MassensterbenDie Biene und das Biest
Seite 2/3:

Die Imkerei entwickelt sich zu einem florierenden Wirtschaftszweig

Die östliche Honigbiene Apis cerana ist von der westlichen (»unserer«) Honigbiene Apis mellifera wahrscheinlich seit der letzten Eiszeit getrennt, also seit mindestens 10.000 Jahren. A. mellifera lebt in Europa, Afrika und – seit der schicksalhaften Reise mit den englischen Siedlern – auch in Amerika. A. cerana lebt in Ost- und Südostasien und Indien. Sie hat sich seit der Trennung an die Varroamilbe angepasst, die westliche Biene nicht. Das war auch nicht nötig, denn in ihrem Lebensraum gab es die Milbe nicht. Und der Weg nach Asien war weit.

Im März 1784 jedoch erreichen, dick eingepackt in Felle und Stroh, nach vier Monaten Schlittenreise und Tausenden von Kilometern im tiefsten Winter, 24 ukrainische Bienenvölker ihre neue Heimat. Oberst N. N. Arshenewskij, Kommandant des Irkutsker Dragonerregiments und seit Kurzem im Osten Kasachstans stationiert, hatte sie sich von seiner Schwester aus Kiew schicken lassen. Ob aus strategischen Überlegungen oder aus Langeweile auf seinem Posten, ist nicht überliefert. Er ist jedoch offenbar fest entschlossen, die Tiere anzusiedeln. Denn als alle 24 Völker im Verlauf des ersten Jahres eingehen, bestellt er für das folgende eine weitere Lieferung, diesmal aus Baschkirien am Ural.

Die zweite Ansiedlung gelingt, und die Imkerei entwickelt sich zu einem florierenden Wirtschaftszweig. Langsam, aber stetig dringen die Nachfahren der europäischen Bienen weiter nach Osten vor. Von Tomsk (1803) nach Krasnojarsk (1823), in die Baikal-Region (1851), nach Chabarowsk (1887) und schließlich an die Pazifikküste in die Gegend um Wladiwostok, nahe der koreanischen Grenze – mitten hinein ins Siedlungsgebiet der östlichen Honigbiene Apis cerana.

Und es kommen noch mehr. 1861 hebt Zar Alexander II. in der Ukraine die Leibeigenschaft der Bauern auf. Das russische Kaiserreich hat wenige Jahre zuvor unter verheerenden Verlusten den Krimkrieg verloren, und der Zar ist fest entschlossen, den technologischen Rückstand gegenüber dem Westen aufzuholen. Sein Ziel: das Reich modernisieren und Arbeitskräfte für die Industrialisierung freisetzen.

Für die ukrainischen Bauern jedoch bedeutet die neu gewonnene Freiheit vor allem eines: bittere Armut. Ihre Parzellen sind zu klein, die Steuern zu hoch, und die Industrialisierung ist auf wenige Zentren begrenzt. Hunderttausende verlassen ihre Heimat und ziehen in den russischen Osten. Im Jahr 1904, als die Route der Transsibirischen Eisenbahn zum ersten Mal durchgehend passierbar ist, bringen die ersten Auswanderer ihre Bienen mit.

Zwar kann man auch mit der östlichen Biene imkern, doch die westliche ist seit Generationen auf Produktivität und Sanftmut gezüchtet, und ihre Haltung in transportablen Bienenstöcken ist gut erprobt. Die ideale Arbeiterin sozusagen. Am Pazifik gedeiht sie gut und kommt in immer engeren Kontakt mit den heimischen östlichen Bienen.

»Kontakt« zwischen Völkern bedeutet auch bei Bienen vor allem Räuberei. Starke Völker brechen auf, im Spätsommer oder Herbst, wenn die Blüten weniger werden, und plündern die Vorräte schwächerer Völker. Schwache Völker sind oft von Milben befallen, und so schleppen die Bienen des räubernden Volkes nicht nur fremden Honig zurück in den eigenen Stock, sondern auch Parasiten. Für die Milbe ein idealer Ausbreitungsmechanismus – solange Räuber und Beraubte zur selben Art gehören.

Im Vergleich zu den komplexen Staatengebilden der Honigbienen wirkt die Varroamilbe auf den ersten Blick eher einfach gestrickt. Sie lebt allein, wird kaum zwei Millimeter groß, hat einen glatten Rückenschild und verfügt über ein paar Mundwerkzeuge. Doch auch die Milbe ist ein hoch spezialisierter Organismus mit feinen Sinnen, genau abgestimmt auf das Zusammenleben mit ihrem Wirt. Die Größe der Brutwaben, die Temperatur im Brutnest, die Entwicklungszeit der Bienenlarven – all das muss passen, damit Varroa destructor im Bienenvolk überleben kann. Ein Wechsel von einer Bienenart auf die andere ist also eine heikle Angelegenheit.

Wie genau Varroa auf die westliche Biene kam, ist nicht bekannt. Zwar scheinen die Bedingungen auf dem neuen Wirt günstig, aber genetische Studien zeigen, dass es nicht nur wesentlich mehr Varroa-Typen gibt als angenommen , sondern auch, dass viele den Sprung von der östlichen auf die westliche Honigbiene (bisher) nicht geschafft haben. Varroa hat also nicht gerade auf die neue Biene gewartet.

Die Untersuchungen zeigen aber auch, dass die Milben, die heute die westliche Biene bedrohen, auf zwei getrennte genetische Linien zurückgehen, dass der Wechsel also bei allen Fehlversuchen mindestens zweimal erfolgreich gewesen ist: einmal an der russischen Pazifikküste und einmal in Japan – mit anderen Milben, anderen Bienen und einer anderen Geschichte. Und auch diese beginnt mit der Ankunft an einer fremden Küste und einem Sprung zurück in der Zeit.

Während die europäischen Bienen sich allmählich über den asiatischen Kontinent ausbreiten, geht im Juli 1853 der amerikanische Commodore Matthew C. Perry mit vier Kriegsschiffen in der Bucht von Edo, dem heutigen Tokyo, vor Anker. Seine »Schwarzen Schiffe« sind schwer bewaffnet mit modernen Haubitzen, und der Commodore lässt keinen Zweifel daran, dass er bereit ist, diese auch zu benutzen, sollten die Japaner sich seinen Forderungen nach einer Öffnung der Häfen für amerikanische Handels- und Walfangschiffe widersetzen. Ein Jahr später unterzeichnet Japan das Abkommen von Kanagawa und beendet so nach über 200 Jahren seine selbst gewählte strikte Isolationspolitik.

Die Öffnung des Landes ist eine wichtige Voraussetzung für die Rückkehr des japanischen Kaisers an die Macht, und in der folgenden Meiji-Restauration (der »Erleuchteten Herrschaft«) erfährt Japan einen Modernisierungsschub, der alle Lebensbereiche umfasst. Unter den zahlreichen westlichen Technologien, die in dieser Zeit in Japan eingeführt werden, sind auch viele neue Landwirtschaftstechniken, und im Jahr 1876 kommen die ersten westlichen Honigbienen nach Japan – aus Amerika, wo sich inzwischen eine blühende Imkereikultur entwickelt und der Pastor Lorenzo Lorrain Langstroth gerade seine hochmodernen Bienenkästen entworfen hat, die heute als Langstroth-Magazine weltweit die meisten Bienen behausen.

Leserkommentare
    • tgam
    • 31. Oktober 2011 10:50 Uhr

    Das ist ein wahrhaft spannender, wissensreicher und bereichernder Text. Ich bin begeistert!

    7 Leserempfehlungen
  1. komisch aber ich schließe mich meinen Vorredner an, von solchen Artikeln sollte man mehr bringen. Mehr Hintergrundwissen vermitteln und nicht nur auf die Ereignisse der letzten Tage als Grundlage nehmen

    3 Leserempfehlungen
  2. schließe mich ebenfalls an:

    Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, auf Zeit online informatives zu finden.

    Der wohl beste Artikel seit.. langer Zeit.

    2 Leserempfehlungen
  3. also im natürlichen Bereich sowohl Biene als auch Varroa existierten, lebten beide und die Biene war resistent. Dann aber: "Pestizide, Krankheiten und der generelle Artenschwund in der modernen Agrarlandschaft – alle diese Faktoren spielen eine Rolle, auch wenn unklar ist, wie genau sie ineinandergreifen." und: "Schwache Völker sind oft von Milben befallen." - Wodurch wurden Bienenvölker schwach? Züchtung von Königinnen - Ausrauben der Völker bis auf fast den letzten Honigstropfen -. Wo darf noch ein Bienenvolk schwärmen? Wo darf es noch seinen eigenen Honig verspeisen? -

    Eine Leserempfehlung
  4. für diesen sehr lesenswerten Artikel.

  5. zeigt er doch das Grundproblem des Verständnisses der Welt: die nicht zu überblickende Komplexität, das starke Anwachsen der kausalitätskette, das aus scheinbar kleinen Ursachen große Wirkungen macht.

    Ich kann der Redaktion nur raten: Lasst alle Autoren diesen Artikel lesen und verinnerlichen, um die Lehren auf andere Gebiete zu übertragen.

    4 Leserempfehlungen
  6. Freie Autorin

    Vielen Dank für die freundlichen Worte!

    Ich freue mich, dass die Varroa hier auf so großes Interesse stößt. Sie ist wirklich ein faszinierendes Tier und es gibt noch eine ganze Reihe weiterer interessanter Verbindungen, die man so nicht erwarten würde. See-Ungeheuer zum Beispiel, oder Mars-Krater. Oder eine Kernphysikerin und ihr Hochzeitsgeschenk...

    Eine Leserempfehlung
    • Sikasuu
    • 31. Oktober 2011 18:02 Uhr

    ... könnte man sagen, wenn man sich nur auf die Informationen des Artikels stützt. Was sollst, nehmen wir halt Zucker!
    .
    Etwas Essig in die "süsse" Arbeit der Autorin? :-))
    .
    Die Verbreitung der Milbe, ihre Wege und die Probleme sind wunderschön beschrieben.
    .
    Ein GANZ WICHTIGER FAKTOR der Bienenhaltung kommt aber zu kurz. Die nicht zu ersetzende BIENENARBEIT in der Landwirtschaft.
    .
    Der Hinweis,...
    .
    das z.B. der Ertrag im Obstanbau um ca. 2/3 zurückgeht, wenn nicht Bienenvölker während der Blüte gezielt in die Plantagen gesetzt werden.
    .
    das fast alle Fruchtsorten, fast sämtliche von uns als Nahrung genutzte "Blütenpflanzen" von Bienen als Bestäuber abhängig sind.
    .
    das z.B genmanipulierter Raps ein großes Problem für Bienen UND den Honig ist...
    .
    Dazu hätte ich mir, selbst auf Kosten des beschriebenen Prozesses, etwas breitere Informationen oder einen Link
    http://de.wikipedia.org/w... gewünscht.
    .
    By the way: Ein abschweifen/verweis des Artikels auf die augenblickliche Diskussion um genveränderte MÜCKEN im Zusammenhang mit Malaria und Dengue-Fieber Bekämpfung wäre wohl auch sinnvoll. http://www.spiegel.de/wis...
    .
    Trotz dieser kleinen Anmerkungen, der Artikel macht beispielhaft klar, was geschieht, wenn Menschen OHNE Folgeabschätzung in natürliche Steuer- und Regelketten eingreifen!
    .
    Weiter so Frau Kollegin! Hoffentlich mit einem kostendeckenden HONORAR als FREIE und demnächst als Pauschalistin / mit Anstellung :-))
    .
    Gruss
    Sikasuu

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Japan | USA | Biene | Erdöl | USA | Brasilien
Service