Massensterben : Die Biene und das Biest
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Japanische Auswanderer in Südamerika

In Japan lebt eine Unterart der östlichen Honigbiene und auf dieser die japanische Variante der Varroamilbe. Eine Zeit lang ging alles gut, doch 1958 wurde die Milbe auf westlichen Bienen in Japan entdeckt. Nur 13 Jahre später, 1971, tauchte sie zum ersten Mal auf der anderen Seite des Pazifiks auf. Doch nicht etwa irgendwo an der Küste, sondern mitten auf dem südamerikanischen Kontinent: in Paraguay.

Das ist weniger abwegig, als es zunächst scheint. Aber um zu verstehen, wie es dazu kommen konnte, muss man wieder ein paar Schritte in der Geschichte zurückgehen. Etwa bis zum Beginn des Petro-Zeitalters und dem Ende des Walfangs auf Hawaii.

Erdöl wird von den Menschen schon seit Jahrtausenden genutzt, aber bis Mitte des 19. Jahrhunderts gab es für das zähe Rohöl kaum einen Markt. Maschinen wurden mit Dampf oder Wasserkraft betrieben, geheizt wurde mit Kohle oder Holz, für Lampen verwendete man Walöl, für Kerzen Bienenwachs. Im Jahr 1846 entwickelte der kanadische Arzt und Geologe Abraham Gesner jedoch eine Methode, Erdöl zu Kerosin zu veredeln. Wenig später, 1853, erfand in Europa der polnische Chemiker und Apotheker Jan Józef Łukasiewicz die Petroleumlampe und machte damit raffiniertes Erdöl für die breite Masse nutzbar. Danach wuchs die Petroleumwirtschaft schnell. Für die weltweite Walfangindustrie bedeutete dies das Ende. Für die Wale wahrscheinlich die Rettung.

Eines der Drehkreuze für die internationalen Walfangflotten war Hawaii, wo man sich, als die Walfänger ausblieben, auf den Anbau von Zuckerrohr verlegte. Doch für die Arbeit auf den Plantagen gab es viel zu wenige Menschen auf der Insel, und so rekrutierten die Besitzer Arbeitskräfte aus dem Ausland, vor allem aus Asien.

In Japan hatte inzwischen der neu erstarkte Kaiser das feudale System der Shogunate aufgelöst. Mit der Freiheit kam für viele kleine Bauern allerdings eine erdrückende Steuerlast, und viele suchten ihr Heil in Übersee. Auf den hawaiianischen Zuckerrohrplantagen waren sie zunächst begehrte Arbeitskräfte, doch von 1907 an durften Japaner nicht mehr in die USA (zu deren Hoheitsgebiet Hawaii inzwischen gehörte) einwandern. Die verarmten Bauern mussten neue Ziele suchen. Sie fanden sie auf den Kaffeeplantagen in Brasilien und von 1930 an auch in Paraguay.

In Südamerika blieben die japanischen Auswanderer meist unter sich. Heiraten außerhalb der eigenen Volksgruppe waren verpönt. Spezielle Agenturen vermittelten daher sogenannte picture brides , heiratswillige Frauen aus der Heimat. Diese Praxis wurde im frühen 20. Jahrhundert abgeschafft, die engen wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen blieben jedoch bestehen, und im Jahr 1971 importierte ein einzelner Imker Bienenköniginnen und Brutwaben aus Japan zunächst nach Paraguay und 1972 auch nach Brasilien. Mit den Bienen kam die Varroa und verbreitete sich in wenigen Jahren über ganz Südamerika und bis an die Westküste der USA.

Dort traf sie zum ersten Mal auf ihre russische Schwester, die inzwischen ebenfalls nach Amerika gelangt war – allerdings auf der entgegengesetzten Route. Und mit dem Flugzeug.

In den 1960er Jahren hatte es im europäischen Teil Russlands immer wieder Berichte von besonders hohen Erträgen sibirischer Bienen gegeben. Als sich zeigte, dass die guten Honigernten eher durch besonders üppige Lindenblüten als durch besonders produktive Bienen verursacht wurden, war der Handel mit den ostrussischen Bienen schon in vollem Gange.

Varroa wurde in Europa erstmals 1967 in Bulgarien nachgewiesen, 1971 in Tschechien, 1976 in Jugoslawien und 1977 in Deutschland. Wobei die deutschen Milben einen Sonderfall darstellen, denn sie waren zu Forschungszwecken direkt auf Apis cerana eingeführt worden und hatten sich dann aus dem Forschungsinstitut heraus unkontrolliert ausgebreitet. In den USA fand man die ersten Varroamilben 1987, und bis auf Australien und die Antarktis ist heute kein Kontinent mehr frei von der Milbe.

Der Siegeszug der Varroa um die Welt dauert erst ein paar Jahrzehnte an, aber die Ursachen reichen Jahrhunderte zurück. Und natürlich war das so nicht vorgesehen. Varroa ist ein klassischer Fall von nicht intendierter Folgewirkung. Die Milbe war lange vor uns da, und lange Zeit war sie kein Problem. Ihre plötzliche Ausbreitung ist Konsequenz unserer sozialen Entwicklung. Tierhaltung, Ingenieurwesen, Welthandel. Mit dieser Entwicklung werden wir nicht aufhören, und sie lässt sich auch nicht rückgängig machen. Aber die Varroa zeigt: Wir entwickeln uns nicht allein. Und so abenteuerlich die Geschichte auch klingen mag – sie ist keine Ausnahme. Bei jedem Schritt und jedem Fortschritt tragen wir Dinge mit uns, die wir kennen und beachten, und andere, die wir nicht kennen, zu gering schätzen oder einfach übersehen.

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Wirklich ein gelungener Artikel

zeigt er doch das Grundproblem des Verständnisses der Welt: die nicht zu überblickende Komplexität, das starke Anwachsen der kausalitätskette, das aus scheinbar kleinen Ursachen große Wirkungen macht.

Ich kann der Redaktion nur raten: Lasst alle Autoren diesen Artikel lesen und verinnerlichen, um die Lehren auf andere Gebiete zu übertragen.