Elena Sánchez steht in der Mitte Spaniens, auf der Puerta del Sol. An diesem Platz mit dem verheißungsvollen Namen »Tor der Sonne« befindet sich der Kilometer null der sechs Hauptstraßen des Landes, die Madrid sternförmig verlassen. An seiner Längsseite liegt der Sitz der Madrider Regionalregierung, ein rot-weißes Gebäude mit einem Uhrturm. »An diesem Platz fühle ich mich wie zu Hause«, sagt Elena Sánchez. Sie ist 26 Jahre alt, trägt eine graue Hose und ein weißes Hemd, in ihrem linken Ohrloch steckt eine Perle, im rechten ein gebogener Nagel. »Ich könnte hier ohne Probleme im Pyjama herumlaufen.«

Was sie auch schon getan hat. Elena Sánchez gehörte zu den ersten 30 Leuten, die es wagten, das Herzstück Spaniens zu besetzen und hier zu übernachten: Nach einer Großdemonstration auf der Puerta del Sol am 15. Mai 2011 gingen sie einfach nicht mehr fort – und gründeten ein Protestcamp, das wochenlang bestehen sollte. Heute ist es dem Platz kaum noch anzusehen, dass er das Epizentrum der spanischen Protestbewegung war.

Zunächst handelte es sich bei den Demonstranten um junge Spanier – mit oder ohne Hochschulabschluss, mit oder ohne Arbeitsplatz. Menschen, die keine Zukunft für sich oder andere sahen und das nun ändern wollten. Ihr Unmut verbreitete sich schnell, und sie gewannen immer mehr Mitstreiter. Die spanischen Medien sprechen wegen des Datums vom »Movimiento 15-M«, Bewegung 15-M, oder auch von den indignados, den Empörten. Im derzeitigen Wahlkampf (in Spanien wird in zwei Wochen ein neues Parlament gewählt) versucht vor allem die Linke, die Empörten für sich zu gewinnen, doch die indignados bekennen sich zu keiner Partei.

»Dieses System produziert Bettler«, sagt die arbeitslose Krankenpflegerin

Sie fordern etwas Universelles – einen politischen und gesellschaftlichen Wandel : eine direktere Mitbestimmung, gleiche Chancen für alle, eine ausgeglichenere Verteilung der Güter und ein Finanzsystem, das von der Gesellschaft kontrolliert wird, nicht andersherum. »Wir fordern eine ethische Revolution«, heißt es im Manifest von ¡Democracia Real Ya! (Echte Demokratie Jetzt), der Bürgerinitiative, die zur ersten Demonstration am 15. Mai aufrief.

Auch wenn ihre Forderungen im Moment noch nicht präziser sind: Die indignados sind eine ernst zu nehmende Bewegung. Das zeigt sich daran, dass immer mehr Menschen öffentlich zu ihrer Empörung stehen. Bei der zweiten Großdemonstration am 15. Oktober brodelte die Puerta del Sol erneut vor Protestierenden – die Aktivisten schätzten ihre Zahl auf 500.000. Das wären mehr als zehnmal so viele wie noch vor fünf Monaten. Und die Bewegung beschränkt sich längst nicht mehr auf Spanien. Am 15. Oktober protestierten Hunderttausende auf der ganzen Welt nach dem Vorbild der spanischen indignados. »Die Empörten, eine globale Kraft«, titelte die Zeitung El País am Tag danach.

Inzwischen ist wieder der Alltag auf die Puerta del Sol zurückgekehrt. Goldhändler in gelben Warnwesten rufen »Compro oro!« (Ich kaufe Gold). Madrilenen sitzen in der Herbstsonne, trinken Kaffee aus Pappbechern und rauchen. An einem U-Bahn-Aufgang spielt eine Band in Sombreros und schwarzen Westen Bésame mucho. Den Passanten gefällt es, sie klatschen. Elena Sánchez gefällt es nicht. »Es macht mich wütend, wenn ich die Leute hier mit ihren Einkaufstüten sehe. Niemand, der etwas fordert. Ich glaube, es ist ihre Bequemlichkeit. Ich war ja genauso.«

Bis vor einiger Zeit arbeitete Elena Sánchez als Krankenpflegerin in einem Madrider Krankenhaus. »Ich ging zur Arbeit, kaufte mir hübsche Klamotten und ging abends aus. Arbeiten, einkaufen, arbeiten. Mehr nicht.« Dann wurde bei den Kürzungen im Gesundheitswesen im Zuge der Wirtschaftskrise auch ihre Stelle gestrichen. Ihr Arbeitslosengeld lief aus, Langzeitarbeitslosengeld gibt es in Spanien seit diesem Jahr nicht mehr, und eine neue Stelle hat sie noch nicht gefunden. »Ich habe Spaghetti gegessen, bis ich keine mehr hatte. Dann bin ich zum Essen zu meiner Mutter gegangen«, sagt Elena Sánchez. Gerade hat sie ihre Wohnung gekündigt und zieht nun wieder in ihr Kinderzimmer. »Mein Vater ist Lehrer. Aber was machst du, wenn deine Eltern und deine Freunde ebenfalls ihre Arbeit verlieren? Dann kannst du mit dem Becher rumgehen. Dieses System produziert Bettler.«