Sind die Griechen jetzt komplett durchgeknallt? Der Plan von Ministerpräsident Papandreou, über das Spar- und Hilfspaket für sein Land ein Referendum abzuhalten, ist ein schwerer Vertrauensbruch gegenüber den europäischen Partnern. Wie kann man einen ganzen Kontinent und die halbe Welt wochenlang mit den eigenen Problemen in Atem halten – und dann die mühsam gefundene Lösung mit einer Art gigantischem politischem »Ätsch!« wieder infrage stellen? Die Zerreißprobe in Griechenland selbst, die neuerliche Vergiftung des Klimas in der EU, die Schockreaktionen der globalen Finanz- und Aktienmärkte: Die Folgen sind, Stand Dienstagabend, unberechenbar, und solche Risiken einzugehen wirkt unverantwortlich.

Und doch: Absurd ist Papandreous Kurs nicht. Ist er nicht im Gegenteil geradezu zwingend, ein Akt des Respekts und der Aufrichtigkeit, die Wiederherstellung des politisch Normalen? Das genervte Gefühl, dass die Sache doch endlich einigermaßen ausgestanden war und man bloß nicht wieder damit anfangen solle – das ist ja nur unser, das europäische Gefühl; für die Griechen selbst beginnt die harte Zeit jetzt erst richtig. Im Referendumsprojekt drückt sich die elementare Wahrheit aus, dass man einem Volk Lasten über ein gewisses Maß hinaus nicht zumuten kann, ohne dieses Volk selbst nach seiner Meinung zu fragen. Irgendwann in den kommenden Wochen und Monaten wird dieser Punkt ohnehin erreicht werden, wenn nicht durch eine Volksabstimmung, dann auf chaotischere Weise, durch Ministerrücktritte, Kapitulation vor Demonstrantenforderungen, Neuwahlen. Das demokratische Prinzip, der Zwang zur Legitimation durch den Basissouverän, lässt sich nicht außer Kraft setzen. Und das ist auch gut so.

Die Fremdbestimmung kränkt mehr als die Sparmaßnahmen

Die Griechen leiden unter den europäischen Sparauflagen und rebellieren dagegen. Aber niemand weiß, wie viel von ihrem Widerstand aufs Konto eines Ohnmachts- und Entmündigungsgefühls geht, auf die Demütigung durch eine in unerreichbarer Ferne dahinschnurrende Brüsseler Straf- und Hilfsmaschinerie. Dieser kränkenden Fremdbestimmung vermag die direkte Frage »Wollt ihr das?« entgegenzuwirken. Entscheiden zu können, aber auch entscheiden zu müssen, Verantwortung zu übernehmen: Das kann disziplinieren und Kräfte freisetzen. Es bietet die Chance, das Opferdasein zu überwinden und das eigene Schicksal zumindest politisch-symbolisch wieder in die Hand zu nehmen. Griechenland könnte seine Würde und Selbstachtung zurückgewinnen.

Das klingt idealistisch, wenn nicht utopisch. Aber man soll Völker auch nicht unterschätzen. Das übliche EU-Verfahren der Sachzwänge und der halb verschleierten Entscheidungen (die Zahler werden so ungern gefragt, ob sie zahlen möchten, wie die Griechen nach ihrer Verzichtsbereitschaft) hat eine demoralisierende Wirkung. Es fordert zu unverantwortlichem, weil folgenlosem Maulen nachgerade heraus: Wenn »Europa« sowieso macht, was es will, wenn es im Guten wie im Bösen auf Schienen fährt, kann man leicht antieuropäisch sein.