Von den vielen wichtigen Arbeiten, die jedes Jahr weltweit über Martin Heidegger erscheinen, finden nur die wenigsten die öffentliche Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Blickt man umgekehrt vom erreichten Forschungsstand auf die Feuilleton-Debatten, die sich jedes Mal entzünden, wenn ein neues oder vermeintlich neues Detail zur Causa »Heidegger und der Nationalsozialismus« publiziert wurde, dann ist wiederum an ihnen nichts Substanzielles zu entdecken. Denn anders als dann meist suggeriert wird, sind Heideggers Rektorat 1933/34, sein während dieser Zeit praktizierter Verrat am eigenen philosophischen Konzept und auch die antisemitischen Ausfälle längst Teil des Umganges mit dem Seinsdenker. Zahllose Autoren, von Ernst Cassirer bis zu Jeffrey A. Barash, haben all das klar benannt – heute profitiert eine jüngere Generation von Heidegger-Forschern davon, darunter die Autoren zweier bemerkenswerter Neuerscheinungen.

Alfred Denker ist seit Langem in Sachen Aufklärung über Heidegger engagiert. Gemeinsam mit Holger Zaborowski, dem wir die bislang beste, 2010 erschienene Darstellung der nationalsozialistischen Periode verdanken, gibt er das Heidegger-Jahrbuch heraus und ist verantwortlich für eine kritische Briefausgabe, die jüngst mit der alles andere als schmeichelhaften Korrespondenz mit dem Kunsthistoriker Kurt Bauch startete. Seit Jahren arbeitet er an einer dreibändigen Biografie Heideggers.

Eine Art Kurzfassung dieses Vorhabens ist nun erschienen – zweifellos die beste Einführung in das Werk des Philosophen. Dazu schreitet Denker die zentralen Stationen des 1889 in Meßkirch geborenen und 1976 in Freiburg verstorbenen Heidegger ab, Lebens- und Denkweg geschickt verknüpfend. Eindrücklich wird das ländlich-katholische Milieu beschrieben, das großen Einfluss auf seine frühen Schriften hat. Weniger Loslösung denn Transformation der Glaubensinhalte glaubt Denker in der späteren Entwicklung zu erkennen, wie noch Sein und Zeit, das erste Hauptwerk von 1927 belege. Auch wenn die unvollendet gebliebene Schrift ausführlich gewürdigt wird: Die Unfähigkeit Heideggers, ein adäquates Verständnis von Mit-Sein zu formulieren, wird deutlich. Biografische Details, so die Affäre mit Hannah Arendt, werden endlich als das bezeichnet, was sie letztlich waren: mit einem gewissen Kosten-Nutzen-Kalkül betriebene Nebensächlichkeiten.

Klare Worte findet Denker auch für Heideggers Verhalten im Nationalsozialismus . Dazu benötigt er keine billigen Enthüllungen, benennt stattdessen die nachweisliche Reinigung diverser Korrespondenzen, sieht gar manche Haltung Heideggers von damals bis zum Lebensende beibehalten. Gleichzeitig konzediert Denker, dass Heidegger bereits kurz nach der Rektoratsübernahme einen Lernprozess durchmachte, der ihn von allen Illusionen geheilt habe, den »Führer führen« (Karl Jaspers) zu können. All das bettet Denker in eine Rekonstruktion der Denkentwicklung ein, weitestgehend befreit vom Jargon des Meisters und doch von der unleugbaren Bedeutung dieses Philosophen tief überzeugt. Kurzum: eine selbstbewusste Einführung, die große Erwartungen an die angekündigte Biografie weckt.

Ein ganz anderes Ziel verfolgt die in jeder Hinsicht gewaltige Dissertation von Florian Grosser. Dessen Textanalysen versuchen zu klären, wie sich die Politisierung von Heideggers Denken seit 1919 entwickelte. Zu Recht sieht Grosser eine komplizierte Beziehung zwischen politisierter Philosophie , die die Rudimente der ursprünglichen Philosophie bewahrt, und philosophischer Politik, die die Indienststellung zugunsten der nationalsozialistischen Ideologie nicht unterdrücken will. Innerhalb dieses Schemas werden zahlreiche Bedeutungsverschiebungen ausgemacht, die Heideggers schon von Jacques Derrida erkannte »strukturelle Zweideutigkeit« deutlich herausstellen. Die Unschärfe, die seit Sein und Zeit konstitutiv für Heideggers Denken ist, lässt ihn nur mühsam aus dem Zwiespalt Philosophie/Politik heraustreten. Erst der Versuch, die traditionelle Metaphysik durch das »Seynsdenken« zu überwinden, lässt ihn erkennen, dass der Nationalsozialismus ein »Hochrisikoprojekt« (Grosser) war. Denn das Seynsdenken war an die Idee gekoppelt, der Mensch möge in eine »neue Wesensart versetzt werden« (Heidegger).

Natürlich hallt in solchen Formulierungen noch immer das Pathos des Revolutionärs nach, der Heidegger spätestens 1933 sein wollte. Doch sein Interpret sieht darin ebenso einen Befreiungsversuch von der alten subjektorientierten Philosophie, die im Falle Heideggers zu einem Schulterschluss von Denken und Tat führte. Damit »entkommt« der nunmehrige Seynsdenker zwar nicht der selbst gestellten Falle, wonach Philosophie und politisches Handeln nicht mehr unterschieden werden sollen. Dafür stärkt er innerhalb seiner politischen Philosophie deren Kerngehalt. Der stets skrupulös argumentierende Grosser macht auf eine Tatsache aufmerksam, die oft gänzlich unterschlagen wird: Niemals hat der bedeutende Philosoph seine Überlegungen auf die Bedeutung von Institutionen hin ausgerichtet – womit er scharf gegen die Lehren des geschätzten Aristoteles verstieß. Ihm hätte sonst klarwerden müssen, dass die Fragen nach »Ordnung«, »Arbeit« oder »Volk« in einem »praktischen« Rahmen gedacht werden müssen, der jede Metaphysik nur als Ausflucht entlarvt.

Grossers Arbeit muss künftig für die Klärung von Heideggers politischer Denkentwicklung herangezogen werden. Hier wird der Umgang mit Heidegger als eine extreme Probe auf die Integrität von Philosophie erkennbar. Beide, Grosser und Denker, führen zudem vor, dass beides zugleich möglich und produktiv ist: philosophische Würdigung und harte Kritik.