In seinen Blockbuster-Filmen vergreift sich der deutsche Hollywood-Regisseur Roland Emmerich gern an nationalen Heiligtümern der Anglos. In Independence Day zertrümmern Aliens das Weiße Haus aus dem All, in Der Tag danach versinkt die Freiheitsstatue im Eis der Klimakatastrophe. In Der Patriot nimmt sich der transplantierte Deutsche die Engländer im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg vor. Da lässt er die Rotröcke wie präexistente Nazis auftreten, die Frauen und Kinder lebendigen Leibes in einer Kirche verbrennen.

Seit der Premiere am Wochenende tut er den Engländern mit Anonymus einen schlimmeren Tort an. In diesem (perfekt gemachten) Film behauptet Emmerich, dass deren Nationalbarde gar nicht Shakespeare war, sondern Edward de Vere, der 17. Earl von Oxford. Diese Nummer ist nicht ganz neu; auch Freud wähnte, dass "Will" ein anderer war. Seit 1850 wurden 70 Schreiber aufgefahren, um Shakespeare als Schummler zu entlarven. Demoliert haben diese Legenden zuletzt Jonathan Bate (Oxford), der vier Bücher über Shakespeare verfasst hat, und Professor James Shapiro aus Columbia ( Contested Will ). Dazu Emmerich ungerührt auf MTV: "Es ist nicht gut, Schulkindern Lügen aufzutischen." Der Will war also der Edward.

Zu dumm nur, dass de Vere 1604 starb, zehn Shakespeare-Stücke aber erst danach geschrieben wurden. Macbeth und Der Sturm beziehen sich auf Ereignisse nach des Earls Tod. Laut Anonymus hätte de Vere den Mittsommernachtstraum , ein neues Genre im elisabethanischen Theater, 40 Jahre vor der Erstaufführung geschrieben – da wäre er neun Jahre alt gewesen. Das ist, als hätte Buddy Holly, der größte Rock-Musiker aller Zeiten, Peggy Sue 1945 komponiert; damals gab es bloß keinen Rock ’n’ Roll. Shapiros dürres Fazit: "Die Aussagen zeitgenössischer Autoren sowie Gerichtsunterlagen bestätigen, dass Shakespeare die ihm zugeschriebenen Werke verfasst hat."

Die Frage ist also, wer wem Lügen auftischt. Nun nehmen es Filme selten so genau mit der historischen Wahrheit; eine gute Geschichte muss man erzählen, wie sie hätte passieren können. Aber das Problem mit Anonymus geht tiefer, mitten ins Wesen der Postmoderne, die es grundsätzlich mit der Wahrheit nicht genau nimmt, weil diese doch nur ein "Konstrukt" sei. Da ist deine Version, und dann die meine – wer will sagen, welche richtig ist?

So auch Emmerich: Was kümmern mich deine "Fakten", auch wenn sie im Schmelztiegel der jahrzehntelangen Forschung und des kundigen Widerstreits gehärtet worden sind? Nun gibt es tausend Fragen, über die sich vernünftige Leute streiten können: Euro-Rettung, Klimawandel, Gott, WikiLeaks. "Zu denen gehört nicht, ob Shakespeare Shakespeare war", schreibt Stephen Marche in seiner Anonymus -Kritik in der New York Times .

Oder so: Wenn es um Schneller-als-Licht-Geschwindigkeit geht, ist Physik besser als Meinung. Jetzt werden Englisch-Schüler rund um die Welt Pseudowissen aus dem Film saugen. Und die ganz Schlauen werden Hamlet zitieren: "Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als Eure Schulweisheit sich erträumen lässt." Richtig, aber in Hollywood fragt niemand nach Beweisen.