Trifft Technik auf menschliches Gewebe, drohen Komplikationen. Niemand weiß das so gut wie Joachim Hassenpflug. In seinem Kieler Büro öffnet der Orthopäde einen Schrank und sammelt glänzende Metallkugeln, mattgraue Metallschäfte und gelbliche Kunststoffschalen aus den Fächern. Dann demonstriert Hassenpflug das Grundproblem. Er hält einen ausgehöhlten Oberschenkelknochen in die Luft und stopft von oben einen Metallschaft hinein. So verankern die Ärzte Hüftprothesen im Bein. »Starres Metall auf elastischem Knochen«, sagt Hassenpflug und wackelt an dem Schaftende. »Das stört die Statik.«

Jetzt setzt der Arzt eine Metallkugel, den Gelenkkopf, auf das obere Schaftende und stülpt das Gegenstück darüber, eine Gelenkpfanne aus Kunststoff. Wie ein Stößel in einem Mörser reibt die Kugel in der Pfanne. Kleinste Unregelmäßigkeiten bei der Herstellung, eine Kerbe im Metall zum Beispiel oder ein Fehler beim Einbau, und schon erodiert das Kunstgelenk, lockert sich die Prothese.

Das Verpflanzen künstlicher Gelenke ist ein ebenso lukratives wie heikles Geschäft. Jedes Jahr lassen sich rund 400.000 Menschen in Deutschland eine neue Hüfte oder ein Knie aus Metall einsetzen. Im selben Zeitraum müssen sich 35.000 Patienten mit künstlichen Hüft- oder Kniegelenken noch einmal unter das Messer legen, weil ihr Implantat aus irgendeinem Grund Schwierigkeiten macht. Ein untragbarer Zustand, findet Hassenpflug. »Die Zahl dieser Wechseloperationen müssen wir verringern«, fordert der Direktor der Klinik für Orthopädie im Universitätsklinikum Schleswig-Holstein. Und er verfolgt auch schon einen entsprechenden Plan: viele Fälle sammeln und daraus lernen. Der Kieler Orthopäde ist ehrenamtlicher Geschäftsführer des allgemeinnützigen Endoprothesenregisters Deutschland (EPRD), einer Tochter der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie . In diesem Monat hat die Testphase für das zentrale Melderegister für alle implantierten Hüft- und Knieprothesen (sogenannte Endoprothesen) begonnen. In Hassenpflugs Büro laufen die Fäden für dieses weltweit größte Kunstgelenkarchiv zusammen. Geht alles gut, dann nimmt das Register im April nächsten Jahres seine reguläre Arbeit auf.

Die Kliniken wissen oft nicht, welcher Patient welche Prothese bekommen hat

Für die hohe Zahl der Wechseloperationen, sogenannter Revisionen, gibt es ein Bündel von Ursachen: Manchmal ist der Hersteller schuld, manchmal der Operateur. Mit den Daten des Prothesenregisters könnten die Ärzte in Zukunft die Ursachen des Problems aufspüren: Welche Kliniken fallen auf, weil Patienten sich häufig einem vorzeitigen Prothesenwechsel unterziehen müssen? Haben die Chirurgen dort ein Problem mit einem besonders anspruchsvollen Typ von Gelenkersatz? Gibt es häufiger, als zu erwarten wäre, Ärger mit einem bestimmten Prothesenmodell? Ist womöglich eine Fehlkonstruktion im Umlauf?

Erst kürzlich zeigte ein Fall, wie wichtig solche Warnsysteme sein können: Mehr als 5.500 Exemplare des ASR-Hüftsystems des amerikanischen Herstellers DePuy waren allein in Deutschland eingesetzt worden. Es sollte ein besonders widerstandsfähiger und lange haltbarer Gelenkersatz sein. Doch bereits nach sechs Jahren waren 29 Prozent der Implantate mürbe. Die Prothesenköpfe hatten in den Prothesenpfannen große Mengen Partikel abgeschmirgelt. Ärzte berichteten, dass das Gemisch Knochen, Muskeln und Fettgewebe in der Umgebung des Kunstgelenks in eine graue Masse verwandelt hatte. Viele Menschen mussten früher als geplant erneut operiert werden. DePuy nahm das ASR-Hüftsystem Ende 2010 vom Markt.

Gerne hätten die Ärzte Patienten mit einer ASR-Prothese zur Kontrolle wieder einbestellt. Wenn eine Automobilfirma versehentlich defekte Teile in eine Modellreihe eingebaut hat, kann sie über das Kraftfahrtbundesamt alle betroffenen Fahrzeuge in die Werkstatt zurückrufen. Doch bei fehlerhaften medizinischen »Ersatzteilen« ist ein solcher Rückruf – zumindest in Deutschland – so gut wie unmöglich. »Hier im Klinikum Schleswig-Holstein weiß das Krankenhaus nicht, welcher Patient welche Prothese bekommen hat«, sagt Hassenpflug. Diese Unkenntnis ist an den rund 1.200 orthopädischen Kliniken, die in Deutschland Prothesen einbauen, der Regelfall.