Julian Assange spricht auf einer Occupy-Kundgebung in London zu den Demonstranten. © LEON NEAL/AFP/Getty Images

Auch Hoffnungsträger scheitern manchmal, und das muss nicht immer schlecht sein. Gescheitert ist jetzt Julian Assange, der Gründer und Frontmann von WikiLeaks . Die Enthüllungsplattform müsse ihre Arbeit im Internet einstellen, sagte er diese Woche , vorübergehend, aus Geldmangel. Der Mann, dessen Nähe Chefredakteure mächtiger Zeitungen und Magazine noch vor einem Jahr gesucht hatten: pleite. Die Web-Organisation, die den traditionellen Journalismus im Internetzeitalter ablösen wollte: offline. Was sagt das über Assange und seine Idee? Und was sagt es über die Macht der Geheimnisse?

Assange und WikiLeaks wurden groß, weil sie einen großen Gegner hatten. Der Gegner war das Amerika von George W. Bush, eine Großmacht, die während ihres Krieges gegen den Terror in Paranoia und Verlogenheit versank. Nach den Anschlägen vom 11. September baute Bush seinen Sicherheits- und Geheimdienstapparat exzessiv aus; niemand sollte wissen, was genau in Guantánamo Bay oder auf den rendition flights der CIA geschah. Alles top secret . Die Bush-Regierung hat das Geheimnis inflationär eingesetzt; es wurde zum Codewort für potenziell illegales, staatliches Handeln.

Es ist kein Zufall, dass die großen WikiLeaks-Enthüllungen alle aus der Bush-Ära stammen: die afghanischen und die irakischen Kriegsprotokolle vor allem, zuletzt die Guantánamo-Protokolle und in großen Teilen auch die Botschaftsdepeschen . Die besessene Politik der Verdunkelung förderte den Wunsch nach Aufklärung. Transparenz mache staatliches Handeln sichtbar und klar. Das war die Botschaft, die Julian Assange der Welt auf Pressekonferenzen vollmundig verkündete. Sie basiert auf der Hackerethik: »Informationen wollen frei sein.« Die Idee war nicht neu , aber aus seinem Mund, für sein Publikum klang sie revolutionär.

Das herausragende Talent des Julian Assange war nicht, dass er eine neue Cyberphilosophie erfunden hätte, sondern dass er die Illusion erschuf, er, Julian, könne die Welt erhellen und verbessern. Und alle, die dabei sein wollten, könnten mitmachen. Er war die richtige Person zur richtigen Zeit, um eine Idee aus einer Subkultur in den Mainstream zu führen. Wer weiß, ob ihm jemand zugehört hätte, wenn er die Bühne der Weltöffentlichkeit nicht 2010, sondern bereits im Jahr 2000 betreten hätte, dieser Typ mit grauer Mähne, australischem Akzent und einigen Computerkenntnissen, die ihn wie einen Magier der Neuzeit erschienen ließen.

Von der Zukunftsverheißung der Computer über den Widerstand gegen die USA bis zur gesellschaftlichen Revolution durch den genialen Außenseiter – gleich mehrere Erlösungsfantasien wurden auf Assange projiziert. Dass der Gegner zurückschlug, ihn beschimpfte und verfolgte mit Ermittlern und Boykott-Aufrufen, ließ ihn nur noch rebellischer und märtyrerhafter erscheinen. Jede Zeit braucht ihre Helden, und für einen Moment war Assange ein Held der Internetzeit, für einen Moment stand er für die »neue Weltmacht WikiLeaks«.

Nur ist Assange eben kein Magier ist, sondern auch nur ein Mensch. Mit dem Ruhm kam die Angst, dass andere seine Geheimnisse verraten würden und damit ihn. Er zerstritt sich mit seinen Mitarbeitern, überwarf sich mit seinen Medienpartnern und zuletzt mit dem Verlag , für den er seine Autobiografie aufschreiben wollte.

Assange hat einmal in einem Aufsatz beschrieben, wie verschwörerische Netzwerke funktionierten. Entscheidend sei, so schrieb der WikiLeaks-Gründer, dass die Verschwörer nie über alle anderen Komplizen informiert seien. Verbunden seien sie nur durch den Informationsfluss. Wer den offenlege, enthülle das Netzwerk. Assange wollte so die amerikanische Regierung, aber auch korrupte Banken und Regierungen anderswo entlarven. Tatsächlich lässt sich dieses Bild aber auch auf WikiLeaks selbst anwenden : Assange misstraute seinen Medienpartnern und seinen Mitarbeitern. Einige mussten Verträge mit einer Verschwiegenheitsklausel unterschreiben, im Fall von Vertragsbruch drohten ihnen hohe Geldstrafen. Alles war top secret, ganz wie unter Bush.