Fotografin Annie Leibovitz"Ich bin für Albernheiten immer noch zu haben"

Die amerikanische Fotografin Annie Leibovitz über ihre berühmten Porträts, den Umgang mit Schulden – und ihre neuen Werke, auf denen keine Menschen zu sehen sind. von Elisabeth Raether

Annie Leibovitz (Archivbild)

Annie Leibovitz (Archivbild)  |  © Leon Neal/AFP/Getty Images

ZEITmagazin: Frau Leibovitz, Sie sind einer der bedeutendsten Porträtfotografen der Gegenwart. In Ihrem neuen Bildband »Pilgrimage« ist aber kein einziges Porträt zu sehen. Was ist passiert?

Annie Leibovitz: Es ist nichts passiert. Das Buch ist ein Ausbruch aus dem Gewohnten. Ich wollte es eigentlich zusammen mit Susan Sontag machen, wir wollten gemeinsam zu diesen Orten gehen, die uns etwas bedeuten. Als Susan tot war, habe ich noch mal über das Projekt nachgedacht und beschlossen, es zu lassen. Aber dann war ich mit meinen Kindern bei den Niagarafällen und habe dort fotografiert. Und dann habe ich in Emily Dickinsons Haus fotografiert. Danach habe ich eine Liste gemacht und diese Liste abgearbeitet. Das Buch ist trotzdem voller Porträts, die Bilder von den Zimmern und Objekten sind wie Porträts.

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ZEITmagazin: Sie haben auch die Wohnhäuser von Eleanor Roosevelt, Charles Darwin und Georgia O’Keeffe besucht.

Leibovitz: Das Buch handelt auch davon, was jemand hinterlässt, was aufbewahrt wird.

ZEITmagazin: Die Räume und Dinge erzählen Geschichten: wie der zerschossene Fernseher von Elvis Presley, dessen Hobby es war, Waffen zu sammeln. Sind Sie vor allem an Geschichten interessiert?

Annie Leibovitz

62, wurde in Waterbury im US-Bundesstaat Connecticut geboren. Bekannt wurde sie mit Reportagefotos und inszenierten Porträts, etwa für »Vanity Fair«. Mit der Schriftstellerin Susan Sontag war sie von 1988 bis zu deren Tod 2004 zusammen. Leibovitz hat drei Kinder.

Leibovitz: Ich habe mit meinen Porträts immer Geschichten erzählt: am Anfang beim Rolling Stone, als ich eher Reportagen gemacht habe, später bei Vanity Fair. Es ist aber noch zu früh, um zu wissen, wie sich meine Arbeit nach dem Buch ändern wird. Ich glaube, die Arbeit an Pilgrimage hat mich darin bestärkt, sehr einfach zu sein, wenn es angemessen ist. Allerdings habe ich auch gerade die legendäre New Yorker Klatschkolumnistin Liz Smith fotografiert und sie, weil sie aus Texas ist, im Cowboykostüm am Times Square auf ein Pferd gesetzt. Sie ist 88. Für Albernheiten bin ich immer noch zu haben.

ZEITmagazin: Sie bereiten sich auf die Shootings vor, indem Sie alles über denjenigen recherchieren, den Sie fotografieren.

Leibovitz: Ja. Und ich verstehe nicht, wie man sich nicht über die Person informieren kann, die man fotografiert. Heute ist es so einfach, Infos zu bekommen. Ich habe neulich Meryl Streep interviewt, an meinem Geburtstag. Ich wollte nicht, dass sie das weiß, damit sie sich darüber keine Gedanken macht. Aber als ich sie traf, sagte sie: Happy Birthday! Ich sagte: Woher weißt du, dass ich Geburtstag habe? Sie sagte: Ich habe dich gegoogelt.

ZEITmagazin: Sie wurden in den achtziger Jahren mit Ihren Porträts bekannt. Sie ließen Sting von oben bis unten mit Schlamm einschmieren und Yoga in der Wüste machen, Sie malten den nackten Keith Haring schwarz-weiß an und stellten ihn in eine schwarz-weiße Kulisse. Dieser Aufwand ist heute aus Kostengründen kaum noch möglich.

Leibovitz: Es ist eine schwere Zeit für Magazine, eine schwere Zeit für uns alle. Es gibt technische Umwälzungen, die Wirtschaft frustriert die Leute. Es ist ein großer Wandel. Ich glaube aber an die menschliche Gattung, wir werden wieder auf die Füße fallen. Wir werden einen Weg finden, wie wir da wieder rauskommen.

ZEITmagazin: Sprechen Sie da auch über Ihre persönliche Situation? Sie haben Kredite in Millionenhöhe aufgenommen. Vor drei Jahren drohte Ihnen deshalb der Verlust Ihres Besitzes, einschließlich der Rechte an Ihren Bildern. Fallen auch Sie immer auf die Füße?

Leibovitz: Klar, immer. Mal läuft es gut, mal schlecht, das ist das Leben. Für mich ist das normal.

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