Arbeiter auf einer Baustelle in Berlin © Sean Gallup/Getty Images

Man kann die Sache mit der Konjunktur so sehen wie Nicola Leibinger-Kammüller. Die 51-jährige Unternehmerin aus dem schwäbischen Ditzingen hat es sich »abgewöhnt«, an Prognosen zu glauben. Sie sagt, sie kenne all die Zahlen, die Wirtschaftsforscher und Konjunkturexperten vorlegen, doch mit ihren eigenen Erfahrungen deckten sich diese »nur zum Teil«. Ihr eigenes Unternehmen, der Maschinenbau- und Lasertechnikspezialist Trumpf, befinde sich jedenfalls auf klarem Wachstumskurs.

Hat die Frau da vielleicht etwas nicht mitbekommen? Seit Wochen deuten die Konjunkturprognosen auf einen deutlichen Abschwung hin – in Europa insgesamt und speziell in Deutschland. 2010 wuchs die deutsche Wirtschaft um 3,9 Prozent, 2011 werden es wohl immerhin noch rund drei Prozent, aber 2012 soll Schluss sein mit der Erfolgssträhne.

Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute urteilten Mitte Oktober in ihrem gemeinsamen Herbstgutachten: 2012 sei bloß noch mit 0,8 Prozent Wachstum zu rechnen , und zwar besonders wegen der Euro-Krise , denn »die stark erhöhte Unsicherheit wird die wirtschaftliche Nachfrage dämpfen«. Laut Geschäftsklimaindex des Münchner ifo Instituts, für den regelmäßig mehrere Tausend Unternehmen befragt werden, sind jetzt acht Monate hintereinander die Erwartungen an die Zukunft gefallen. Bei der Deutschen Bank heißt es: »Wir bleiben bei unserer Ansicht, dass die Wirtschaft auf eine Stagnation zusteuert oder vielleicht sogar eine Rezession im Winterhalbjahr.«

Viel davon hat mit der Angst vor einem neuen großen Knall zu tun. Die Konjunktur der USA hat sich zwar wieder ein bisschen berappelt, aber zugleich wachsen dort die Sorgen um weitere schlummernde Bomben am Finanzmarkt . Dazu kommt die Verunsicherung über den Zusammenhalt der Euro-Zone . In den meisten Konjunkturprognosen dieser Tage steht gegen Ende eine Art Absicherungssatz: Wenn die Euro-Krise nicht bald gelöst werde, dann könne der Absturz noch viel schlimmer ausfallen als prognostiziert. Man garantiere da für nichts.

Einen großen Knall braucht man aber gar nicht vorherzusagen, um davon auszugehen: Die deutsche Wirtschaft wächst künftig langsamer. Es kommen eine ganze Reihe von Entwicklungen zusammen.

Erstens: Der Boom der vergangenen zwei Jahre war teilweise eine Art Aufholjagd nach der Krise, die nun ganz natürlich an ihr Ende gerät. Zurückgestellte Käufe, Verkäufe und Investitionen wurden nachgeholt. So etwas geht nicht ewig weiter.

Zweitens: Schwellenländer wie China , Indien und Brasilien sind in den vergangenen Jahren erstaunlich stark gewachsen und haben damit manchen Nachfrageausfall aus den reicheren Ländern wettgemacht. Neuerdings aber müssen sie ihre eigene Konjunkturentwicklung bremsen. Die dortigen Notenbanker haben Angst, dass die Inflation aus dem Ruder laufen könnte; in China betrug sie einigen Berechnungen zufolge zuletzt zehn Prozent.