Deutsch-Englische GeschichteDearest Albert

Es ist eine der großen Liebesgeschichten des 19. Jahrhunderts: Englands Königin Viktoria und ihr Prinz aus Sachsen-Coburg-Gotha. von Ronald D. Gerste

Königin Viktoria und Prinz Albert im Jahr 1854

Königin Viktoria und Prinz Albert im Jahr 1854  |  © Roger Fenton/Getty Images

Schwach ist seine Hand geworden, jede Zeile bereitet ihm Mühe. Aber zu dringlich ist die Angelegenheit, als dass er der Müdigkeit nachgeben könnte. Denn es droht Krieg, Krieg mit den USA. Die Tatsache, dass sein Land, sein England, im Begriff steht, sich auf einen Waffengang gegen die amerikanische Union einzulassen, und dies aufseiten der sklavenhaltenden Südstaaten, das dreht dem Kranken im wahrsten Sinne des Wortes den Magen um. Just der Vorsitz über die Gesellschaft zur Abschaffung der Sklaverei war eines der ersten öffentlichen Ämter, die man ihm als misstrauisch beäugtem Ausländer in England zugebilligt hatte, und er hatte es gern und aus vollster Überzeugung angenommen. Er weiß: Starke Kräfte in der englischen Regierung sind für eine Anerkennung der Konföderierten im Amerikanischen Bürgerkrieg, der gerade begonnen hat. Es hat erste Zwischenfälle zwischen der Marine der Nordstaaten und den Engländern gegeben. Doch eine Kriegserklärung an die Regierung Lincoln – das darf nicht sein!

Unter dem Datum des 1. Dezember 1861 bringt Albert von Sachsen-Coburg-Gotha, Prinzgemahl Ihrer Majestät, Königin Viktorias, gegen Schmerzattacken und Fieberschübe ankämpfend seine Gedanken zu Papier. Er mahnt, das Säbelrasseln einzustellen und eine diplomatische Lösung zu suchen. Und tatsächlich setzt er sich durch, sehr zur Freude der meisten britischen Bürger, die wie Prinz Albert mehr Sympathien für den Norden hegen als für die Sklavenhalter im Süden. Es ist Alberts letzter diplomatischer Triumph. Er wird ihn nicht mehr genießen können.

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Es steht schon seit Monaten schlecht um ihn. Ruhelos wandert er in Schloss Windsor von Raum zu Raum, dann wieder windet er sich mit Magenkrämpfen in seinem Bett. Er ist gerade 42 Jahre alt und ahnt doch, dass die Krankheit, dass der Krebs ihn umbringen wird.

Ronald D. Gerste

Der Autor ist Arzt und Historiker und lebt in Washington, D.C.

Begonnen hat dieses Leben fern dem Weltmachtzentrum London, im pittoresk-unbedeutenden Herzogtum Sachsen-Coburg-Saalfeld. Hier im biedermeierlichsten Deutschland wird Albert am 26. August 1819 geboren. Als Zweitältester hat er keine Aussichten, das Ländchen, das seit 1826 den Namen Sachsen-Coburg-Gotha trägt, je selbst zu regieren. Die Zukunft des ernsten und bildungsbeflissenen Prinzen – er studiert ein Jahr lang an der als »liberal« geltenden Universität im preußischen Bonn – muss jenseits der engen Landesgrenzen liegen. Vielleicht sollte er es machen wie so viele Mitglieder der Familie: Zielstrebig gehen sie dynastische Verbindungen ein. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wird es kaum einen europäischen Fürsten-, Königs- oder Kaiserhof geben, der nicht über irgendein Zweiglein des Stammbaums mit den Sachsen-Coburg-Gothas verwandt ist.

Besonders erfolgreich agiert Alberts Onkel Leopold, der Bruder seines Vaters Ernst. Zunächst heiratet er Charlotte, die Prinzessin von Wales, und wäre damit beinahe der Mann an der Seite der nächsten englischen Königin geworden. Doch Charlotte stirbt am 6. November 1824 an den Folgen einer Fehlgeburt und den bescheidenen Fähigkeiten der Geburtshelfer jener Zeit. Die Engländer betrauern sie wie erst 173 Jahre später eine andere früh zu Grabe getragene Prinzessin. Witwer Leopold aber wird 1831 König eines neu gegründeten Reiches: Belgien.

Nicht nur für Albert ist Leopold väterlicher Freund und Oheim. Noch jemand nennt den belgischen König ihren »lieben Onkel« . Es ist ein im Londoner Kensington Palace unter drückender Bewachung heranwachsender Teenager namens Viktoria. Mit der Thronfolge hat sie eigentlich nicht viel zu tun. Ihr Vater ist ein Bruder des englischen Königs Wilhelm IV., ihre Mutter Leopolds Schwester und damit die Schwester auch von Alberts Vater Ernst.

Der Zufall will es, dass ausgerechnet diese Viktoria plötzlich in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. Wilhelm IV. stirbt, wie zuvor sein Bruder und Vorgänger Georg IV., ohne Thronfolger. So wird schließlich sie, Wilhelms Nichte, Kronprinzessin und am 20. Juni 1837, gerade 18 Jahre alt geworden, Königin. Sie soll, nach all den unbeliebten Monarchen aus dem deutschen Haus Hannover, die seit 1714 an der Themse regieren, den matten Glanz der Krone wieder aufpolieren.

Die junge Viktoria wird von einer Welle der Begeisterung getragen und macht sich mit Enthusiasmus an die Regierungsgeschäfte – in den Grenzen, die das britische System dem Monarchen setzt. Sie fühlt sich wohl in ihrer Rolle, an eine Ehe denkt sie nicht.

Doch Premier Lord Melbourne drängt auf Heirat. Die Zeiten der »jungfräulichen Königin« Elisabeth I. sind lange vorbei, das Privileg der Ehelosigkeit gewährt das 19. Jahrhundert keiner Monarchin mehr. »Eine Frau«, so rät ihr Melbourne väterlich, »sollte nicht zu lange allein sein, egal welche Position sie einnimmt.« Kandidaten gibt es, aber Viktoria ist nicht leicht zu beeindrucken; zwei niederländische Prinzen hat sie schon vor ihrer Thronbesteigung als Langweiler nach Hause geschickt.

Leserkommentare
  1. für die europäischen Revolutionäre gehegt haben, so waren diese offenbar an die Bedingung geknüpft, dass aus den Klein-und Kleinstmonarchien auch nur Klein-und Kleinstrepubliken werden - jedenfalls wollte er "Schwarz-Rot-Gold auf den Weltmeeren als Piratenflagge behandeln" lassen

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