Bolschoi-Theater in MoskauDie Legende erwacht

Im Moskauer Bolschoi-Theater hebt sich endlich wieder der Vorhang. von 

Blick in den Zuschauerraum des neu renovierten Bolschoi-Theaters in Moskau

Blick in den Zuschauerraum des neu renovierten Bolschoi-Theaters in Moskau  |  © NATALIA KOLESNIKOVA/AFP/Getty Images

Placido Domingo war spontan auf die Bühne gestiegen. Eine Arie aus Tschaikowskys Pique Dame sang er, im Juli. Als sie ausklang, riefen die Arbeiter im Saal: »Bravo!« Dann hämmerten sie weiter. Denn das Bolschoitheater , diese Ikone der Bühnenkunst in Moskau, sollte bis Ende Oktober fertig renoviert sein. Von Freitag an müssen die Besucher keine blauen Plastikhauben mehr zum Schutz des Parketts über ihre Schuhe ziehen. Mit einem Galakonzert und Präsident Dmitrij Medwedjew in der Zarenloge soll das Bolschoitheater wiedereröffnet werden.

Berühmt ist es für seine Stars in einem Ensemble, das so groß ist, dass es zwei Bühnen zugleich füllen kann, und berüchtigt für den sowjetischen Kasernencharme der Platzanweiserinnen und den Ellbogenkontakt mit den Sitznachbarn. Letzterer gehört nun der Geschichte an, denn die neuen Stühle sind breiter als früher. Sechs Jahre hat die Renovierung der Superlative gedauert. Die veranschlagte Zeit der Arbeiten verdoppelte sich, die Baukosten explodierten, und manche Aufträge wurden dreifach bezahlt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die Gesamtkosten belaufen sich auf umgerechnet mindestens 550 Millionen Euro.

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Die Herausforderungen waren dramatisch: Das Gebäude stand bei seiner Schließung vor dem Zusammenbruch, da ein Großteil der Holzpfeiler des Fundaments weggebröselt waren. Stahlstützen ersetzen sie. Im Zuschauersaal legten die Restauratoren den Original-Resonanzboden unter dem Orchestergraben frei, den sowjetische Baumeister mit Zement gefüllt hatten. Sie rissen den Gips aus den Wänden und täfelten sie mit Fichtenpaneelen, um die Akustik des 19. Jahrhunderts wiederzugewinnen. Die Moderne zog ein mit neuer Bühnentechnik, Fahrstühlen und einer Dusche in jeder Garderobe. Früher musste sogar eine Primaballerina nach der Vorstellung zur einzigen Brause über den Flur laufen.

Balletttänzer bei den Proben im Moskauer Bolschoi-Theater

Balletttänzer bei den Proben im Moskauer Bolschoi-Theater  |  © NATALIA KOLESNIKOVA/AFP/Getty Images

Der Rausch aus Blattgold, Cremefarben und Herrscherpurpur wirkt wie ein schlechtes Omen für die Inszenierungen – zurück in die Tradition. In den neunziger Jahren erstarrte der künstlerische Elan des Bolschoi in der Zuckerwatte seiner Aufführungen, die Touristengruppen und Bühnenreaktionäre bezauberten. Auch heute fühlt sich das Theater vor allem für das musikalische Nationalerbe verantwortlich. Aber neben Klassikern soll Zeitgemäßes Platz finden. Die Renovierung hat dem Haus eine kleinere Ausweichbühne verschafft, auf der schon die moderne Oper Rosenthals Kinder nach einem Libretto des umstrittenen Schriftstellers Wladimir Sorokin gespielt wurde. Hier darf weiter experimentiert werden – im Bolschoi-Rahmen allerdings.

Der ist eher eng, wie auch der frühere Künstlerische Leiter der Balletttruppe, Alexej Ratmanskij, erfahren musste. Seit 2004 hatte der damals 40-Jährige das Repertoire ausbalanciert zwischen den Klassikern à la Nussknacker, avantgardistischen Werken von Schostakowitsch und modernem Ballett, bei dem sogar Ganzkörperanzüge Tutu und Leotard ersetzten. Aber die Widerstände gegen Neuerungen besonders in der alten Garde des Bolschoi waren groß. Das Ensemble ist zudem für seine Intrigen bekannt, und mancher Startänzer verweigerte schon mal dem Choreografen die Schritte. Vor drei Jahren hatte Ratmanskij genug und ging nach New York.

Auf dem Herbst-Spielplan des Balletts stehen ein Stück zur Musik der Rockband White Stripes, das sich am Sprung ins 21. Jahrhundert versucht, und eine Überarbeitung des Dornröschens von Marius Petipa, 1890 uraufgeführt. Beide Inszenierungen symbolisieren das neue Bolschoi: mal aufgeweckte Kratzbürste, meist schlafende Schönheit.

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Leserkommentare
  1. Brav, Herr Voswinkel.
    Bolschoi - ein Sumpf aus Korruption, Kitsch und Hinterwäldlertum. Nicht wahr?
    Was Sie ja flugs zum Kernsatz Ihres Traktätchens schlüpfen lässt: "Vor drei Jahren hatte Ratmanskij genug und ging nach New York." Wo Milch und Honig fließen.

    So, und jetzt machen Sie mal ein Experiment! Stellen Sie sich vor, das Ganze hätte in Ihrem gelobten Land stattgefunden. Wo es ja weder Korruption noch künstlerische Richtungskämpfe gibt und nicht nur die Drohnen so fortschrittlich sind.
    Stellen Sie sich das einfach mal vor! Und jetzt schreiben Sie den Aufsatz nochmal!

    • keibe
    • 28. Oktober 2011 22:15 Uhr

    vergleiche z. B.

    http://www.youtube.com/wa...

    Stalins 70. Geburtstags-Feier-Ort

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Opernfreund A. Hitler war Stammgast der Bayerischen Staatsoper sowie den Opern unter den Linden und Charlottenburg. Zum 260. Jubiläum der Hamburger Oper kamen Hitler, Goebbels und von Rippentrop.

    Sind diese Häuser jetzt alle diskreditiert?

    Unsere Hauptstadt: ein "ruhmreicher" Ort.
    vergleiche z. B.

    http://video.google.com/v...

    Hitlers 50. Geburtstags-Feier-Ort

    Gell, je kleiner das eigene Moralfähnchen ist, desto eifriger muss man es schwenken! Will das Erbärmliche doch an der Teilhabe am großen "Guten" wachsen.

    Rat: Bleiben Sie zuhause, wenn draußen die Sonne scheint! Es könnte "Kaiserwetter" haben ...

  2. Der Opernfreund A. Hitler war Stammgast der Bayerischen Staatsoper sowie den Opern unter den Linden und Charlottenburg. Zum 260. Jubiläum der Hamburger Oper kamen Hitler, Goebbels und von Rippentrop.

    Sind diese Häuser jetzt alle diskreditiert?

    Unsere Hauptstadt: ein "ruhmreicher" Ort.
    vergleiche z. B.

    http://video.google.com/v...

    Hitlers 50. Geburtstags-Feier-Ort

    Antwort auf "Ein "ruhmreicher" Ort"
  3. Gell, je kleiner das eigene Moralfähnchen ist, desto eifriger muss man es schwenken! Will das Erbärmliche doch an der Teilhabe am großen "Guten" wachsen.

    Rat: Bleiben Sie zuhause, wenn draußen die Sonne scheint! Es könnte "Kaiserwetter" haben ...

    Antwort auf "Ein "ruhmreicher" Ort"
  4. 5. P. S.

    Wieviele Bauten, z. B. der Bundestag in Berlin wurden erheblich kostenintensiver als geplant?
    Wieso war von Gehlen ehemaliger NAZI Geheimdienstchef des
    Geheimdienstes bei Adenauer?
    Wieso rennen alle Politiker und die Prominenz nach Bayreuth zu den Wagner- Festspielen wo doch bekannt ist, daß Hitler ein glühender Wagner Fan war?
    Heute war zu lesen, daß H. Rühmann mit den Kindern von Goebbels spielte.
    Fast ausschließlich alle Groß- Industriellen pflegten Kontakt zur Macht.
    Das ist heute genauso, denken wir nur mal daran wer den Diktatoren oder Bush alles gehuldigt hat.
    Ein Auftritt bei Wetten daß, würde die Wette gewinnen, daß es noch niemals einen positiven Beitrag zu Rußland gab.
    ,

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  • Schlagworte Dmitri Medwedew | Akustik | Ballett | Placido Domingo | Wladimir Sorokin | Moskau
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