Die Geschichte der Kunsthalle in Bremen ist auch eine Geschichte der An- und Umbauten. Entstanden 1848, mitten in der bürgerlichen Revolution, ist sie im Kern noch heute, was sie immer war. Doch bereits zum Ende des 19. Jahrhunderts, nach vielen bedeutenden Schenkungen Bremer Bürger, wurde das Gebäude wilhelminisch erweitert, 1984 erhielt es einen zweiten Anbau, und jetzt konnte man abermals eine Eröffnung feiern: Die Architekten Hufnagel, Pütz und Rafaelian haben dem Museum zwei geräumige Flügel angefügt, die das historische Gebäude wie die Schalen einer Auster neu fassen. Die verwitterten Sandsteinflanken sind zu noblen Innenwänden geworden, und die alten Fenster wurden aufgesägt, so können die Besucher jetzt durch die mit Lichtbändern verzahnten Alt- und Neuräume mäandern, von Bild zu Bild. Nur am helleren Ton des Parketts ist zu erkennen, dass man die historischen Oberlichträume der Gründerzeit verlässt und die neuen Flügel betritt.

Ganz leise beginnt der Rundgang im Altbau – mit Zimelien aus dem Mittelalter. Und jedes Bild kann eine Geschichte erzählen: die Madonna von Masolino, die im letzten Weltkrieg gestohlen wurde, zwei Altartafeln von Dürer, von denen die eine erst kürzlich aus Estland zurückkehrte, ein dunkles Holztäfelchen von Altdorfer, das Plünderern 1945 als Kerzenhalter diente. Daneben – als Eyecatcher zwischen einem Schmerzensmann und einer Madonna in Öl – ein aktuelles Videokunststück des Amerikaners Bill Viola, in dem Schmerz und Freude in Zeitlupe wechseln.

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Der alte Niederländersaal scheint unverändert wie vor 100 Jahren: Schiffe, Wind und Wetter bei van Goyen, Kartenspieler bei Terborch, bäuerliche Idyllen und bürgerliche Interieurs – bezeichnenderweise nichts Höfisches aus Flandern. Nur ein Foto-Porträt von Cindy Sherman wurde eingeschmuggelt.

Unvermittelt stößt man auf eine Rauminstallation von James Turrell: In einen elliptischen Schacht, der alle Geschosse des Museums durchdringt, sickert von oben farbiges Licht ein und fällt auf eine ovale Bodenfläche, die übersät ist mit winzigen Lichtpünktchen. Es ist ein künstlicher Sternenhimmel, so wie er sich down under zeigt, über Neuseeland. Ergänzt wird er durch den Himmel über Bremen, denn nachts öffnet sich (wenn es nicht regnet) das Dach – und die Sterne dort oben leuchten den Sternen dort unten. James Turrell hat in das Bürgermuseum mit seinen Werken aus 600 Jahren Kunstgeschichte ein virtuelles Observatorium eingefügt, und mittendrin zwischen den gestirnten Himmeln steht der Betrachter. Er ist in der Kunst und wird zum Teil einer senkrechten Raum-Zeit-Achse.

Waagerecht geht der Parcours weiter, entlang der Zeitachse, mit kleinen französischen Barockbildnissen. Dann ein Paukenschlag, ein Epochenbild, gemalt von Jean-Louis Laneuville: der maliziöse Oberankläger der Sansculotten, der – von hoher Rednertribüne herab – den Kopf Ludwigs XVI. fordert, ein gewaltiger Schritt in die bürgerliche Epoche. Diese rückt uns in Bremen wunderbar einprägsam nahe, in einem Freundschaftsbild Merry Blondels, einem feinsinnigen Puzzle aus ineinander verwobenen Profilen.

Ebenso faszinierend: Claude Monets stattliche Camille, um die herum vor einigen Jahren in der Kunsthalle eine große Ausstellung arrangiert wurde. Merkwürdig, wie gut sich in die stille Nachbarschaft der Barbizon-Künstler, neben Pissarro und Cézanne, das vibrierende Mohnfeld Vincent van Goghs einfügt, mit dessen Ankauf 1910 der legendäre Bremer Kunststreit begann, über den bald überall in Deutschland diskutiert werden sollte. Der damalige Direktor Gustav Pauli hatte das Bild für 30.000 Mark gekauft, sehr zum Missfallen mancher Kollegen, denen das Bild viel zu modern erschien. Ähnlich wie heute fürchtete man schon damals, der Kunstmarkt könne zu großen Einfluss auf die Museen ausüben.

Völlig unumstritten waren hingegen die deutschen Landschafts-Ölskizzen aus dem 19. Jahrhundert, die nun in Petersburger Hängung dargeboten werden. Und wer Max Liebermanns Malerei schätzt, muss sich hier seine lichtdurchflutete Papageienallee anschauen!

Neu ist ein ganzes Kabinett mit Werken von Eugène Carrière, die sich einer Schenkung verdanken: geheimnisvoll-dunkle, rauchige Bilder zwischen Spätimpressionismus und Symbolismus. Wohlbekanntes gibt es gleich gegenüber: dämmernde Motive der alten Worpsweder aus Sumpf, Moor und Heide; im lichten Neubau daneben der stattliche Bestand an Werken von Paula Modersohn-Becker. Sie stößt endgültig die Tür zur Moderne auf, Wegbereiterin der Expressionisten von Brücke und Blauem Reiter. Letzter Höhepunkt des Rundgangs ist der Max Beckmann-Saal mit seinem Apachentanz von 1938.

Sammlerisches Haupterbe des scheidenden Direktors Wulf Herzogenrath sind Foto- und Video-Arbeiten, die so exemplarisch wie überraschend in die Sammlung gestreut sind. Solitär unterm Dach bleibt eine Raum-Klang-Installation von John Cage: Aus 36 Lautsprechern tönt zeitversetzt die Litanei von Henry David Thoreaus Text Civil Disobedience aus dem Jahr 1849 – gleichsam ein später, experimenteller Reflex auf den konsequent kammermusikalisch-zivilen Charakter der Bremer Sammlung.