Der Dienstgruppenleiter beim 1. Polizeirevier mag den Spätdienst am wenigsten. Er hat maximal drei Streifenwagenbesatzungen zur Verfügung, aber zwischen fünf und zehn Einsätze offen: betrunkene Randalierer, Zechpreller in einer Rotlichtbar, einen Exhibitionisten am Spielplatz. Dazu noch drei Anzeige-Erstatter, die auf der Wache warten. Aus der Sollstärke der Schicht fehlen dem Beamten fünf Kollegen. Er muss immer öfter sagen: »Sie müssen sich gedulden, ich habe gerade nicht mehr Personal.«

Zu wenig Polizisten, aber zu viele Aufgaben. Zu wenig Respekt durch das Publikum, zu wenig Wertschätzung durch Vorgesetzte. Außerdem zu lasche Gesetze, zu wenig Härte der Gerichte – und immer öfter Attacken auch gegen Polizeibeamte: Heute wie damals dominieren immer noch dieselben Themen die Debatten um die Polizei. Sie verdichten sich zu der generellen Wahrnehmung, die Gewalt in unserer Gesellschaft habe stark zugenommen, und die Polizei werde damit nicht mehr fertig.

So etwas hat auch schon 1998 der Dienstgruppenleiter der Polizei erlebt: Das war ich. Heute, nach 15 Jahren als Polizist, der auch Streife gefahren ist und auf Großdemonstrationen eingesetzt war, arbeite ich als Professor an der Hochschule der Polizei in Hamburg. Dazwischen liegen mehr als 20 Jahre, in denen ich viele Berichte aus der Praxis erlebt und erzählt bekommen habe, bis hin zu den Äußerungen Konrad Freibergs, des ehemaligen Chefs der Polizeigewerkschaft, der über den Konflikt um Stuttgart21 sagte: »Wir wollen als Polizisten nicht für ungelöste gesellschaftliche Konflikte den Kopf hinhalten.«

Polizisten, die immer öfter ihren Kopf hinhalten müssen? Ich kann das Klagen der Polizei in Deutschland, dass alles schlimmer werde, nicht so recht glauben. Polizisten sind weder wehrlos, noch wird alles immer schlimmer. Vor allem gibt es nicht mehr Gewalt gegen Beamte. Es hat sich lediglich die Wahrnehmung verschoben.

Ende der achtziger Jahre tauchten in der deutschen Polizei neue Begriffe und Leitlinien auf, die Polizei nannte sich jetzt »Bürgerpolizei«. Man kümmerte sich intern um eigene Leitbilder, eine eigene Corporate Identity und um mehr soziale Kompetenz. Der Bürger erschien nicht mehr als »Betroffener«, sondern als »Kunde«, der den Anspruch auf eine polizeiliche Dienstleistung hatte. Die Serviceorientierung bestimmte fortan die Außendarstellung der Polizei. Im Rahmen dieser Debatte wurden auch die Polizisten selbst – insbesondere von den Berufsverbänden – zunehmend individualisiert und subjektiviert.

Diese »Vermenschlichung der Polizei« hat verschiedene Folgen, etwa die Hinwendung zum Opfer. Das Opfer avancierte vom bloßen Zeugen der Anklage zum Subjekt mit eigenen, berechtigten Ansprüchen auf polizeiliche und justizielle Aufmerksamkeit. Seit 2001 führte das Opferschutzgesetz zu einer Aufgabenverschiebung in der Polizei, sie schützt – wie bei Gewalt im sozialen Nahraum – das Opfer und weist den Täter weg. Im Vordergrund steht nun der Gedanke der konkreten polizeilichen Fürsorge, nicht mehr nur die Gerechtigkeitsüberwachung. Opferarbeit verlangt ausdrücklich Empathie und kommunikative Kompetenzen. Auch ihre veränderten Leitbilder verpflichten Polizisten auf ein idealisiertes Selbstbild. In diesen Leitbildern aber fehlt erstaunlicherweise eine wichtige Komponente polizeilicher Arbeit: die Gewalt.

Die Verbannung aus dem Bewusstsein der Polizeikultur ist lange Zeit niemandem aufgefallen. An die Stelle von Gewalt trat in der Außendarstellung die Kommunikation, statt Schlagstock wurde soziale Kompetenz propagiert, statt des Körpers mehr Technik eingesetzt. Doch besonders uniformierte Schutzpolizisten nehmen bei ihrem Dienst auf der Straße seismografisch genau wahr, dass das nicht alles ist. Für sie wird die Arbeit schwerer, weil sich vor allem der Ton und die innere Haltung ihrer »Kunden« gegenüber dem Staat verändert zu haben scheinen. Polizisten werden wenig auf resignierte und aussichtslose Lebensperspektiven vorbereitet, auf die sie in solchen Begegnungen treffen. Resignation und Exklusion aber gehen häufig mit Aggression einher. Es entsteht eine für Polizisten schwer zu handhabende Gemengelage – zumal die Polizei selbst in ihrer Zusammensetzung doch nie ein Spiegelbild der gesamten Gesellschaft gewesen ist, sondern immer nur ein Spiegelbild der Mittelschicht.

Es ist dringend nötig, Polizei neu zu denken

Und was ist mit den Statistiken, wonach die Gewalt gegen Polizeibeamte so drastisch zugenommen habe? Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen zur »Gewalt gegen Polizeibeamte« war zu differenziert für die Begründung der These vom Gewaltanstieg, die polizeiinternen Lagebilder in einigen Bundesländern brachten sogar das Gegenteil des Vermuteten zum Vorschein. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel kam es 2010 in nur 0,1 Prozent der Einsätze zu physischer Gewalt gegen Polizisten.

Es ist also nicht die Gewalt, die den Polizisten Schwierigkeiten bereitet, sondern die aggressive Kommunikation der Bevölkerung, mit der es Polizei zu tun hat. Ich nenne es Insubordination, ein Ungehorsam, der um sich greift und auf den Polizisten nicht gut vorbereitet sind.

Die Gewaltwahrnehmung und -sensibilität ist, erstens, also gestiegen, nicht die Gewalt selbst. Als Gewalt wird, zweitens, heute schon empfunden, was früher noch keine Gewalt war. Die Beleidigung, die Nichtbefolgung von Anweisungen, das freche Lachen, das Hinspucken, das Weggehen, das Anschreien, Mobbing, Stalking – all diese neuen Tatbestände führen auch zu einer inflationären Nutzung des Gewaltbegriffs. Andererseits gehört die »Ohrfeige an Vaters Statt«, die pädagogische Tracht Prügel, die früher nicht nur von vielen Polizisten als selbstverständliches Züchtigungsmittel angesehen wurde, heute nicht mehr zum Inventar, weil sie reale Gewalt bedeutet. Drittens: Gewalt ist ein Verdichtungssymbol. Viele Ärgernisse und Belästigungen, vom Hundekot über Fahrradfahrer, laute Kinder, Bettler, Fremde bis zur Angst vor dem Verlust sozialer Sicherheiten verdichten sich zum Begriff der Gewalt, die sich darin scheinbar auch überall zeigt.

Ich glaube es den Polizisten, wenn sie sagen, ihr Dienst sei schwerer geworden, aber es handelt sich um Insubordination, nicht um Gewalt. Bereits jungen Polizisten in der Ausbildung sollte allerdings vermittelt werden, diese schwierigen Situationen als Herausforderung und nicht als Strafe zu sehen. Das ist schließlich der Job eines Polizisten.

Die Polizei selbst, vor allem die Gewerkschaften, reagieren auf solche Ansichten polemisch; es missfällt ihnen, ihr Deutungsmonopol über die Wirklichkeit der Polizeiarbeit infrage gestellt zu sehen. Als es in Hamburg vor einigen Wochen zu einer Debatte darüber kam, arbeiteten sich beiden Seiten folglich an mir, dem Botschafter, ab, statt die Botschaft zu bedenken. Ich kann das Klagen der Beamten verstehen, aber ich verstehe nicht das strategische Klagen der Funktionäre. Dass die Polizei sich als Opfer darstellt, halte ich für unprofessionell. Sie ist kein passives Opfer, sondern muss aktiv werden, wenn sie sich ohnmächtig fühlt. Auch die Gewerkschaften sollten an der falschen Wahrnehmung arbeiten, dass alles immer schlimmer werde.

Der Veränderungsprozess der Polizeiarbeit hat nicht alle Polizisten mitgenommen, viele Praktiker (und ihre Berufsvertreter) verklären noch das nostalgische Stadium, in dem angeblich »das Wort des Schutzmanns noch etwas gegolten hat«. Doch diese Zeiten sind vorbei, eine andere Gesellschaft ist nicht in Sicht. Es ist dringend nötig, Polizei neu zu denken. Und zwar radikal.