Placido Domingo war spontan auf die Bühne gestiegen. Eine Arie aus Tschaikowskys Pique Dame sang er, im Juli. Als sie ausklang, riefen die Arbeiter im Saal: »Bravo!« Dann hämmerten sie weiter. Denn das Bolschoitheater , diese Ikone der Bühnenkunst in Moskau, sollte bis Ende Oktober fertig renoviert sein. Von Freitag an müssen die Besucher keine blauen Plastikhauben mehr zum Schutz des Parketts über ihre Schuhe ziehen. Mit einem Galakonzert und Präsident Dmitrij Medwedjew in der Zarenloge soll das Bolschoitheater wiedereröffnet werden.

Berühmt ist es für seine Stars in einem Ensemble, das so groß ist, dass es zwei Bühnen zugleich füllen kann, und berüchtigt für den sowjetischen Kasernencharme der Platzanweiserinnen und den Ellbogenkontakt mit den Sitznachbarn. Letzterer gehört nun der Geschichte an, denn die neuen Stühle sind breiter als früher. Sechs Jahre hat die Renovierung der Superlative gedauert. Die veranschlagte Zeit der Arbeiten verdoppelte sich, die Baukosten explodierten, und manche Aufträge wurden dreifach bezahlt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die Gesamtkosten belaufen sich auf umgerechnet mindestens 550 Millionen Euro.

Die Herausforderungen waren dramatisch: Das Gebäude stand bei seiner Schließung vor dem Zusammenbruch, da ein Großteil der Holzpfeiler des Fundaments weggebröselt waren. Stahlstützen ersetzen sie. Im Zuschauersaal legten die Restauratoren den Original-Resonanzboden unter dem Orchestergraben frei, den sowjetische Baumeister mit Zement gefüllt hatten. Sie rissen den Gips aus den Wänden und täfelten sie mit Fichtenpaneelen, um die Akustik des 19. Jahrhunderts wiederzugewinnen. Die Moderne zog ein mit neuer Bühnentechnik, Fahrstühlen und einer Dusche in jeder Garderobe. Früher musste sogar eine Primaballerina nach der Vorstellung zur einzigen Brause über den Flur laufen.

Der Rausch aus Blattgold, Cremefarben und Herrscherpurpur wirkt wie ein schlechtes Omen für die Inszenierungen – zurück in die Tradition. In den neunziger Jahren erstarrte der künstlerische Elan des Bolschoi in der Zuckerwatte seiner Aufführungen, die Touristengruppen und Bühnenreaktionäre bezauberten. Auch heute fühlt sich das Theater vor allem für das musikalische Nationalerbe verantwortlich. Aber neben Klassikern soll Zeitgemäßes Platz finden. Die Renovierung hat dem Haus eine kleinere Ausweichbühne verschafft, auf der schon die moderne Oper Rosenthals Kinder nach einem Libretto des umstrittenen Schriftstellers Wladimir Sorokin gespielt wurde. Hier darf weiter experimentiert werden – im Bolschoi-Rahmen allerdings.

Der ist eher eng, wie auch der frühere Künstlerische Leiter der Balletttruppe, Alexej Ratmanskij, erfahren musste. Seit 2004 hatte der damals 40-Jährige das Repertoire ausbalanciert zwischen den Klassikern à la Nussknacker, avantgardistischen Werken von Schostakowitsch und modernem Ballett, bei dem sogar Ganzkörperanzüge Tutu und Leotard ersetzten. Aber die Widerstände gegen Neuerungen besonders in der alten Garde des Bolschoi waren groß. Das Ensemble ist zudem für seine Intrigen bekannt, und mancher Startänzer verweigerte schon mal dem Choreografen die Schritte. Vor drei Jahren hatte Ratmanskij genug und ging nach New York.

Auf dem Herbst-Spielplan des Balletts stehen ein Stück zur Musik der Rockband White Stripes, das sich am Sprung ins 21. Jahrhundert versucht, und eine Überarbeitung des Dornröschens von Marius Petipa, 1890 uraufgeführt. Beide Inszenierungen symbolisieren das neue Bolschoi: mal aufgeweckte Kratzbürste, meist schlafende Schönheit.