Noel GallagherMan muss die alle einsperren!

Der Musiker Noel Gallagher über die Aufstände in London, seine Sympathien für Tony Blair und die Lehren aus seiner bitterarmen Kindheit. von Christoph Dallach

Der Sänger Noel Gallagher

Der Sänger Noel Gallagher  |  © Lawrence Watson

DIE ZEIT: Mr. Gallagher, haben Sie als Jugendlicher mal gegen das Gesetz verstoßen?

Noel Gallagher: Ich habe Drogen genommen, Kleinigkeiten in Läden gestohlen. Mehr nicht. Ich habe noch nie eine Schlägerei begonnen, nie etwas kaputt gemacht.

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ZEIT: Auf Tournee mit Ihrer alten Band Oasis haben Sie doch mindestens ein Hotelzimmer zerlegt, oder?

Gallagher: Nein! Niemals! Ich fand das immer ein dämliches Rock-’n’-Roll-Klischee. Gut, einmal war es kurz davor. Wir waren mit einer anderen Band in einer feinen Hotelsuite in Japan. Es ist sechs Uhr morgens, und ich will ins Bett, da fliegt auf einmal ein Tisch an mir vorbei, und ich flippe aus, brülle: Stopp! Habt ihr den Verstand verloren? Räumt sofort das Zimmer auf! – Das taten sie! Und die 4.000 Dollar Schaden haben die anderen bezahlt. Nur Idioten zerstören mutwillig etwas.

Noel Gallagher

Zusammen mit seinem Bruder Liam gründete Noel Gallagher 1992 die Band Oasis, die rasch zum Inbegriff des Britpop wurde und riesige Erfolg feiern konnte. Manche sahen in ihnen die neuen Beatles, und selbst von Politikern wie dem englischen Premier Tony Blair wurden sie damals verehrt. Als echter Superstar sparte Gallagher nicht mit Provokationen, prügelte sich mit seinem Bruder, schmähte die Demonstranten gegen den Irakkrieg und verteidigte den Drogenkonsum. 2009 stieg er bei Oasis aus – nun legt er unter dem Titel High Flying Birds sein erstes Solo-Studioalbum vor.

ZEIT: Die britische Musikerin M.I.A. kündigte via Twitter an, den jugendlichen Randalierern und Plünderern in London Schokolade und Tee zu bringen. Haben Sie dafür Verständnis?

Gallagher: M.I.A. ist eine verdammte Idiotin! Ihr Problem ist diese missverstandene Form von Coolness, unter der vor allem Musiker leiden, die zu sehr darüber nachgrübeln, was gerade chic sein könnte. Da schäme ich mich für meinen Berufsstand.

ZEIT: Tragen Musiker Verantwortung für ihre Zielgruppe? Müssten die riots auch von Künstlern kommentiert werden?

Gallagher: Was erwarten Sie von mir? Dass ich bei meinem nächsten Konzert mit gesenktem Haupt auf die Bühne schleiche? Dass ich mit belegter Stimme sage, dass es nicht in Ordnung war, Läden zu plündern? Niemals! Musik und Politik gehören nicht zusammen. Insbesondere Rock ’n’ Roll ist purer Eskapismus. Bevor Sie ein Konzert besuchen, haben Sie Nachrichten im Radio gehört, in der Zeitung oder im Internet gelesen. Wer dann ein Rockkonzert besucht, will von der realen Welt da draußen abgelenkt werden. Soll ich etwa die Schlagzeilen singen? Rocksongs über Aufstände junger Araber und die riots in London? In ein Rockkonzert gehören Songs über die Freuden des Saufens und wie man seine Traumfrau aufreißt. Alles andere ist ein verdammtes Missverständnis.

ZEIT: Lesen Rocker wie Sie Zeitung?

Gallagher: Ich lese die Times und die Sun. Und schau mir den Nachrichtensender Sky News an. Ich bin informiert.

ZEIT: Die gehören alle zu Rupert Murdochs Konzern News Corporation. Wurde Ihr Telefon auch angezapft?

Gallagher: Offenbar nicht. Ich bin die Listen mit den Opfern genau durchgegangen, aber war überrascht, dass mein Name da fehlte. Es wäre mir auch egal gewesen. Ich habe keine Geheimnisse und kein Problem damit, berühmt zu sein. Ich fahre jeden Tag mit der Londoner U-Bahn in mein Büro in der City, da werde ich oft angestarrt und fotografiert. Und wissen Sie was? Es stört mich null!

ZEIT: Haben Sie schon mal demonstriert?

Gallagher: Das tue ich jeden Tag daheim, wenn meine Frau mich zwingen will abzuwaschen.

Leserkommentare
    • Herr-M
    • 27. Oktober 2011 15:50 Uhr
    1. cool !

    Klare Ansage.

  1. ehm, wrong!

    sie, herr galagher, irren wenn sie glauben das musik und politik nicht zusammengehören. das mag für ihre musik gelten, für andere gilt das nicht. der eine geht ins kino um einen überproduzierten blockbuster zu sehen, der nächste ins programmkino um einen skandinavisches drama im orginalton zu sehen.

    was ihre persönliche motivation zum musikmachen angeht ist dieses interview natürlich erhellend. und um ehrlich zu sein: jemand der rock`n roll so definiert wie sie es tun, der sollte bei politischen themen dann auch konsequent die klappe halten. denn in beiden sujets verbreiten sie nur halbwissen....

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    • 3cpo
    • 28. Oktober 2011 0:44 Uhr

    bessere Texte als Sie :)

    Sehen sie es doch einfach so: Die Interessen eines Multimillionärs können nicht dieselben wie die eines Rock&Roll Fans sein. Mir wurde das vor ein paar Jahren mal klar, als Springsteen, der ja einen auf blue collar image macht, 85 Euro für eine Karte verlangte.
    Aber wenigstens missbraucht Springsteen seine Macht nicht, wie ein Bono es tut.... Obwohl, man muss das schon beinahe bewundern wie er das schafft, dass kaum einer da was von merkt.

    Dass Gallagher immer schon ein Primitivling war, wussten ja die meisten schon länger. Aber wo soll das Problem sein? Er hat einige wirklich gute Rocknummern gemacht, also wo ist das Problem? Wenn man mal davon absieht, dass sich natürlich die Frage stellt, warum man sowas unbedingt in der ZEIT drucken muss...

    Zitat J.S. Bach:

    "... damit dieses eine wohlklingende Harmonie gebe zur Ehre Gottes und zulässiger Ergötzung des Gemüts und soll wie aller Musik ... Finis und Endursache anders nicht, als nur zu Gottes Ehre und Recreation des Gemüths sein.
    Wo dieses nicht in acht genommen wird, da ist's keine eigentliche Musik sondern ein teuflisches Geplärr und Geleyer."

    Politische Musik ist demnach keine Musik im eigentlichen Sinne, zumindest nach Bachs Meinung.
    Ich stimme zu. Sobald Musik instrumentalisiert wird zu einem bestimmten Zweck, ist es keine wahrhafte Musik mehr, da ihre Ausfertigung durch exogene Faktoren determiniert ist.

  2. Mehr muss man dazu nicht sagen, oder?

  3. >> In ein Rockkonzert gehören Songs über die Freuden des Saufens und wie man seine Traumfrau aufreißt. <<

    ... ist genau so öde wie seine Musik. "Angry young men" haben einfach die besseren Lieder ;-)

  4. Künstler, die sich von Politikern lenken lassen, was soll denn das sein? Warum die alle nach Berlin wollen, ist mir schleierhaft. Aber die Musik spielt (entsprechend) heute auch keine so gewichtige Rolle mehr, zumindest der Mainstream.

    • TDU
    • 27. Oktober 2011 16:47 Uhr

    Mit solchen Leuten hat alles angefangen. Gut, dass es noch welche gibt, die aus der Armut kommen und nicht nur die, die drüber schwätzen und meinen, sie hätten die Resterklärung und die Lösung. Wie Bono: ich fliege, weil ich wichtige Tremine habe. Jeder, der arbeitet hat jeden Tag einen wichtigen Termin. Nämlich pünktlich auf der Arbeit zu sein. Aber der soll möglichst zu Fuss gehen.

    Die Musik gefällt mir übrigens nicht. Das Original war besser. Dennoch Veränderung ist gut.

  5. Musiker ohne politische Interessen sind einfach nur langweilig.
    Aber was kann man vom heutigen Mainstream-Pop schon erwarten.
    "Ich hoffte auf Drogen, Frauen und Abenteuer" na dann, viel Spass.

    mfg h.bremer

    • k2
    • 27. Oktober 2011 18:53 Uhr

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