Studenten an der TU Dresden © Ralf Hirschberger/dpa

Seit 1994 lehrt Ingo Kolboom in Dresden. Wie blickt er auf die Zeit zurück? »Ich hätte genauso gut schlafen können«, sagt der Professor. »Oder zur Kur fahren. Ich frage mich, warum ich 17 Jahre lang Forschungs- und Lehrberichte geschrieben habe.«

Wenn Kolboom im nächsten März die TU Dresden verlässt, wird sein Lehrstuhl für Frankreichstudien und Frankophonie nicht wiederbesetzt werden. Stattdessen wird er mit der Professur für Französische Literaturwissenschaft zusammengelegt. Für Kolboom ist das eine Torheit: »Französischlehrer müssen ihren Schülern landeswissenschaftliche Themen vermitteln können«, sagt er. »Die sollen sich auskennen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft unseres Nachbarlandes. In den sächsischen Lehrplänen ist das verankert – aber nicht in der Lebenswirklichkeit der Universitäten, die die Lehrer ausbilden sollen.« Jahrelang habe Dresdens TU sich mit seiner, mit Kolbooms Arbeit geschmückt. Mit internationalen Veröffentlichungen und Ehrungen ihres Professors geworben. Nun wische sie mit einem Handstreich alles weg, wofür er stehe.

Vielleicht könnte Kolboom leichter mit der Entscheidung seines Rektors leben, wenn der ihm inhaltliche Gründe nennen würde. Doch es geht in Sachsens Bildungsplanung gerade nicht um Inhalte. Es geht um Geld. An den Hochschulen sollen, so die Prognose der Staatsregierung, bis 2020 mehr als 1.000 Stellen gestrichen werden. Zum Vergleich: So groß ist die Personalausstattung der gesamten TU Chemnitz. Bis 2015 müssen die Unis in einer ersten Phase Hunderte Arbeitsplätze abbauen.

Der Kahlschlag beginnt zu einem absurden Zeitpunkt. Seit Jahren werben die ostdeutschen Länder mit aller Kraft um West-Abiturienten. Sie schicken PR-Trucks nach Bayern und Baden-Württemberg, sie holen Schulabgänger im Trabi aus Hamburg ab, sie buchen sündhaft teure Werbeagenturen. Die Botschaft lautet: Bei uns studiert man fürstlich – kommt alle nach Sachsen! Hier ist noch Platz in den Hörsälen.

Das wirkt: Mehr als 5.600 westdeutsche Studienanfänger zählte man zwischen Görlitz und Chemnitz, zwischen Leipzig und Dresden im aktuellen Wintersemester; mehr als dreimal so viele wie noch vor wenigen Jahren. Die doppelten Abiturjahrgänge in manchen Ländern und der Wegfall der Wehrpflicht sorgen längst auch an Sachsens Unis für Kapazitätsprobleme.

Kaum rübergelockt, dürften sich viele der Erstsemester verdutzt die Augen reiben, wenn sie selbst Pflichtveranstaltungen nicht mehr besuchen können, weil die Teilnehmerlisten wegen Überfüllung geschlossen sind. Und sie können sich sicher sein: Es wird auch nicht mehr besser werden. Reingefallen!

Für das Dresdner Wissenschaftsministerium ist die aktuelle Studentenwelle nur ein Zwischenphänomen. Lieber argumentiert man mit dem Geburtenknick der Nachwendezeit, mit zwanzig Prozent weniger Studienanfängern aus Sachsen in den kommenden zehn Jahren. Der Freistaat, der pro Student ohnehin deutlich weniger ausgibt als die anderen Flächenländer, will weiter sparen. Das Wissenschaftsministerium, das gerade am Hochschulentwicklungsplan bis 2020 feilt, betont sogar, fast zynisch, die »großen Gestaltungsspielräume«, die sich aus der »strategischen Verteilung von Mitteln, Infrastruktur und Personalstellen« ergäben. Weil der Stellenabbau mit drei Prozent deutlich geringer ausfallen werde als der erwartete Rückgang der Studentenzahlen, würden die Unis sogar gewinnen.