Kunstmarkt Aufregende Einsichten
Die "Highlights" in München macht ihrem Ruf als exquisiteste Kunstmesse Deutschlandsalle Ehre.
So viel Drama war selten. Vergeblich bäumt sich Laokoon auf und versucht, den tödlichen Biss der Schlange abzuwehren, die Athena, die Schutzgöttin der Griechen, auf den Warner vor dem Trojanischen Pferd und seine beiden Söhne angesetzt hat. Mancher Besucher könnte sich an die politische und finanzielle Lage erinnert fühlen, wenn er jetzt die Kunstmesse Highlights in München besucht und an dem Stand der römischen Galleria W. Apolloni auf Vincenzo de’ Rossis hochdramatische Marmorversion der Laokoon-Gruppe stößt. Rossi, vom florentinischen Manierismus geprägt, hielt sich nicht sklavisch ans antike Vorbild, das erst wenige Jahrzehnte zuvor, 1506, gefunden worden war und gewaltiges Aufsehen erregt hatte. In Gestus und Körpertorsion übersteigert sein mit dem Tod ringender Laokoon sogar das Original. 1,9 Millionen Euro soll das Stück kosten, was beweist, dass die Finanzkrise zumindest die Highlights noch nicht erreicht hat. Von dem Altmeisterexperten und -galeristen Konrad Bernheimer initiiert, mit einem erlesenen Kreis von Händlern gegründet und im vergangenen Jahr erstmals im Haus der Kunst veranstaltet, bestätigt sie erneut den Ruf, die exquisiteste internationale Kunstmesse in Deutschland zu sein. Bis zum 30. Oktober dauert sie noch an; parallel dazu zeigen die Kunst-Messe München, die Munich Contempo und die Kunst & Antiquitäten-Veranstaltung am Nockherberg ein breitgefächertes Angebot.
Auf der Highlights suggeriert die klare, offene Raumgestaltung Transparenz und Weitläufigkeit, obwohl 55 Händler einen eher knappen Platz bespielen müssen. Dass einige von ihnen aus solcher Not (oder der Standgebühr wegen) eine Tugend gemacht haben und gemeinsam ausstellen, verschafft dem Besucher aufregende Einsichten – etwa wenn beim Hamburger Thole Rothermund ein geometrisch gestaltetes und erdfarben nuanciertes Dorf-Aquarell von Klee (159.000 Euro) mit der streng ornamentalen Silhouette einer Maske aus Ozeanien korrespondiert. Die präsentiert Adrian Schlag, der Brüsseler Händler für »Tribal Art Classics«, zum Preis von 180.000 Euro. Außereuropäisches aus weiter zurückliegenden Jahrhunderten findet der kaufwillige Kunstsammler und Messeflaneur noch bei Piva aus Mailand oder der Wiener Galerie Bienenstein.
Doch das Schwergewicht dieser Messe liegt auf deutscher, französischer, italienischer und niederländischer Kunst, die von Skulpturen und Büsten aus der Antike, begehrten Zeichnungen des 19. Jahrhunderts bis zu Gemälden und Grafiken der klassischen Moderne reicht. Etwa Picasso, der bei Thomas, Beck & Eggeling, Florian Sundheimer und, exponiert, bei Salis & Vertes (Salzburg, Zürich) vertreten ist. Oder Cézanne, dessen malerisch reizvolles Porträt seines schlafenden Sohnes Paul, 1881/82 entstanden, bei Arnoldi-Livie 1,6 Millionen Euro kostet. Fein illuminierte Handschriften aus Heribert Tenscherts antiquarischem Bestand datieren wiederum bis ins 13. Jahrhundert zurück. Sogar ein Stundenbuch der Lucrezia Borgia findet sich unter seinen Kostbarkeiten. Beim Mailänder Silvano Lodi & Due sticht ein Werk aus der frühen Romzeit von Michael Sweerts (1618 bis 1664) hervor, das trotz seiner partiell abgeriebenen und dünn gewordenen Malerei auf 500.000 Euro veranschlagt ist. Doch der Flame zählt, ähnlich wie der fast ein Jahrhundert später geborene Neapolitaner Gaspare Traversi bei Benappi, zu den hochgehandelten Wiederentdeckungen der letzten Jahre.
Natürlich fehlen auf der Messe weder Porzellan- und Silberpreziosen, noch exquisite Möbel des Barock, Rokoko und Empire. Ein reizvolles Schaustück, fast zu nobel für banale Schreiberei, stellt der um 1812 höchst aufwendig und delikat ausgestattete Wiener Sekretär in Lyraform dar, den man beim Bremer Galeristen Neuse für 650.000 Euro erstehen kann. Wer sich auch noch zwei barocke Prunkrahmen mit höfischen Insignien aus der Werkstatt des Hofbildhauers Grupello leisten will, hat hier stattliche 300.000 Euro hinzublättern. Nur für die Rahmen, versteht sich, ohne Bild.
Bescheidenere Formate sind günstiger im Preis. So muss bei Böhler, München, ein Liebhaber für den Kauf der hinreißenden, kleinen, wohlig lagernden und vom flötenden Amor-Putto betörten Venus aus der Werkstatt Balthasar Permosers 75000 Euro zahlen. Generell gilt an diesem Ort allerdings: Wer Highlights will, muss sich die auch etwas kosten lassen.
- Datum 27.10.2011 - 15:20 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.10.2011 Nr. 44
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