MassensterbenDie Biene und das Biest

Warum sterben Millionen Völker der westlichen Honigbiene? Seit 400 Jahren erobert sie den Globus – dabei traf sie auf eine alte Verwandte und deren verhängnisvollen Parasiten. Die Folgen sind auch für den Menschen immens. von 

Bienen krabbeln auf ihrem Wabenstock umher. Die Nähe der Tiere macht es der Varroa-Milbe leicht, von einer Biene auf die nächste überzuspringen.

Bienen krabbeln auf ihrem Wabenstock umher. Die Nähe der Tiere macht es der Varroa-Milbe leicht, von einer Biene auf die nächste überzuspringen.  |  © Mohammed Abed/AFP/Getty Images

Sie kommen über den Atlantik, auf Schiffen, die Hopewell, Bona Nova und Discovery heißen, gut verstaut in Körben über dem Abort im Heck, nah am Wasser, wo es kühler ist. Es ist das Jahr 1622, und zusammen mit Tauben, Kaninchen und 90 englischen Siedlern erreichen die ersten Honigbienen die Ostküste Amerikas. Von hier aus werden sie in großen Schwärmen den Kontinent erobern. Niemand kann sie aufhalten. »White man’s fly« nennen die Indianer die neue Art, denn wo die Honigbiene auftaucht, ist der weiße Mann nicht weit.

Heute, knapp 400 Jahre später, bedroht ein neuer Einwanderer nicht nur die Existenz der amerikanischen, sondern die aller westlichen Honigbienen. Varroa destructor – ein martialischer Name für eine unauffällige braunrote Milbe aus Asien, die ausschließlich Insekten befällt. Sie hieß nicht immer so, aber als im Jahr 2000 nach genetischen Studien eine Neubenennung notwendig wurde , wählten die Wissenschaftler einen Namen, der das ganze Ausmaß der Katastrophe für die Bienen widerspiegelt. Und auch die Hilflosigkeit, mit der die Menschen der Milbe bis heute begegnen.

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Das weltweite Bienensterben ist ein komplexes und in weiten Teilen noch immer rätselhaftes Phänomen. Pestizide, Krankheiten und der generelle Artenschwund in der modernen Agrarlandschaft – alle diese Faktoren spielen eine Rolle, auch wenn unklar ist, wie genau sie ineinandergreifen. In einem aber sind sich Imker und Wissenschaftler einig: Der größte Killer ist die Milbe .

Bienenvölker

Die Zahl der Bienenvölker in Europa und Nordamerika ist seit Langem rückläufig. In den USA sank sie zwischen 1947 und 2005 um 59 Prozent, in Mitteleuropa zwischen 1985 und 2005 um 25 Prozent. Die Winterverluste der letzten Jahre sind also Teil eines langfristigen Trends.

Weltweit gibt es laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) rund 65 Millionen bewirtschaftete Bienenvölker. Gegenüber 1961 ist dies eine Zunahme von 45 Prozent, vor allem Südamerika und China haben dazu beigetragen. In derselben Zeit ist jedoch auch der Teil der Agrarproduktion, der auf Bestäubung durch Insekten angewiesen ist, um 300 Prozent gestiegen.

Ursachen für den Rückgang

Die Liste der Ursachen für den Rückgang in den USA und Europa ist lang. Sie reicht vom »Imkersterben« in Ländern, in denen die Imkerei vor allem als Hobby betrieben wird, über Futtermangel in der industrialisierten Landwirtschaft und Parasiten (allen voran die Varroamilbe) bis hin zum Einsatz von Pestiziden im Pflanzenbau und im Bienenstock. Wie diese Faktoren ineinandergreifen, welche sich direkt auswirken und welche als »subletale Effekte« über Generationen hinweg wirken, ist weitgehend ungeklärt.

Kosten

Der Verlust der Bestäuber kann teuer werden. Für 2005 wurde ihr Anteil an der weltweiten landwirtschaftlichen Erzeugung für den menschlichen Verzehr (ohne Futterpflanzen) auf 9,5 Prozent geschätzt; das entspricht 153 Milliarden Euro. Zwar würde der Mensch durch den Ausfall der Bestäubung nicht verhungern, neue Studien zeigen jedoch, dass die Nutzpflanzen, die durch Insekten bestäubt werden, mehr als 90 Prozent des natürlichen Vitamins C in unserer Nahrung enthalten, sowie Antioxidantien, Lipide, Vitamin A, Kalzium, Fluorid und Folsäure – essenzielle Bestandteile einer ausgewogenen Ernährung.

Um die Bestäubung dieser Pflanzen für nachfolgende Generationen sicherzustellen, empfiehlt das Umweltprogramm der UN unter anderem, sich nicht auf eine einzige Insektenart wie die Honigbiene zu konzentrieren, sondern ein breites Spektrum alternativer Arten zu schaffen beziehungsweise zu erhalten.

Ursprünglich in Asien heimisch, hat sie sich in den letzten 40 Jahren nahezu weltweit ausgebreitet, und alle Bemühungen, sie wieder loszuwerden, waren bisher erfolglos. Die Milbe schwächt die Bienen, verstümmelt die Brut und öffnet Viren und Bakterien Tür und Tor. In Europa und Nordamerika bedeutet ein Varroa-Befall für Honigbienen ohne menschliche Hilfe fast immer den Tod.

Doch auch wenn es aussieht, als sei die Milbe wie eine unberechenbare oder gar boshafte Naturgewalt über den Menschen und seine Nutztiere hereingebrochen: Varroa destructor ist kein Unfall, kein Missgeschick und auch keine Laune der Natur. Sie ist ein fester Bestandteil des Systems. Dieses System ist komplex und dynamisch, voller Umwege und Abkürzungen. Die weltweite Expansion der Varroa hat ihren Ausgangspunkt im Fernen Osten, doch möglich wurde sie nur durch Ereignisse, die sich ganz woanders abspielten und die mit der Milbe lange Zeit überhaupt nichts zu tun hatten.

In ihrer Heimat in Asien lebt die Varroamilbe in einer gut eingespielten Beziehung zwischen Parasit und Wirt mit der östlichen Honigbiene Apis cerana. Nach vielen Generationen wechselseitiger Anpassung kann die Biene gut mit der Milbe leben. Und natürlich auch ohne sie, wie jede andere Biene auch.

Die Abhängigkeit der Milbe von ihrem Wirt dagegen ist total. Sie lebt vom Blut der Bienen, vermehrt sich in der Brut der Bienen, kann Bienen am Geruch unterscheiden, aber kaum sehen und nicht fliegen. Ihre acht kurzen, kräftigen Beine eignen sich zwar gut, um im dunklen Bienenstock von einer Wabe zur anderen zu huschen, aber zur Welteroberung eignen sie sich nicht. Die geht, wie alles andere, nur auf dem Rücken der Bienen.

Leserkommentare
  1. es gibt eine Lösung für die Bienen. Ein System, von Imkern aus Arizona entwickelt. Zehntausende von Bienenvölkern weltweit die resistent gegen Krankheiten und auch gegen die Varroa sind.
    http://www.resistentebien...

    liebe Grüße
    Stephan

  2. Die in Südostasien lebende Apis cerana hat es in Jahrtausenden geschafft, sich mit der Varroamilbe zu arrangieren.
    Unsere Apis mellifera wurde von der Milbe völlig überrumpelt. Mögliche Reste einer Milbenresistenz werden wohl auch Jahrtausende brauchen, bis sie zur Selbstverteidigung ausreichen. Ob die Menschen sie dann noch wollen, ist fraglich.
    Die afrikanische Apis scutellata, die zu Versuchen nach Südamerika gebracht wurde und dort ausschwärmte, macht mit den Parasiten kurzen Prozess, ist aber auch gegenüber Hunden, Katzen und Menschen äußerst aggressiv. Das hat ihr den Beinamen "Mörderbiene" eingebracht.
    Also wird unser liebes friedliches Bienchen wohl immer die Hilfe des Imkers brauchen.
    Und die gibt es, sogar sehr effektiv. Die ökologisch vorteilhafte Ameisensäure tötet die Parasiten. Bei richtiger Dosierung spüren die Bienen kaum etwas und werden nicht geschädigt. [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf werbliche Inhalte. Danke, die Redaktion/mk

  3. >Wobei die deutschen Milben einen Sonderfall darstellen, denn sie waren zu Forschungszwecken direkt auf Apis cerana eingeführt worden und hatten sich dann aus dem Forschungsinstitut heraus unkontrolliert ausgebreitet.<

    Ich musste irgendwie unweigerlich schief grinsen. Aber irgendwie wird in Deutschland gerne geforscht, Pannen inklusive. ;)

    Sehr schöner Artikel, gerne mehr davon :)

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