Euro-Rettung Du mich auch
Zusammen waren sie die sozialliberale FDP. Jetzt haben sich Burkhard Hirsch und Gerhart Baum über den Euro zerstritten.
Die Bilder, die Burkhard Hirsch verfolgen, hängt er immer als erste auf. Die Bilder, es sind zwei, sind ihm treue Weggefährten. Sie hingen in den Büros des FDP-Parlamentariers in Bonn, des Landesministers in Düsseldorf, des Vizepräsidenten des Deutschen Bundestags in Berlin. Hier, im Arbeitszimmer seines Hauses am Düsseldorfer Rheinufer, haben sie zwischen Bücherbergen und Aktenreihen ihre bislang letzte Wand gefunden.
Das eine Bild zeigt ein Ohr, das andere zwei Hände – eine dreht die andere durch einen Fleischwolf. »So müssen Politiker sein«, sagt Hirsch, und ein verschmitztes Lächeln schiebt sich auf sein Furchengesicht. »Sie müssen zuhören können. Und dann konsequent handeln.«
Dass er so was mitmacht! Gerhart Baum regt sich auf. Er wuchtet seinen Oberkörper hoch, bringt seine Wut in Positur – und dann hält ihn nichts mehr im Bett. Wut kann nicht liegen, kann nicht sitzen, Wut muss raus. Baum schiebt den Infusionsständer zur Seite, schwingt seine Füße auf den kalten Kölner Krankenhausboden, stellt sich hin und sagt: »Ich fasse es nicht.«
Es ist ein Bild, das Baum auf die Beine bringt, ein Foto von Hirsch, seinem Hirsch, dem Freund, dem Bruder im Geiste. Frank Schäffler, ein Liberaler, der das Etikett »Marktradikaler und Euro-Skeptiker« stolz vor die Wähler trägt, wirbt damit auf seiner Homepage. Der Bundestagsabgeordnete will den permanenten Euro-Rettungsschirm ESM per FDP-Mitgliederentscheid stoppen. Hirsch will das auch, seit Montag läuft das Verfahren. »Burkhard Hirsch«, sagt Baum, und ein Schuss Traurigkeit unterspült seine Wut, »Burkhard Hirsch steht jetzt auf der Seite jener Leute, die wir über Jahrzehnte gemeinsam bekämpft haben. Schrecklich.«
Hirsch und Baum, Baum und Hirsch. Das war immer so – und das ist übrig geblieben von liberal und sozial, sozial und liberal. Zwei Juristen, ein Magdeburger mit Wohnsitz Düsseldorf (Hirsch), ein Dresdner mit Wohnsitz Köln (Baum), 81 und 79 Jahre alt. Der gleiche Beruf, die gleichen Wurzeln, eine große Übereinstimmung im Denken und Handeln, Seit an Seit für die gleiche Sache, Jahr um Jahr gegen dieselben Gegner. Sie stritten gegen die Kernenergie, gegen Helmut Kohls »Wende« mithilfe der FDP von 1982, gegen Neoliberale und Staatsverächter – und verloren. Sie klagten vor dem Bundesverfassungsgericht gegen den Großen Lauschangriff und das Luftsicherheitsgesetz – und gewannen. Hirsch und Baum, Hofierte und Ausgegrenzte zugleich, stehen für das, was die FDP verloren hat, und für das, was sie hätte sein können.
Baum ist Hirsch, und Hirsch ist Baum. Jetzt nicht mehr.
Die politischen Zwillinge stehen nun in getrennten Lagern, hüben und drüben im Glaubenskrieg um den Euro, diesseits und jenseits der Trennlinie Mitgliederentscheid, bei Ja oder Nein zur Euro-Rettung und zu mehr Europa. Was bedeutet das? Driftet die FDP doch ins Lager der Anti-Europa-Populisten, wenn nun sogar eine linksliberale Galionsfigur davor warnt, Deutschlands Wohlstand zu opfern, um die Griechen zu retten? Was hält die Liberalen noch zusammen, wenn selbst Baum und Hirsch sich trennen? Was treibt Hirsch an? Und vor allem: Aus wem spricht nun Hans-Dietrich Genscher, aus dem Rettungsskeptiker Hirsch oder dem Rettungsbefürworter Baum?
Wo der eine nach rechts und links schaut, marschiert der andere geradeaus
Die Hirschs, die Baums und die Genschers treffen sich regelmäßig in einer Sechserrunde zum Abendessen. Wer wissen will, was der sphinxhafte Genscher denkt, muss stets hinhören, wenn Baum und Hirsch sprechen. Zu dem Architekten der Bonner »Wende« haben die beiden entschiedenen Wendegegner heute ein enges Vertrauensverhältnis. Genscher schickte sie Mitte der achtziger Jahre als Menschenrechtsanwälte zu den autoritären Regimen der Welt. Aus räumlicher Distanz erwuchs persönliche Nähe. Baum und Hirsch gelten nun als oberste Exegeten Genschers – und als seine inoffiziellen Sprecher. Sie haben sein Ohr, er hat ihren Mund.
- Datum 31.10.2011 - 16:18 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 27.10.2011 Nr. 44
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Unabhängig von ihren politischen Standpunkten, die ich selbst nicht immer teile, sind Hirsch und Baum zwei große sozialliberale Persönlichkeiten der FDP, die viel zu oft am Rande ihrer eigenen Partei standen. In dieser aktuellen Frage gehe ich mehr mit Baum und bin ebenfalls überrascht, wie leicht sich Hirsch von Schäffler und den Marktradikalen vereinnnahmen lässt, statt zumindest ein wenig Distanz zu den begleitenden wirtschaftlichen Forderungen Schäfflers zu halten.
Prägten auch mein politisches Verständnis mit, wobei ich eher bei Herrn Hirsch bin. Schön, dass sich zwei Gelbe immer noch grün sind, obwohl ein Thema sie aus kontroversen Ecken jeweils rot sehen lässt....eine gute Freundschaft kann das ab:-).
gäbe es mehr von ihnen in der Politik, Deutschland wäre besser aufgestellt und gäbe es noch ein paar wie sie in der FDP, könnte man diese Partei auch wählen. Aber die "Freiburger" sind tod!
Doch leider gelten beide als Dinosaurier der Politik; Menschen mit Verstand und Gewissen, die danach reden und handeln!
Vielen Dank der Zeit für diesen Artikel; ein komplettes Interview wäre allerdings noch schöner gewesen!
mehr sollte es auch nicht mehr werden.
Man muss aber darüber nachdenken, ob 3% Parteien in einer Regierung richtig sind, wenn diese 3% Parteien über lange Zeit bei 3% liegen.
Heißt:
Es muss möglich werden, Parteien abzuwählen bzw. Regierungen abzuwählen. Es ist nicht demokratisch von 3% Parteien regiert zu werden.
Das Bewegende des "gewieften Politikers" besteht in der Kunst, die Macht des Faktischen zu überwinden.
Manchmal jedoch, wenn das Faktische von solider materieller Natur ist, kann es von Vorteil sein, dessen Macht zu respektieren und in eine verträgliche Richtung zu lenken.
Die Europäische Währungsunion ist mit Geld nicht zu retten. Das sieht der Hirsch richtig. Gewiefte Politik könnte helfen, diese Erkenntnis in erfolgreiches Handeln zum Erreichen des bestmöglichen Ergebnisses umzusetzen. Das wäre sozusagen die Synthese aus Hirsch und Baum.
scheint doch tatsächlich geistig noch allzusehr im letzten Jahrtausend verhaftet zu sein.Ja,da gab es noch klare Fronten.Es gab Rechts und Links.Er scheint ausserstande zu sein ,die Euro-Frage jenseits dieses Kriteriums wahrnehmen zu können.
"..ob sie nicht doch der Verlockung der rechtspopulistischen Euro-Verteufelung erliegen werde,.."
Herr Baum,man kann politisch in der Mitte oder sogar sehr weit links stehen und trotzdem ein leidenschaftlicher oder sogar bösartiger Euro/Europakritiker sein,wenn man Maßstäbe der ökonomischen Vernunft(sowas solls ja geben)anlegt.
Herr Schäffler ist - bedauerlicherweise - bisher nicht als Euro-Gegner aufgetreten, sondern als Gegner des EFSF, dessen Grundlagen sämtlichen Vertragswerken der EU entgegenläuft. Das die ZEIT - mal wieder - versucht, Kritiker des gegenwärtigen finanzpolitischen Irsinns zu diskreditieren, zeugt vom schlechtem Journalismus.
Glücklicherweise läutet die Ankündigung Papandreous zur Volksabstimmung über das Rettungspaket jetzt den letzten Akt des ideologischen Irrsinns namens Euro ein. Somit können wir hoffentlich ab Mitte nächstens Jahres, nach Wiedereinführung der nationalen Währungen den Wiederaufbau Europas beginnen.
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