1.000 Jahre Äbtissin Mathilde Die große Abbatissa
Das frühe Mittelalter kannte viele starke Frauen. Eine von ihnen war die Essener Äbtissin Mathilde. Ein Porträt zu ihrem 1.000. Todestag

Die Stifterplatte des Otto-Mathilden-Kreuzes zeigt die Äbtissin Mathilde mit ihrem Bruder, Herzog Otto, auf einem Email 982.
»Der Tod raubte einen Edelstein aus dem Stamm des Königshauses«, vermelden die Annalen des Quedlinburger Stiftes. Doch es ward kein Oberhaupt des dortigen Stifts betrauert, sondern die berühmte Essener Äbtissin Mathilde, eine Enkelin Ottos des Großen. Vor genau tausend Jahren, am 5. November 1011, ist sie gestorben. So genau wir dieses Datum kennen, so vage bleibt vieles in ihrem Leben, so schwierig ist es, ihr Wirken zu rekonstruieren, nicht einmal ihr Geburtsdatum ist bekannt – man nimmt das Jahr 949 an. Wie aber lebte die Äbtissin eines weltlichen Damenstifts im frühen Mittelalter? Was motivierte ihr Handeln? Wer war diese Mathilde?
Die Besucher, die heute durch das Essener Münster und die Räume des Domschatzes gehen, sind überwältigt von der Fülle der Kostbarkeiten. Der Schatz gehört schon allein ob seines Alters zu den wichtigsten sakralen Kunstsammlungen Deutschlands. Begründet wurde er durch sie: die abbatissa Mathilde. Ihre Nachfolgerinnen Sophia und Theophanu, ebenfalls Prinzessinnen aus liudolfingisch-ottonischem Hause, folgten ihrem Beispiel mit weiteren Schenkungen. Unter diesen drei Äbtissinnen erlebte das Stift, das um 850 durch den Hildesheimer Bischof Altfrid und seine Schwester Gerswid errichtet worden war, die größte Blütezeit seiner fast 1.000-jährigen Geschichte.
Die Autorin ist Historikerin und lebt in Essen.
Die Stifte, von denen es neben denen in Quedlinburg, Gandersheim und Essen noch weitere im Reich gab, waren keine Klöster. Im Gegensatz zu Nonnen legten die Stiftsfrauen (oder Sanktimonialen) keine ewigen Gelübde ab. Sie konnten die Gemeinschaft wieder verlassen, um zu heiraten. Die Damen waren nicht dem Armutsgebot verpflichtet, sondern verfügten über persönlichen Besitz; manchmal gab es sogar eine eigene Dienerschaft und Haushaltung. Reisen waren durchaus gestattet.
Die Reichsstifte unterstanden direkt Kaiser und Papst. Die Äbtissinnen wurden durch die Sanktimonialen bestimmt. Weder Bischöfe noch Erzbischöfe, Herzöge oder Grafen hatten Zugriffsrechte oder waren befugt, Weisungen zu erteilen. Die Stifte genossen Immunität, und sie verfügten über das Zoll-, das Münz- und das Marktrecht.
Nachts wird gewacht und studiert, gelesen und gesungen
Einige Äbtissinnen übernahmen auch Dienste für das Reich. So begleitete die erste Quedlinburger Äbtissin – sie hieß ebenfalls Mathilde – ihren Bruder, Kaiser Otto II., 981 nach Rom. 997 betraute ihr Neffe Otto III. sie während seiner Abwesenheit sogar mit der Stellvertretung im Reich, einer Aufgabe, die bis dahin allenfalls Herzögen und Erzbischöfen zugefallen war. Auch die Schwestern Ottos III., Adelheid, Äbtissin von Quedlinburg, und Sophia, Äbtissin von Gandersheim, befanden sich oft im Gefolge ihres Bruders, was ihnen von kirchlicher Seite reichlich Kritik eintrug.
Mathilde neigte ebenfalls nicht zu einem rein kontemplativen Leben in der Abgeschiedenheit des von Sümpfen und finsteren Wäldern umgebenen Essener Stifts. Auch sie unternahm etliche Reisen zu Hoftagen und Begräbnissen, nach Aachen (973), nach Aschaffenburg (982), Heiligenstadt (990), nach Mainz. Möglicherweise hat auch sie sich, gleich ihrer Amtsschwester aus Quedlinburg, für längere Zeit im Gefolge Ottos II. aufgehalten.
Gandersheim, Quedlinburg und später auch Essen waren die bedeutendsten Frauenstifte. Sie entwickelten sich zu Zentren ottonischer Herrschaftsbildung und -repräsentation. So feierten die Ottonen in Quedlinburg regelmäßig mit großem Prunk das Osterfest. 973 fand hier ein bedeutender Hoftag statt, also eine Versammlung der Mächtigen des Reiches, zu der Gesandte aus Polen, Böhmen, Ungarn, Byzanz, Bulgarien und anderen Ländern erschienen, um strittige Fragen der »europäischen Einigung« zu beraten.
Das 10. und 11. Jahrhundert war das große Zeitalter der »starken Frauen«. Man denke nur an die Gemahlinnen der Kaiser: Adelheid von Burgund, die zweite Frau Ottos des Großen, und die byzantinische Prinzessin Theophanu, die Gemahlin Ottos II., waren Fürstinnen von Format, die von ihren Gatten geschätzt und in rechtsverbindlichen Urkunden als imperii consors beziehungsweise als coimperatrix, also als Beraterinnen oder gar Mitregentinnen tituliert wurden. Nach dem plötzlichen Tod Ottos II. im Jahre 983 übernahmen die beiden Frauen gemeinsam – Adelheid als Großmutter, Theophanu als Mutter – die Regentschaft für den dreijährigen Otto III., dessen Nachfolge als König lange angefochten wurde. In gleicher Weise trugen die ottonischen Äbtissinnen zur Sicherung der Dynastie bei, indem sie in ihren Stiften sowohl die Pflege der Memoria, der Erinnerung an die edlen Verstorbenen, als auch die Erziehung der vaterlosen Töchter übernahmen.
- Datum 05.11.2011 - 09:40 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 3.11.2011 Nr. 45
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Zitat: Bildunterschrift..Die Stifterplatte des Otto-Mathilden-Kreuzes zeigt die Äbtissin Mathilde mit ihrem Bruder, Herzog Otto, auf einem Email 982.
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Es ist schon spannend > 1.000 alte "Elektronische Briefe" zu finden:-)
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Heute ist Kirche sehr konservativ vor 1.000 Jahren wohl seeehr Fortschrittlich :-))
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Hallo Redaktion! Berichtigt das bitte bevor es zu viel sehen :-)
Bei dem Bild dürfte es sich tatsächlich um ein Email handeln, insofern ist die Bildunterschrift korrekt. Dass heute das Wort Email nicht mehr mit mit farbigen Glasüberzügen bzw. Glasmassen in Verbindung gebracht wird ist halt dem Fortschritt zu verdanken.
Bei dem Bild dürfte es sich tatsächlich um ein Email handeln, insofern ist die Bildunterschrift korrekt. Dass heute das Wort Email nicht mehr mit mit farbigen Glasüberzügen bzw. Glasmassen in Verbindung gebracht wird ist halt dem Fortschritt zu verdanken.
Bei dem Bild dürfte es sich tatsächlich um ein Email handeln, insofern ist die Bildunterschrift korrekt. Dass heute das Wort Email nicht mehr mit mit farbigen Glasüberzügen bzw. Glasmassen in Verbindung gebracht wird ist halt dem Fortschritt zu verdanken.
gestatten Sie mir, dass ich Ihren Beitrag für etwas hasszerfressen und nicht so recht adäquat halte. Natürlich konnte Mathilde nicht ahnen, dass jemand tausend Jahre später ihre Leistung unter Gesichtspunkten des Klassenkampfes beurteilen würde...
Mein Dank an Frau Küppers-Braun für diesen wertvollen Beitrag. Vielleicht gelingt es ja langsam, das verbreitete und offenbar völlig schiefe Bild, das viele vom Mittelalter haben, ein wenig gerade zu rücken.
Ihnen beiden ein schönes Wochenende
postit
war das große Zeitalter der »starken Frauen«.
Das ist purer gender-bullshit, diese Jahrhunderte waren genauso männerdominiert wie alle rundherum und das bis heute. Das kann man finden wie man will, man kann es aber nicht mit den wenigen Ausnahmen wegreden und umwidmen.
Zumal man ja dazu auch die Frage beantworten sollte, warum das angebliche "Zeitalter der "starken Frauen"" einfach so gekommen und einfach so verflogen sein soll.
"Die Zeit" hat sich der Gender-Mainstreaming-Ideologie als oberste Leitideologie verpflichtet und da darf man es mit Fakten und Erklärungen nicht so genau nehmen - wenn überhaupt. Die Devise bzw. Konklusion ist immer dieselbe: Die guten, starken Powerfrauen sind Opfer des Patriarchats. Nichts anderes wird seit ca. 40 wiedergekäut, wie auch in diesem "Artikel".
"Die Zeit" hat sich der Gender-Mainstreaming-Ideologie als oberste Leitideologie verpflichtet und da darf man es mit Fakten und Erklärungen nicht so genau nehmen - wenn überhaupt. Die Devise bzw. Konklusion ist immer dieselbe: Die guten, starken Powerfrauen sind Opfer des Patriarchats. Nichts anderes wird seit ca. 40 wiedergekäut, wie auch in diesem "Artikel".
wenn mal was ohne Geschlechterpolemik abginge. Natürlich gab es in den Frauenklöstern bzw. Stiften immer Äbtissinnen, natürlich stammten die (wie die Äbte) aus der Oberschicht, natürlich haben auch einige von denen Hervorragendes geleistet.
Ich verstehe jede Polemik gegen soziale Ungerechtigkeit, aber wenn daraus ein zum Rassismus analoger Sozialismus wird, der einem Menschen seine nicht von ihm verschuldete soziale Herkunft zum Vorwurf macht, dann steige ich aus. Wichtiger ist die Frage: Was machen die glücklich Geborenen aus der Verantwortung, die mit den dadurch gegebenen Möglichkeitenm einhergeht? Wie also hat unter Maßgabe der damals üblichen Wertvorstellungen die Äbtission ihren Dienst an den Armen verstanden und wahrgenommen?
Und dass sie eine Frau war ... halte ich für ungefähr genauso relevant wie die Tatsache, dass Äbte Männer sind. Der Streit hier sagt uns etwas über UNSERE Geschlechterhysterie, wenig bis NICHTS über das Mittelalter und die betreffende Person...
erst mal vielen Dank für Ihre freundlichen Wünsche zum Wochenende.
Begeistert bin ich vom Mittelalter ja auch nicht grade; nicht um alles in der Welt möchte ich dahin versetzt werden. Auch die Antike wär mir nicht so recht, selbst wenn die Bildung da sicher besser war als im Mittelalter. Ich mache mir mal Ihren geistigen Schulterschluß mit den mutmaßlichen Vorfahren zu eigen und sehe uns beide wahlweise auf der Galeere (falls Antike) oder dem Acker (falls Mittelalter) schuften. Von den Unbilden in der Winterzeit mag ich gar nicht reden.
Das Hauptproblem des Mittelalters war nach meiner Einschätzung (und ich glaube in Übereinstimmung mit Ihnen) wirklich der Verlust der Literalität und Bildung in fast allen Schichten der Bevölkerung, vom materiellen Verlust der Literatur selbst ganz zu schweigen. Ob dies nun mit dem aufkommenden Christentum zu tun hat oder nicht, ist eine interessante Frage und mit allfälligen Zündeleien von Paulus nicht zu erledigen, nicht einmal mit der Jagd auf Hypatia. Ich glaube wohl eher nicht, denn aus der ja bereits christlichen Spätantike sind schriftliche Quellen in großem Umfang vorhanden.
Schönen Sonntag
postit
PS: Ich bin Agnostiker.
Ich empfehle ihnen folgenden Wikipedia ARtikel zu diesem Thema. http://de.wikipedia.org/w...
Ich empfehle ihnen folgenden Wikipedia ARtikel zu diesem Thema. http://de.wikipedia.org/w...
Vom verlorenen materiellen Zivilisationsgrad kann sich jeder überzeugen, der irgendeinen römischen Gutshof besichtigt (gibt's in Baden-Württemberg massenhaft) und dabei die Anlagen für die Fußbodenheizung bestaunt.
Die große Herausforderung des Mittelalters (im westlichen Teil des untergegangenen Römerreichs) war nun nach meiner Ansicht, den Verlust an Literalität und Zivilisation nach und nach wieder auszugleichen. Was die Literalität angeht, hat das für breitere Bevölkerungskreise nach meiner Schätzung nahezu tausend Jahre gedauert. Die Fußbodenheizung hat ein paar Jahrhunderte länger gebraucht.
Zu Ihrer Erheiterung (oder Verärgerung) nur noch ein Gedanke: Lag der Vorsprung der Literalität nun daran, dass der Unterricht im wesentlichen in Klöstern stattfand, der Heizungsbau aber eher nicht?
postit
Einstellung begegnet, hat den freien Zugung zum Geschehen
der Vergangenheit schon vertan.Wollen Sie mit Ihrem
ideologischen Ansatz, die welthistorischen Ereignisse
z.b. eines Alexander, eines Cäsar, eines Jesus von Nazareth,
eines Napoleon, eines (horribile dictu) Adolf Hitlers
würdigen? Sie würden immer intellektuell arm dastehen.
Mein Rat: Historie verträgt keinen ideologischen Ansatz!
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