ZEITmagazin: Herr Berkel, Sie spielten in sehr erfolgreichen Filmen, die sich mit dem Faschismus auseinandersetzten, wie Ingmar Bergmans Film Das Schlangenei, Der Untergang und Operation Walküre. Welche Rolle spielt die Nazizeit in Ihrer Biografie?

Christian Berkel: Eine große. Meine Mutter war nach den nationalsozialistischen Rassengesetzen Halbjüdin und ist 1938 nach Frankreich emigriert. Als die Deutschen 1940 in Paris einmarschierten, hatte sie das Schiffsticket nach Amerika in der Tasche. Sie wollte mit einer Freundin fliehen, als diese am Bahnhof in Paris ihren Rucksack verlor. "Ich muss noch mal zurück", rief sie meiner Mutter zu. Die sagte: "Ich komme mit dir, ich lasse dich nicht alleine." So wurden beide geschnappt.

ZEITmagazin: Von der französischen Polizei?

Berkel: Ja, sie kamen nach Gurs in den Pyrenäen – ein schlimmes Konzentrationslager. Dank einer Cousine, die mit einem Mitglied der Académie française verheiratet war, wurde meine Mutter aus dem Lager geholt und ohne Pass in den Zug nach Deutschland gesetzt. Sie kam in Leipzig an mit der Auflage, sich bei der Polizei zu melden. Das hat sie nicht getan, stattdessen versteckte sie sich bis zum Kriegsende bei verschiedenen Freunden.

ZEITmagazin: Und Ihr Vater?

Berkel: Als sie sich kennenlernten, war mein Vater 17, meine Mutter 13. Er wurde später im Krieg als Arzt eingezogen. Bei einem Fronturlaub kam er nach Leipzig, dabei ist mein Bruder entstanden. Dann verloren sie sich aus den Augen. Er geriet in Russland in Gefangenschaft und kam erst 1950 als Spätheimkehrer zurück. Zu dem Zeitpunkt war meine Mutter nach Argentinien ausgewandert.

ZEITmagazin: Wann haben sie sich wiedergesehen?

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Berkel: 1955 kam meine Mutter mit meinem Bruder nach Berlin. Eine Freundin fragte sie: "Was ist denn mit dem Hermann?" Meine Mutter wusste nichts. Da sagte die Freundin: "Guck doch mal ins Telefonbuch." Er stand tatsächlich drin. Als sie ihn anrief, hat er ihre Stimme nicht erkannt. Sie hat ihn raten lassen, irgendwann hat er gesagt: "Helfen Sie mir, haben wir irgendwas gemeinsam?", und sie sagte: "Ja, einen Sohn." Sie trafen sich noch am selben Abend. Er war verheiratet, aber er ließ sich sofort scheiden und heiratete meine Mutter. Zwei Jahre später kam ich.