Es wäre traumhaft, mich mit allen Menschen vernetzen zu können. Was nicht bedeuten soll, dass alle Informationen ungefiltert auf mich einstürzen – das wäre ein Albtraum. Ich stelle mir vielmehr vor, dass ich mich wie ein elektrischer Impuls durch eine Art Weltgeist bewegen und bei anderen Menschen einklinken könnte. Miterleben, was dieser Mensch gerade tut, denkt, empfindet. Ich würde gerne fühlen, was ein anderer fühlt, wenn er an einer Rose riecht, sein Lieblingsgericht isst oder geküsst wird. Fühlt es sich für ihn anders an als für mich? Gibt es Ähnlichkeiten, Verbindungen in unserem Erleben, unserer Wahrnehmung, unserem Weltempfinden, oder leben wir als unabhängige Systeme nebeneinander her? Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Ich wüsste zum Beispiel auch gern, wie ein Autist die Welt wahrnimmt. Es wäre großartig, mich für eine Zeit in der Gefühlswelt des anderen niederlassen zu können.

Natürlich wäre es nur fair, wenn die anderen das auch bei mir könnten. Eine irritierende Vorstellung, zugegeben. Ich würde nicht wissen wollen, wann sich jemand anders an mein Empfinden angedockt hat. Und vor allem nicht, wer. Vor allem, wenn es Menschen sind, die ich nicht mag! Andererseits wäre es wohl besonders interessant, gerade diese Menschen zu besuchen. Nachzuspüren: Warum sind die so? Wahrscheinlich würde ich häufig die Erfahrung machen, dass sie gar nicht so unsympathisch sind, wie ich dachte.

Karriereträume habe ich keine mehr. Nach meinem Burn-out musste ich einen kompletten Reload meines Wertesystems und Lebenskonzepts vornehmen. Bis dahin war ich in einem extrem funktionalen Lebenszusammenhang gefangen, das hat sich grundlegend geändert. Ich schaue anders auf mein Leben und die Welt. Zum Beispiel bin ich häufig sehr ruhebedürftig. Ich genieße es, nur dazusitzen und vor mich hin zu träumen.

In meinem schönsten Tagtraum sitze ich irgendwo in der texanischen Wüste an der Grenze zu Mexiko in einem 200-Seelen-Ort auf der Veranda eines kleinen Häuschens und sehe in den Himmel. Diese Gegend habe ich vor einigen Jahren für mich entdeckt und mich auf Anhieb in sie verliebt. Es gibt dort Wüste und Berge, alles ist sehr karg und reizreduziert. Ich stelle mir gern vor, dort zu leben und ein Buch zu schreiben. Kein Sachbuch, sondern einen Roman. Mittlerweile habe ich manchmal Schwierigkeiten mit den sehr abstrakten, theoretischen Texten, die in der Wissenschaft verlangt werden. Ich habe heute mehr Freude daran, spielerischer mit Sprache umzugehen.

Schön wäre es, wenn ich auf meiner Veranda in Texas die reale Welt eine Zeit lang ausschließen und mich in meine Gedankenwelt zurückziehen könnte. Mich nicht nur mit anderen Menschen emotional zu vernetzen, sondern auch mit den Figuren meines Romans, in die Charaktere einzutauchen, zu fühlen, was sie fühlen, ihre Geschichte tatsächlich mitzuerleben: Das wäre ein Traum.

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