Die Spur führt nach Bangkok, Carsten Weidling sitzt in Zimmer 55 eines gehobenen Hotels. Er sagt, er sei dort in Sicherheit vor den Fluten, die gerade durch Thailand strömen. In Sicherheit vor den Problemen in Deutschland ist er in seinem Zimmer nicht.

Denn Weidling hat für den Mitteldeutschen Rundfunk gearbeitet. Er hat sich den Gegebenheiten angepasst und ist nun, wenn man so will, ins Getriebe geraten. Mehrere Skandale haben am vergangenen Sonntag die Wahl einer neuen Intendantin erzwungen. Sie heißt Karola Wille – und jetzt muss sich Weidling fragen, was das für ihn bedeutet.

Weidlings Geschichte steht für zahlreiche andere im MDR: Viele halten den Mann für einen Günstling des einst so mächtigen Unterhaltungschefs Udo Foht. Foht verlor nun vor Kurzem seinen Job, weil er über Jahre mindestens krumme Geschäfte betrieben und ein zweifelhaftes Finanzsystem am Rande der Legalität etabliert hat. Der MDR feuerte ihn fristlos.

Weidling, geboren 1966 in Dresden, ist der Sohn der früh verstorbenen DDR-Unterhaltungslegende O. F. Weidling, eines humorvollen Mannes, der bis heute ehrfürchtig »Conférencier« genannt wird. Der Vater war vor der Kamera ein großer Künstler. Man kann nicht sagen, dass dies in gleicher Weise auch auf den Sohn zuträfe. Niemand käme auf den Gedanken, Weidling junior zum Conférencier zu erklären. Eher tauchte die Frage auf: Wie schafft es der Mann immer wieder ins Fernsehen? Zwischendurch durfte er sogar das Riverboat moderieren, eine MDR-Talkshow.

Gleich zu Beginn des Telefonats will Carsten Weidling mit einem Gerücht aufräumen. Es stimme nicht, sagt er, dass sein Vater, auf dem Sterbebett liegend, Udo Foht das Versprechen abgenommen habe, sich fortan um Carsten, den Sohn, zu kümmern. Nein, sagt Carsten Weidling, er sei nicht der Günstling Udo Fohts.

Später sagt Weidling aber auch: Foht sei sein Förderer, seit Jahren schon.

Weidling hat seit Fohts Entlassung keine Aufträge mehr bekommen, der neue Fernsehdirektor des MDR zeigt wenig Interesse an ihm. Per Online-Annonce sucht er deshalb Arbeit. Er habe keine Vorstrafen und habe in seinem Leben mehr als 70.000 Gags erfunden, schreibt Weidling. Er habe eine bundesweit erfolgreiche Talkshow moderiert und sei »internationaler Showscout«.

Vor allem ist Weidling, wenn man auch nur einem Teil der Verlautbarungen aus dem MDR und aus Ermittlerkreisen für bare Münze nehmen kann, ein ziemlich wichtiger Name in der jüngsten Affäre um die fünftgrößte deutsche Rundfunkanstalt. Der MDR steckt tief in einem Sumpf aus Problemen, und viele Spuren in der Causa Foht scheinen die Staatsanwälte zu einer Firma namens »Just for Fun« zu führen, über die kaum jemand viel weiß und über die Weidling wenig verrät; nur, dass er für sie gearbeitet habe und dass sie seinem besten Freund aus Schulzeiten gehöre, dem von dritter Seite der Vorwurf gemacht wird, er sei bei der Stasi gewesen. In welchem Verhältnis steht Udo Foht zu der Berliner Firma? Hat er über diese, wie es den Anschein hat, immer wieder dubiose Zahlungsvorgänge abgewickelt? Und in welchem Verhältnis steht er zu Carsten Weidling? Foht möchte sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern. Ebenso wenig auskunftsbereit ist der Geschäftsführer der Firma Just for Fun.

Stasi, Schulfreund, Just for Fun. Das sind die Vokabeln der Affäre Foht. Der gekündigte Chef der MDR-Unterhaltung hatte mit seinem Jahresetat von 40 Millionen Euro letztlich einen kleinen Unrechtsstaat errichtet, den die Führungsriege der Rundfunkanstalt tolerierte, weil Foht ein Quotenheld war.

An dieser Stelle gleicht die Affäre Foht früheren MDR-Skandalen. Es herrschte eine Kultur des Laisser-faire, die Gründungsintendant Udo Reiter vorgelebt hat. Reiter ließ zu, dass Unterfürsten sich eigene Herrschaftsgebiete errichteten, in welche sie niemandem Einblick gewährten.