Wenn ich hinter unserem Haus zum Parkplatz gehe, kann ich kaum atmen, so überwältigend ist der Gestank, die Hunde unserer Nachbarn und die Obdachlosen nutzen die Gasse als Toilette. Ich kann Menschen dabei beobachten, wie sie auf die Straße kacken, halb nackt von Sinnen durch die Gegend tanzen und in verrosteten Rollstühlen umherfahren. Nachts dringen die irren Stimmen bis in den neunten Stock, einmal ruft jemand eine Stunde lang immer wieder: »God, help me!« Dazu kommen die Sirenen und das Rattern der Helikopter. Das menschliche Elend zu sehen trifft mich jeden Tag wie ein Schlag. Meine Tochter nennt jeden älteren Herrn nun: »armer alter Mann«.

Zwei Blocks von unserem Haus entfernt beginnt homeless country, das Land der Obdachlosen. Hunderte, Tausende Menschen in allen Stadien des Verfalls leben auf der Straße in Zelten. Sie sind krank, verrückt, auf Drogen oder anderweitig nicht mehr in der Lage, ein normales Leben zu führen. Als wir einmal morgens durch das Viertel fahren, können wir beobachten, wie sich eine Stadt buchstäblich aus dem Asphalt erhebt. Manchmal liegen Menschen auch auf dem Bürgersteig, und es ist nicht klar, ob sie überhaupt noch leben. Aber niemand wählt 911.

Ich war oft in den USA und in vielen armen Ländern dieser Erde. Diesmal ist es anders, existenzieller. Immer wenn ich amerikanischen Bekannten erzähle, wie geschockt ich von der Armut in einem der reichsten Länder der Welt bin, in dem es als fast selbstverständlich gilt, dass Familien zwei riesige Autos zu fahren, schauen sie mich an, als erzählte ich etwas Unanständiges. Das Thema ist unangenehm, nicht Small-Talk-geeignet. Oft antworten sie, es liege an unserem Wohnort Downtown. Anderswo würden wir die Obdachlosen nicht so wahrnehmen. Aber das stimmt nicht, sie sind überall, selbst in Beverly Hills und am Strand. Freunde behaupten, dass viele Obdachlose auf der Straße leben wollten, es ihre eigene Entscheidung sei. Für mich klingt das wie ein Angriff auf meine Intelligenz. Zu Beginn habe ich auch die Plakate von Feeding America , der größten nationalen Organisation zur Bekämpfung des Hungers, für eine Kunstaktion oder die Vorankündigung einer historischen Ausstellung gehalten. Bis mir klar wurde: Das Zwanziger-Jahre-Design soll auf ein sehr gegenwärtiges Problem aufmerksam machen: Jeder sechste Amerikaner leidet tatsächlich Hunger.

Im Januar fahre ich nach Tucson in Arizona, um über das Attentat auf die demokratische Kongressabgeordnete Gabrielle Giffords zu berichten . Vieles in Tucson erinnert mich an St. Pauls damals in North Carolina, eine Stadt der Mittelschicht. Nur dass mir meine Gesprächspartner nicht mehr stolz ihre Fischköder präsentieren, sondern darüber reden, was sie alles verloren haben, wie schlecht es ihnen und dem Land geht und wie schlimm es noch werden wird. Schuld sind in ihren Augen die anderen: die Immigranten, die sozial Schwachen, der politische Gegner, die Regierung.

Einer der Gründer der Tucsoner Tea Party hat drei kleine Kinder, die vielen Häuser in Zwangsvollstreckung in seiner Nachbarschaft machen ihm Angst. Die Regierung soll sparen, Sozialleistungen kürzen und sich ansonsten aus allem raushalten, sagt er. Demokraten hält er für verrückt. Sein demokratischer Gegenspieler macht die Tea-Party-Anhänger für das Attentat verantwortlich, für ihn sind sie gefährliche Waffenfanatiker, Sozialdarwinisten. Beide Seiten sind unversöhnlich. Nur vor der Zukunft fürchten sie sich gemeinsam.

Je länger ich in den Vereinigten Staaten, in Los Angeles, bin, desto mehr bekomme ich das Gefühl, dass eine Gemeinschaft, wie ich sie kenne, hier nicht mehr existiert. Die amerikanische Idee basierte immer auf der Freiheit des Einzelnen, nicht auf Gleichheit, nicht auf Solidarität. Das funktioniert, solange es dem Land gut geht. Wenn es in eine Krise gerät, wie jetzt, pervertiert dieses Freiheitsprinzip. Das soziale Gewissen wird ausgelagert, privaten Stiftungen und Wohltätigkeitsvereinen überlassen.

Los Angeles ist eine Ansammlung von Individuen, die nebeneinanderher leben. Das Zentrum des Narzissmus.

Wohin fehlende Solidarität in einer Gesellschaft führt, hat der Kampf um die Schulden gezeigt. Ein paar Radikale haben ein ganzes Land als Geisel genommen. Veteranen, Arbeitslose und Nationalparks werden nicht mehr unterstützt, damit einige wenige Superreiche nicht höhere Steuern zahlen müssen.

Die Bindungslosigkeit reicht bis ins Private. Eine Bekannte erklärte mir die weitverbreitete Dating-Kultur: Man kann jahrelang mit jemandem zusammen sein, aber auch mit anderen Sex haben – bis die Frage kommt: »Are we exclusive?« , wie bei einem Vertrag. Danach ist das Geschäft abgeschlossen, meist folgt die Hochzeit. Meine Tochter wird zu Kindergeburtstagen eingeladen, die von 10 bis 12 oder von 14 bis 16 Uhr gehen, Abendessen dauern von 20 bis 22 Uhr, als seien zwei Stunden das höchsterträgliche Maß menschlicher Zusammenkunft. Länger bleiben, sich betrinken, sich verquatschen geht nicht. Alle müssen mit dem Auto nach Hause und am nächsten Morgen zu einem Casting.