Spanien "Ich will kein neues iPhone, ich will ein neues Leben"
Spaniens Jugend fordert Arbeit und soziale Gerechtigkeit – jetzt wollen sich auch andere Altersgruppen anschließen.
© Julia Nolte

Óscar Rivas und Elena Sánchez auf der Puerta del Sol in Madrid
Elena Sánchez steht in der Mitte Spaniens, auf der Puerta del Sol. An diesem Platz mit dem verheißungsvollen Namen »Tor der Sonne« befindet sich der Kilometer null der sechs Hauptstraßen des Landes, die Madrid sternförmig verlassen. An seiner Längsseite liegt der Sitz der Madrider Regionalregierung, ein rot-weißes Gebäude mit einem Uhrturm. »An diesem Platz fühle ich mich wie zu Hause«, sagt Elena Sánchez. Sie ist 26 Jahre alt, trägt eine graue Hose und ein weißes Hemd, in ihrem linken Ohrloch steckt eine Perle, im rechten ein gebogener Nagel. »Ich könnte hier ohne Probleme im Pyjama herumlaufen.«
Was sie auch schon getan hat. Elena Sánchez gehörte zu den ersten 30 Leuten, die es wagten, das Herzstück Spaniens zu besetzen und hier zu übernachten: Nach einer Großdemonstration auf der Puerta del Sol am 15. Mai 2011 gingen sie einfach nicht mehr fort – und gründeten ein Protestcamp, das wochenlang bestehen sollte. Heute ist es dem Platz kaum noch anzusehen, dass er das Epizentrum der spanischen Protestbewegung war.
Zunächst handelte es sich bei den Demonstranten um junge Spanier – mit oder ohne Hochschulabschluss, mit oder ohne Arbeitsplatz. Menschen, die keine Zukunft für sich oder andere sahen und das nun ändern wollten. Ihr Unmut verbreitete sich schnell, und sie gewannen immer mehr Mitstreiter. Die spanischen Medien sprechen wegen des Datums vom »Movimiento 15-M«, Bewegung 15-M, oder auch von den indignados, den Empörten. Im derzeitigen Wahlkampf (in Spanien wird in zwei Wochen ein neues Parlament gewählt) versucht vor allem die Linke, die Empörten für sich zu gewinnen, doch die indignados bekennen sich zu keiner Partei.
»Dieses System produziert Bettler«, sagt die arbeitslose Krankenpflegerin
Sie fordern etwas Universelles – einen politischen und gesellschaftlichen Wandel: eine direktere Mitbestimmung, gleiche Chancen für alle, eine ausgeglichenere Verteilung der Güter und ein Finanzsystem, das von der Gesellschaft kontrolliert wird, nicht andersherum. »Wir fordern eine ethische Revolution«, heißt es im Manifest von ¡Democracia Real Ya! (Echte Demokratie Jetzt), der Bürgerinitiative, die zur ersten Demonstration am 15. Mai aufrief.
Auch wenn ihre Forderungen im Moment noch nicht präziser sind: Die indignados sind eine ernst zu nehmende Bewegung. Das zeigt sich daran, dass immer mehr Menschen öffentlich zu ihrer Empörung stehen. Bei der zweiten Großdemonstration am 15. Oktober brodelte die Puerta del Sol erneut vor Protestierenden – die Aktivisten schätzten ihre Zahl auf 500.000. Das wären mehr als zehnmal so viele wie noch vor fünf Monaten. Und die Bewegung beschränkt sich längst nicht mehr auf Spanien. Am 15. Oktober protestierten Hunderttausende auf der ganzen Welt nach dem Vorbild der spanischen indignados. »Die Empörten, eine globale Kraft«, titelte die Zeitung El País am Tag danach.
Inzwischen ist wieder der Alltag auf die Puerta del Sol zurückgekehrt. Goldhändler in gelben Warnwesten rufen »Compro oro!« (Ich kaufe Gold). Madrilenen sitzen in der Herbstsonne, trinken Kaffee aus Pappbechern und rauchen. An einem U-Bahn-Aufgang spielt eine Band in Sombreros und schwarzen Westen Bésame mucho. Den Passanten gefällt es, sie klatschen. Elena Sánchez gefällt es nicht. »Es macht mich wütend, wenn ich die Leute hier mit ihren Einkaufstüten sehe. Niemand, der etwas fordert. Ich glaube, es ist ihre Bequemlichkeit. Ich war ja genauso.«
Bis vor einiger Zeit arbeitete Elena Sánchez als Krankenpflegerin in einem Madrider Krankenhaus. »Ich ging zur Arbeit, kaufte mir hübsche Klamotten und ging abends aus. Arbeiten, einkaufen, arbeiten. Mehr nicht.« Dann wurde bei den Kürzungen im Gesundheitswesen im Zuge der Wirtschaftskrise auch ihre Stelle gestrichen. Ihr Arbeitslosengeld lief aus, Langzeitarbeitslosengeld gibt es in Spanien seit diesem Jahr nicht mehr, und eine neue Stelle hat sie noch nicht gefunden. »Ich habe Spaghetti gegessen, bis ich keine mehr hatte. Dann bin ich zum Essen zu meiner Mutter gegangen«, sagt Elena Sánchez. Gerade hat sie ihre Wohnung gekündigt und zieht nun wieder in ihr Kinderzimmer. »Mein Vater ist Lehrer. Aber was machst du, wenn deine Eltern und deine Freunde ebenfalls ihre Arbeit verlieren? Dann kannst du mit dem Becher rumgehen. Dieses System produziert Bettler.«
- Datum 06.11.2011 - 19:48 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 3.11.2011 Nr. 45
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Richard Kerschhofer: “Höhere Finanzmathematik”
Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.
Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!
Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.
Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.
Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken -
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!
Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.
Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.
Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja -
nicht nur in Amerika!
Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen -
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.
Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.
Ein guter Artikel, der schön die momentane Situation in Spanien beschreibt. Ich lebe in Barcelona und möchte zur Veranschaulichung noch ein paar Fakten hinzufügen:
Die Jugendarbeitslosigkeit ist deshalb so hoch da es in Spanien kein duales Ausbildungssystem gibt, wie in Deutschland. Es gibt nur Schulen, wo man einen Berufsabschluß erzielen kann - natürlich gegen Bezahlung, je nachdem um die 2000-3000€ im Jahr. D.h. junge Menschen müssen, wenn sie einen Beruf lernen wollen neben ihrem Lebensunterhalt auch noch die Schule bezahlen und verdienen nicht etwa was, wie in Deutschland. Auch die Universitäten nehmen Gebühren, je nach dem entstehen Kosten in ähnlicher Höhe. Eine zu große Hürde für die meisten.
Während die Lebenshaltungskosten in den letzten Jahren sich bis zu verdreifacht haben sind die Löhne stagniert. Ein typischer Lohn für Verkäufer, Kellner, Bauarbeiter etc. sind 1000€ brutto. Man hat aber Glück wenn man die gerade noch bekommt. Die Unternehmer kennen keine Skrupel auch die niedrigsten Anforderungen zu unterbieten und so kenne ich einige Leute, die auch für 350€ arbeiten, nur damit sie überhaupt etwas haben. Das geht natürlich nur schwarz, denn von diesem Geld kann man keine Steuern mehr bezahlen. Wenn jemand kommt der für noch weniger Geld arbeitet ist man gefeuert.
Dadurch, daß einige Wirtschaftszweige (Gast- und Baugewerbe) schon auf Schwarzarbeit fußen ist ein Unternehmen, daß seine Mitarbeiter regulär beschäftigen möchte natürlich nicht mehr konkurrenzfähig.
Tolle Leute. Tolles Land.
Thema Mieten:
Im Jahre 1998 wurden von der damaligen konservativen Regierung unter Aznar nahezu alle Mieterrechte abgeschafft. Seitdem unterliegt der Immobilien- und Mietmarkt vollkommen den Kräften des freien Marktes. Es gibt keine Mietspiegel und auch keine fristlosen Mietverträge mehr. Nach spätestens 5 Jahren wird alles neu verhandelt.
Ziel der Regierung war es die Bauwirtschaft anzukurbeln. Das ist ihnen ja zunächst auch prächtig gelungen! Spanien hat gebaut wie verrückt und alle wollten an dem Boom teilhaben. Riesige Gewinnmargen (300-400%) waren hier zu machen. Wer würde davon nicht gerne profitieren wollen. Mit den Wohnungspreisen stiegen auch die Mieten, teilweise auch um das dreifache zwischen 1998 und 2008.
Als dann die Sozialdemokraten an die Macht kamen haben auch sie diesem Boom nichts entgegengesetzt. Sie brachten einfach nicht den Mut auf den Hauptwirtschaftsfaktor zu bremsen. Das wäre ja auch ein Wahnsinn gewesen, obwohl der richtige Schritt..
Ja und heute.. deswegen schreibe ich diesen Kommentar unter diesen Artikel: die jungen Leute sind frustriert!
Die Wohnungen zu teuer, keine Arbeitsplätze selbst für Hochschulabgänger, Lebenshaltungskosten auf dem Niveau von Deutschland oder höher, keine Aussicht auf Ausbildung, Kürzungen im Bildungs- und Gesundheitswesen.
Die Jugend steht vor dem Scherbenhaufen einer fatalen Politik BEIDER Parteien der letzten Jahre. Von daher sitzt der Frust tief!
Mal sehen, wie es nach den Wahlen weitergeht...
Ein guter Artikel, der die Stimmung in Spanien auf zutreffende Weise wiedergibt. Ebenfalls aus Spanien kommt ein konkreter Vorschlag für die Erneuerung der repräsentativen Demokratie und ihre Ergänzung durch direktdemokratische Elemente. Das Konzept trägt den Namen Demokratie 4.0, wurde bereits vor einem Jahr, also lange vor den Protesten vom Mai dieses Jahres, als Petition beim Spanischen Abgeordnetenhaus eingereicht und wartet seither dort auf Antwort.
[...]
Gekürzt. Bitte beachten Sie, dass laut Netiquette das Profil für die Veröffentlichung von privaten Blogs vorgesehen ist. Danke. Die Redaktion/vn
Der deutsche "Aufschwung" produziert ebenfalls Arbeitslose, Zeitarbeiter und die verarmten Rentner von morgen.
Einziger Unterschied: Bei uns wird deutsch gesprochen, es ist tendenziell kälter und die Zahlen werden systematisch nach unten gefälscht.
Ich weiss nicht, ob dieser Anspruch in dieser Form jemals von der Politik befriedigt werden kann, hat doch wohl eher mit einem selber zu tun, oder nicht? Ob ich nun ein selbst-reflektiver (und als Konsequenz, in meinem eigenen Verstaendnis, notwendigerweise auch gluecklicher) Mensch in einer scheiss Welt bin oder in einer guten, macht doch keinen so grossen Unterschied.
Aber die politische Sprengkraft einer Bevölkerung, die von den beiden großen Parteien des Landes zutiefst frustriert ist, ist beträchtlich.
Schlimmer noch ist, dass diese Situation ein Muster ist, dass sich in vielen anderen EU-Ländern wiederholt. Kommt es jetzt zu einer ernsthaften Krise, sind die politischen Folgen sehr besorgniserregend, das kann ja Erdrutsche in bislang unbekannter Größenordnung ergeben.
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