Der Mann, der die FDP wieder nach oben bringen könnte, besitzt passenderweise eine Aufzugfirma und dient als Hauptlöschmeister in der freiwilligen Feuerwehr. Leider lebt er in der sächsischen Provinz.

Heinz-Peter Haustein, 57 Jahre alt, ein Hüne mit dem Händedruck eines Bergmanns, blickt aus dem Fenster seiner Firmenzentrale in Deutschneudorf. Die nächste Autobahn ist eine Stunde entfernt. Haustein sieht die Hänge des Erzgebirges und die tschechische Grenze, doch er denkt an Berlin und den Bundesaußenminister. »In der Politik ist es wie beim Fußball«, sagt er. »Die Erfolge von gestern interessieren heute keinen mehr. Das habe ich dem Guido schon vor einem Jahr gesagt.«

Haustein weiß, wie man konstant Erfolg hat. Bei der Bürgermeisterwahl 2006 in Deutschneudorf holte der FDP-Mann 99,2 Prozent. Und weil sie im 1.100-Einwohner-Ort fanden, dass er einen guten Job macht, stimmten bei der Gemeinderatswahl drei Jahre später gleich alle für die Liberalen: 100 Prozent. Andere Parteien traten gar nicht an. Alle zwölf Gemeinderäte werden von der FDP gestellt.

Und heute? »Die FDP steht bundesweit am Abgrund«, sagt Haustein und kommt auf seinen Parteivorsitzenden zu sprechen. »Der Philipp ist ein intelligenter Mann. Aber ich glaube nicht, dass wir das in der jetzigen Aufstellung packen werden.«

Wer wissen will, wie es die FDP packen kann, muss Haustein begleiten, den sächselnden Haudegen aus dem Erzgebirge. Seit 2005 sitzt er auch im Bundestag, eingezogen über die Landesliste Sachsen. »Griechenland hat uns beschissen«, donnert Haustein. »Die gehören raus aus der Euro-Zone.« Er sitzt auf der gelben Couch seines Chefzimmers und hält einen Vortrag darüber, warum die FDP 2009 das Finanzministerium hätte übernehmen müssen. Hausteins Enkel turnt über die Polster. Da klingelt das Telefon.

Am anderen Ende beichtet ein Lokalreporter, dass er mit dem Auto soeben eine Baustelle gerammt habe. Ein paar abgelegte Dachrinnen der Gemeinde seien verbeult. »Nicht schlimm«, sagt Haustein. »Du musst aber die Bullen anrufen, sonst sieht es nach Fahrerflucht aus.«

Haustein weiß, dass er als Politiker Kraftausdrücke vermeiden sollte, doch es gelingt ihm selten. Er duzt jeden – mit Ausnahme der Kanzlerin. In übermütigen Momenten vergleicht er sich mit Bill Gates . Auch so ein Machertyp. Doch eigentlich ist Haustein ein Pate. Seine Fahrstuhlfirma ist der größte Arbeitgeber in Deutschneudorf. Er sponsert die freiwillige Feuerwehr, spielt im Fußballverein und im Posaunenchor. Seit er für die FDP im Bundestag sitzt, reicht er die Bürgermeister-Aufwandsentschädigung an seinen Stellvertreter weiter. Doch wenn es ernst wird im Dorf, ist er der Chef. Als 2007 ein Brandstifter mehrmals zündelte, schrieb die Gemeinde eine Fangprämie von 5.000 Euro aus; Haustein legte privat dieselbe Summe noch mal drauf. »Seitdem ist Ruhe«, sagt er.

In einem Schacht in seinem Ort sucht Haustein nach dem Bernsteinzimmer

Er steigt in seinen schwarzen Geländewagen: eine Ortsbesichtigung. Es geht vorbei an einer Baustelle für ein Pflegeheim, zum deutsch-tschechischen Kindergarten, für den er lange gekämpft hat. Vorbei an einer neuen Holzkapelle auf einem Hügel, von dem aus Haustein verzückt auf sein Dorf blickt. Schließlich zum Abenteuerbergwerk . Dank des Fortuna-Stollens ist Haustein in manchen Kreisen bekannter als Guido Westerwelle. Der Bürgermeister vermutet in dem Schacht das von den Nazis geraubte Bernsteinzimmer .

"Ohne Heinz-Peter wäre das Dorf tot"

»Viele Gänge sind verschüttet, von zehn Kilometern sind erst rund drei erforscht«, sagt Haustein. »Wir werden etwas finden. Zu hundert Prozent.« Im Februar 2008 wähnte er sich ganz dicht dran. Journalisten aus aller Welt reisten nach Deutschneudorf, um dabei zu sein. Sogar CNN berichtete. Doch außer Schutt förderte Haustein nichts zutage. »Freunde, Kolumbus war 20 Jahre lang ein Spinner«, rief er damals. »Ich will nicht wissen, was der durchgemacht hat. Im Moment geht’s mir auch so. Ich weiß, hier ist etwas. Ich weiß nur nicht, wo.« Heute sitzt Haustein im Besucherzentrum im Huthaus, das er direkt am Eingang zum alten Stollen errichten ließ. Er wärmt sich an einem Bullerjan-Ofen. Der Presserummel damals sei etwas viel gewesen, sagt er. »Beim nächsten Mal informieren wir die Medien erst, wenn wir die Kisten gehoben haben«, sagt er. Haustein nimmt einen großen Schluck Kaffee und beißt in eine Bockwurst – sein Mittagessen.

Beim Blick auf die Fotowand plaudert Haustein dann doch aus, dass es in zwei Tagen wieder losgehen soll mit der Schatzsuche am Berg, der längst durchlöchert ist wie ein Schweizer Käse. »Täglich kommen neue Hinweise«, sagt Haustein. Er kramt eine ausgedruckte E-Mail hervor. Absender: ein gewisser »Pumukel«. In geheimnisvollem Ton und zweifelhafter Rechtschreibung kündigt dieser an, man werde bei der Suche eine Maschine zum Betonschneiden benötigen. Zum Betonschneiden? Haustein wundert das nicht. Er lächelt selbst wie ein Kobold. Die Schatzsuche ist sein Spleen. Er bezahlt sie privat: 25.000 Euro bislang. Viele im Dorf profitieren davon. Tristan Roscher hat gegenüber vom Berg eine Schauwerkstatt eröffnet: die »Welt der Steine«. Er verkauft an Touristen geschliffene Mineralien. Für sechs Euro gibt es einen leeren Eimer, und man darf im Garten nach Halbedelsteinen graben, die seine Frau dort versteckt hat. »Ohne Heinz-Peter wäre das Dorf tot«, sagt Roscher. Sie sind zusammen zur Schule gegangen. In seiner Freizeit schreibt Roscher Bürgermeister-Sketche für die Dorfbühne. Doch eigentlich bewundert er Haustein: »Er kann Leute für Dinge begeistern, die andere als aussichtslos bezeichnen.«

Zu Weihnachten schenkte er Peer Steinbrück einen Goldesel aus Holz

Das war schon in der DDR so. Die SED versprach noch den Sieg des Sozialismus, als Haustein 1986 seine Firma gründete: Elektroinstallation und Aufzugbau. Er trat in die Blockpartei LDPD ein – »weil ich den Gewerbeschein sonst nie bekommen hätte«. Und nahm in der Garage die ersten Aufträge entgegen. Nach der Wiedervereinigung schloss er eine Kooperation mit dem Aufzug- und Rolltreppenhersteller Schindler. Seitdem liefert, montiert und wartet Hausteins Firma Fahrstühle in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Zum Bürgermeister ließ er sich erstmals 1994 wählen, in den Bundestag geriet er durch Fügung. Die sächsische FDP setzte ihn 2005 auf einen aussichtslosen Listenplatz. Das Wahlergebnis war dann aber so gut, dass Haustein nach Berlin musste. Bald galt er dort als der Abgeordnete mit den meisten Kleinen Anfragen, der seine Reden stets mit »Glück auf« beendete. Inzwischen meldet er sich aus Berlin regelmäßig mit Peters Woche – einem Videoblog, das man lustig oder peinlich finden kann. Mal singt Haustein nach den Mai-Krawallen Kreuzberger Nächte sind lang, mal beißt er vor der Kamera in eine Currywurst und sagt: »Im Moment verspeise ich die Steuererleichterung, die Ihnen die Bundesregierung zugebilligt hat: 3,10 Euro.«

Die Satiriker von der ZDF heute show fanden die Filmchen so absurd, dass sie sich über Haustein in ihrer Sendung lustig machten. »Das haben einige Millionen Leute geschaut«, sagt Haustein, der über sich selbst gut lachen kann. »Man darf das nicht so verbissen sehen.« Haustein sieht nichts verbissen. Im Sommer 2002 überschwemmte ein Hochwasser seinen Ort. Haustein fackelte nicht lange und ließ einen Umflutungskanal für den Wildsbach graben. Dummerweise hielt die Sächsische Aufbaubank anschließend die Fördermittel zurück, weil der Kanal nicht in die Rubrik Schadensbeseitigung fiel. »Da hatte ich echt ein Problem«, sagt Haustein. Doch dann besichtigten der damalige Ministerpräsident Georg Milbradt und die damalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries das Dorf. Die 300.000 Euro flossen trotzdem.

Es ist ein kühler Nachmittag, als Haustein jene Familie besucht, die das Hochwasser einst besonders getroffen hat. Wolfgang Braun und seine Frau schnitzen in ihrer Werkstatt Figuren. »Ist das nicht schön«, fragt Haustein und zeigt auf winzige Sterne aus Holz. Braun sagt: »Wenn die FDP nicht mehr gewählt wird, macht das nichts.« Der Heinz-Peter bekäme trotzdem genug Stimmen. Seit Haustein im Bundestag sitzt, schenkt er Spitzenpolitikern zu Weihnachten eine von Brauns Figuren. Peer Steinbrück ließ er einen Goldesel schnitzen. Guido Westerwelle bekam ein Flugzeug, weil er Außenminister ist. Angela Merkel erhielt einen Engel.

Vor Hausteins Firmengebäude verwittert ein Wegweiser. Doch auf den 13 Schildern stehen keine Ortsnamen. Sondern Hausteins Hobbys und Ämter: Lionsclub, Hochwildjäger, Schatzsucher. Die Installation wirkt größenwahnsinnig. Und man fragt sich, ob er auch ein Schild »FDP-Vorsitzender« gut fände. Haustein weiß, dass das unrealistisch ist, fühlt sich aber geschmeichelt, wenn man ihn fragt. »Ich habe genug zu tun«, sagt er. »Aber wenn die Partei mich ruft, bin ich da.«