Russische ZeitumstellungGebt uns die Sonne zurück!

Russland dreht an der Uhr. Einige Bürger wehren sich gegen die Folgen der Zeitverschiebung. von 

Russland lebt künftig ohne Winterzeit. Präsident Dmitrij Medwedjew hat angeordnet, die Uhren am Wochenende nicht wie üblich um eine Stunde zurückzustellen . Ganz Russland? Nein, ein Dorf in Sibirien trotzt dem Moskauer Zeitdiktat, und das schon seit Jahren. Solgon heißt das Widerstandsnest, vier rüttelige Fahrstunden im Jeep von Krasnojarsk entfernt.

Es gibt ein Dorfkulturhaus, einen Supermarkt, eine asphaltierte Straße und eine frühere Sowchose, die heute als Aktiengesellschaft Milch produziert. Solgonskoje gilt als Vorzeigebetrieb. Bei der letztjährigen Preisverleihung für die landwirtschaftlichen Bestarbeiter im Krasnojarsker Gebiet erhielten drei ihrer Angestellten Orden, Auto oder Mähdrescher. Auf 2.600 Menschen kommen hier gut 6.000 Rinder. Um sie geht es dem rebellischen Direktor von Solgonskoje, Boris Melnitschenko.

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Die Kühe, fand er heraus, gäben in den ersten Wochen nach jeder Melkstundenverschiebung weniger Milch. Der Stress sei einfach zu groß. Da hat er im März 2006 entschieden, die Uhr im Sommer nicht mehr vorzustellen. So entstand eine eigene, die Solgoner Zeitzone. »Unsere Arbeiter gehen um vier Uhr morgens in die Ställe«, sagt Melnitschenkos Vater, der als Hauptingenieur im Betrieb arbeitet. »Da können wir sie nicht noch eine Stunde früher in der Dunkelheit aufstehen lassen.«

Die Schule und der Kindergarten halten sich zwar an die »russische Zeit«, wie Melnitschenko sie nennt, aber die Kinder kommen und gehen eine Stunde später. Probleme gibt es mit dem Fernsehprogramm, den überregionalen Fahrplänen und den Geschäftspartnern anderswo. »Da kommen wir manchmal hin, und sie haben gerade Mittagszeit«, erzählt Melnitschenko. Manche Einwohner haben die offizielle Uhrzeit auf der Armbanduhr und die inoffizielle Zeit auf dem Handy. Das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Solgon bleibt bei seiner ganzjährigen Winterzeit.

Die Zeit ist in Russland ein heikles Thema. Das Nationale Institut für Metrologie, das von Moskau aus die gesetzliche Zeit regelt, ist auch zwanzig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion eine geschlossene Einrichtung. Besucher werden nur mit Sondererlaubnis eingelassen, nach einer mehrwöchigen Sicherheitsprüfung.

An abstrusen Befürchtungen mangelt es nicht. Ein Abgeordneter der Duma mutmaßte gar, die Sommerzeit sei Teil einer »Weltverschwörung gegen unser leidgeprüftes Russland«. Während die einen die nationale Souveränität des Landes im Auge haben, bangen die anderen um den Zusammenhalt des weltweit größten Flächenstaates. Die vielen Zeitzonen behindern Politik, Wirtschaft und Verwaltung: Wenn die Kaliningrader frühstücken, sitzen die Petropawlowsker auf der Halbinsel Kamtschatka schon beim Abendbrot.

Präsident Medwedjew, der etliche Reformen ankündigte und wenige umsetzte, hat sich hier behauptet: Er lässt nicht nur die Winterzeit entfallen und versetzt Russland damit um eine Stunde von Europa weg nach Osten. Seit Frühjahr sind auch zwei der elf Zeitzonen abgeschafft . Asiatische Regionen rücken eine Stunde an Moskau heran. Außerdem sind einige Anomalien im Zeitzonennetz beseitigt. So leben zwei Republiken an der Wolga, Samara und Udmurtien, die einst eine Minizeitzone bildeten, künftig nach der Moskauer Uhr.

Leserkommentare
    • Mesa
    • 29. Oktober 2011 14:31 Uhr

    der Kommentare zu diesem Thema wird sich wohl in Grenzen halten, da niemand das Wirrwarr von Zeitzonen und "näher / früher" durchschauen kann und möchte. Wie es der Artikel treffend sagt "Haben wir nichts wichtigeres zu tun?"

    Meiner Meinung nach sollten die Menschen so schlafen und wachen wie sie es für gut erachten. Das fördert die Flexibilität des eigenen Geistes.

    • Yakusha
    • 30. Oktober 2011 1:38 Uhr

    Bloß ist dass doof, wenn man um 06:00h seinenSchicht beginnen soll, wo auch immer auf der Erde und in welcher Zeitzone auch immer.

    Selbstständigkeit wünsche ich mir auch schon seit einiger Zeit. Umsetzen kann ich sie noch nicht. Allerdings habe ich noch viele Jahre der CET-Zone an Hoffnung vor mir, also: Wer weiß?

  1. Die in den 80er Jahren wieder eingeführte Zeitumstellung Winterzeit / Sommerzeit mit dem Ziel der Energieersparnis nach der Ölkrise 1973 hat bis heute bestand.

    Doch der Effekt der Energieeinsparung wird nicht erreicht. Die Zeitumstellung ist eine gesundheitliche Belastung für Mensch und Tier und eine volkswirschafliche aufgrund des technischen und bürokratischen Aufwandes.

    Wir leben 60% des Jahres in der Sommerzeit zur besseren Ausnutzung des Tageslichts und 40% in der Winterzeit.

    Viele Argumente sind wiederlegt oder schlichtweg falsch. Alle die sich dazu belesen möchten, interessiert sind oder das ändern wollen können einfach mal bei einer Suchmaschine "volksentscheid zur sommerzeit" eingeben.

  2. Mit der MEZ, also die jetzige "Winterzeit", welche die Zeit nach Sonnenstand darstellt, bin ich aufgewachsen und habe viele Jahrzehnte gut damit gelebt. Dann, ich glaube 1980 (?) erfand man die MESZ (Mitteleuropäische Sommerzeit) und wollte Energie einsparen. Jetzt und auch schon früher immer mal wieder stellte man fest, dass die Einsparungen nicht den Erwartungen entsprechn. Also sollte man die künstliche MESZ wieder abschaffen und zur guten alten MEZ ganzjährig zurückkehren. Sie hat damals niemanden geschadet und alle waren zufrieden. Unzufrieden sind sehr viele Menschen eher mit Experimenten wie die "Sommerzeit".

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  • Schlagworte Dmitri Medwedew | Russland | Duma | Reform | Wolga | Kamtschatka
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