Das Netz«, sagt Peter Altmaier und lehnt sich in seinem Ledersessel zurück, »verändert sich, aber es verändert auch die Leute, die sich darin aufhalten.« Ihn zum Beispiel. »Ich bin nicht mehr zu hundert Prozent derselbe, der ich vorher war.« Vorher, das war, bevor der Erste Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, einer der wichtigsten Politiker in Berlin, sich bei Twitter angemeldet hat , dem Internetdienst. Auf 140 Zeichen kann man dort Nachrichten verschicken, tweeten und sich mit anderen austauschen. Es war ein Tag, der, wenn man Peter Altmaier glaubt, seine politische Zeitrechnung mehr verändert hat als der berühmte Leipziger Parteitag der CDU oder die Bundestagswahl 2009.

Das Internet, glaubt Altmaier, verändere nicht nur politische Kommunikation mehr als alles andere seit der Französischen Revolution. Es stelle auch die Machtfrage neu. »Irgendwann«, schrieb der CDU-Mann in einem Aufsatz für die FAZ, »ob heute oder in fünf Jahren, wird ein führender Politiker mit dem Internet Weltpolitik gestalten.« Zustimmung und Legitimation, bedeutet das, werden künftig anders organisiert. Peter Altmaier, mit seinem beachtlichen Leibesumfang, den dunklen Anzügen und der Halbglatze nicht gerade der Inbegriff eines Hipsters, traut sich dabei nicht nur zu, in dieser neuen Welt mitzumischen, den Anschluss nicht zu verlieren. Er will sie mitgestalten.

Online ist er schon seit Jahren, mit Laptop, Google und E-Mails. Verstanden habe er das Internet erst vor Kurzem, sagt Altmaier. Genauer gesagt: Seit die Piraten in Berlin auf zehn Prozent der Wählerstimmen kamen . Dem 53-Jährigen schwante: Hier ist etwas in Gange, das die politische Landschaft möglicherweise ähnlich verändert wie das Auftauchen der Grünen.

Während andere die neue Bewegung noch gönnerhaft belächelten, entschied sich Altmaier, das Interessante an dem neuen Phänomen wichtiger zu nehmen als Begleiterscheinungen wie Latzhosen und Bärte. Schnell ließ er sich von seinen Mitarbeitern einen Benutzernamen bei Twitter sichern. Mehr als tausend Nachrichten hat Altmaier seit dem ersten Eintrag verfasst, zu Griechenland, dem Euro, illegalen Staatstrojanern, dem Wetter und dem Tod verdienter CDU-Kollegen. »Wehrpflicht war KT, Kernkraft war Fukushima, Lohnuntergrenze ist Basis. Euro ist Griechenland. :-(« lautet zum Beispiel ein Eintrag vom Dienstag dieser Woche zur Debatte über den Mindestlohn. 3570 Follower hat er in vier Wochen gesammelt, Menschen, die seine Nachrichten abonniert haben.

Eine »Parallelwelt« hat sich ihm aufgetan. Was nicht im Netz gesagt wird, hat er festgestellt, ist für die Netzgemeinde nicht gesagt. Und umgekehrt. So weit, so egal, könnte man denken. Doch was die wahre Welt entscheidet, hat Folgen für die Netzwelt. Und die ist blitzschnell in der Lage, Kampagnen zu organisieren, die dann wieder Folgen für die echte Welt haben.

Da war zum Beispiel gleich zu Beginn von Altmaiers Netzkarriere die Sache mit Siegfried Kauder, dem Bruder des Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder und Rechtsexperten der CDU/CSU-Fraktion. Wer mehrmals illegal Dateien herunterlade, dem solle der Zugang zum Internet gesperrt werden , hatte Kauder gefordert. Als parlamentarischer Geschäftsführer hätte Altmaier davon womöglich wenig mitbekommen. Bei Twitter merkte er: Im Netz braute sich ein Tsunami zusammen, der nicht Kauder traf, sondern die CDU. »Kauder-strike geht gar nicht«, twitterte Altmaier, »wer Bücher klaut, ist kriminell, aber man nimmt ihm nicht die Lesebrille weg.« Altmaiers neue Netzfreunde waren begeistert: So viel Verständnis! Und das ausgerechnet von einem Vertreter der CDU, die in Netzfragen als restriktivste Partei gilt.

Was schert es Kauder, könnte man nun sagen, wenn sich im Netz virtueller Widerstand formiert. Doch wer twittert, kann auch wählen. Umgekehrt gilt das nicht.

 Alle paar Minuten schaut Altmaier auf seine Twitter-Timeline

Das Netz übt noch, hat Altmaier über die neue Welt festgestellt, Regeln und Gesetze werden noch ausgehandelt. Er selbst übt auch. Alle paar Minuten piept das Handy, dann muss Altmaier weg, jedenfalls virtuell: nachschauen, ob jemand auf seine Tweets geantwortet hat. Der CDU-Sozialpolitiker Jens Spahn stellte kürzlich entnervt fest: »Peter, entweder du redest jetzt mit mir, oder du twitterst, beides geht nicht.« Für kurze Zeit soll Altmaier das Gerät danach aus der Hand gelegt haben.

Ein echtes Gespräch im echten Büro: Auf dem Tisch steht ein daumenlanges, gehäkeltes Schweinchen aus rosa Wolle, das Häkelschwein. Das Häkelschwein ist, wie man im Netz erfährt, »ein multifunktionales Universalgerät, das ebenso sinnlos wie gehäkelt ist«. Es handelt sich um eine Art Maskottchen der Internetgemeinde, das man bestellen kann. Twitterfreunde schenken sich gelegentlich ein Häkelschwein . Altmaier hat seines von einem ZDF-Redakteur. Man sieht ihn jetzt häufig mit seinem neuen Haustier.

Altmaier ist selbst so etwas wie ein multifunktionales Universalgerät der Politik. Ob Grüne, Liberale oder Sozis, er kann mit allen. Wo Fraktionschef Kauder Abweichler bei der Euro-Abstimmung schon mal einschüchtert, bekocht Peter Altmaier sie in seiner Altbauwohnung.

Unter Helmut Kohl gehörte der Saarländer zur Avantgarde seiner Partei. Zusammen mit dem heutigen Umweltminister Norbert Röttgen und Staatsminister Eckart von Klaeden war er ein »junger Wilder« in der CDU. Sie stritten für ein liberales Staatsbürgerschaftsrecht, für die Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren und dafür, dass Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt wird, was damals vielen Konservativen noch abwegig erschien.

Als Mitglied der »Pizza-Connection«, einer Runde von CDU- und Grünen-Politikern, die sich bei einem Bonner In-Italiener trafen, bahnte Altmaier als einer der Ersten aus dem bürgerlichen Lager Kontakte zu den Grünen an. Nun will er die Piraten zähmen. »Saarländer sind super: Maréchal Ney ruinierte Napoleon, Honecker DDR, Lafontaine SPD, jetzt sind Piraten dran ... :-)«, so Altmaier auf Twitter.

Neulich war er zum ersten Mal im Dicken Engel eingeladen. Man kann dort mit anderen scherzen, diskutieren und streiten, das Bier muss man sich allerdings selbst holen. Dieser Engel ist eine Kneipe im Internet, ein virtueller Treffpunkt aller Piraten.

Was ist die Aufgabe eines Politikers, was ist Politik? Darüber gebe es viele Missverständnisse, meint Altmaier. Nicht Entscheidungen treffen sei die Aufgabe, jedenfalls nicht nur, sondern Kommunikation, Vermittlung. Deshalb ist Twitter für Altmaier mehr als ein neues Spielzeug. Im Netz kann man Leute erreichen, die man sonst nie treffen würde. Man kann auch anders reden als in der echten Welt. »Ich hab ja auch nicht so geheuchelt wie mein Freund Volker Beck! :-)«, so etwas würde Peter Altmaier in keiner Pressekonferenz über den Kollegen von den Grünen sagen. Im Netz schon.

"Das Netz leistet einen Beitrag zu mehr Wahrheit in der Politik"

Es fängt schon damit an, dass sich im Netz alle duzen. Die Begrenzung auf 140 Zeichen verpflichtet dazu, sich knapp zu fassen. Altmaier gehört eigentlich zu den Politikern, die sich bemühen, möglichst wenig Worthülsen abzusondern. Trotzdem, stellen auch Mitarbeiter fest, sei der Fernseh-Altmaier »noch nicht völlig entfloskelt«, der Twitter-Altmaier aber schon. »Wer hat das Interview von Peter Altmaier gelesen«, fragte kürzlich bei Twitter »derdemagoge«. »Wieder leere Worthülsen von P.A. Kenne ich von Twitter gar nicht«, kommentierte »pinguinmädchen«.

Warum kann der echte Altmaier nicht reden wie der Häkelschwein-Altmaier? Zumal sich die herkömmliche Politiker-Kommunikation (»Wir sind auf einem guten Wege«, »Die Trendwende ist geschafft«, »Lassen Sie mich zunächst ein paar Vorbemerkungen machen«) nicht gerade als Erfolgsmodell entpuppt hat, im Gegenteil, die Beziehung zwischen Wählern und Gewählten ist auf dem Tiefpunkt.

Während man sich in einer Versammlung schon mal mit einer steilen These, umstrittenen Zahlen oder einer angeblichen Studie aus der Affäre ziehen kann, werden solche Behauptungen im Netz binnen Stunden gnadenlos auseinandergenommen – Karl-Theodor zu Guttenberg kann ein Lied davon singen. Das sei das Demokratische am Netz, sagt Altmaier: »Es kommt nicht darauf an, wer Sie sind, sondern was Sie sagen.« Insofern leiste das Netz einen Beitrag zu mehr Wahrheit in der Politik.

Der Mensch verhalte sich nun mal situationsabhängig, versucht der Politiker das Phänomen des doppelten Altmaier zu erklären. »Wenn ich im Fernsehen reden würde wie auf Twitter, wäre ich ein Rebell«, stellt er fest. Inhaltlich vertrete er aber immer dieselben Standpunkte. Dass man den Netz-Altmaier in einer Pressekonferenz möglicherweise nicht wiedererkennen würde, bestreitet er nicht. Die Form verändert auch die Wahrnehmung.

Mit wem würde Peter Altmaier lieber ein Bier trinken gehen: mit dem twitternden Peter oder mit Herrn Altmaier? Da lacht er und schließt eine Weile die Augen zum Nachdenken. Der Altmaier, der im Saarland auf dem Marktplatz Dialekt mit den Leuten rede, sei ja nie der gewesen, der eine EU-Delegation empfängt, oder der, der im Fernsehen die Wahl erklärt, sagt Altmaier dann. Und doch immer derselbe: »Die Wirklichkeit zerfällt für fast jeden von uns in verschiedene Welten. Und für Politiker sind es besonders viele.«