ich dich lehren.
Zuerst antwortete Bruder Gerhard, dann Bruder Magnus: Mit Gottes Hilfe bin ich bereit.
Sie legten sich flach auf den Boden, Bruder Gerhard rechts, Bruder Magnus links: Nimm mich auf, o Herr, nimm mich auf, o Herr, nimm mich auf, o Herr.
Und im Augenblick, da ich den Hymnus singe und damit mein Ordensgelübde, leuchtet grelles Licht, ein Blitz aus heiterstem Sommerhimmel. Typisch Magnus!, quakten manche, der kommt ohne Special Effect nicht aus.
Diesen Blitz habe ich nicht bemerkt, lacht Bruder Gerhard.
Weil du Tränen in den Augen hattest.
Kann sein, sagt Bruder Gerhard leise und isst von seiner Nusstorte, die man rühmt im ganzen Tal von Chur bis Disentis.
5.30 Uhr Vigil und Laudes, 7.30 Uhr Konventamt, 11.45 Uhr Mittagshore, 18 Uhr Vesper, 20 Uhr Komplet: Du hast es gesehen, Herr. So schweig doch nicht! Herr, bleib mir nicht fern!
Dass er beim Gebet so oft fehle, sagt Bruder Magnus jetzt, sei seine Niederlage.
Bruder Gerhard schweigt und legt die Hände in den Schoß.
Was denkst du?, fragt Bruder Magnus.
Manchmal bete ich für dich.
Ich weiß.
Dass du die Kraft findest, wieder teilzunehmen.
Bruder Magnus nickt und sagt: Keiner würde mir so fehlen wie du.
Ich?
Weil du mich lehrst, Gott nicht auf die Goldwaage zu stellen, sagt Bruder Magnus.
Und Bruder Gerhard lacht: Gott hat Humor, sonst hätte er dich nicht gemacht.
Sie sammeln die Servietten, der dünne Junge vorn, der dicke Alte hinten, die Gläser, das Besteck, Jahr nach Jahr, 6.15 Uhr, 12 Uhr, 18.30 Uhr. Abends, nach der Komplet, wenn die meisten in ihren Zellen verschwinden, setzt Bruder Gerhard sich ins Fernsehzimmer, häufig am Sonntag, schaut sich den neusten Film von Rosamunde Pilcher an, Gezeiten der Liebe, Entscheidung des Herzens, Nebel über Schloss Kilrush, und weint, wenn Mann und Frau sich finden.
Endlich trocknet er das Gesicht und rauscht in seine Klause nahe der Backstube, legt sich ins Bett, betet und schläft. Und erwacht vielleicht nach Mitternacht von Bruder Magnus’ schweren Schritten, unterwegs in die Krypta des Klosters, um allein zu sein mit Gott.
Wenn ich weine, dann dort, sagt Bruder Magnus. Am Ende aller Fragen, reduced to my max.
In diesem Herbst aber, das haben sie sich versprochen, reisen Bruder Gerhard Alig, noch immer leise und schmal, und Bruder Magnus Bosshard, laut und breit, nach Venedig, zum zwanzigsten Jubiläum ihrer Profess.
Sie nehmen ein Boot nach San Giorgio Maggiore, wo der heilige Gerhard einst Abt war, besteigen den Aufzug des Turms und fahren hinauf und treten ans Licht, lachend oder weinend, mit wehenden Kutten und fliegendem Haar. So Gott will, logo.
- Datum 24.10.2011 - 14:42 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 27.10.2011 Nr. 44
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