Occupy-BewegungWut, Liebe, Paranoia

Wer sind die Vordenker der Occupy-Bewegung? Und was wollen sie? Ein Überblick von 

Die kanadische Autorin Naomi Klein (Archivbild von 2009)

Die kanadische Autorin Naomi Klein (Archivbild von 2009)  |  © Olivier Morin/AFP/Getty Images

Die Occupy-Bewegung hat kein Gesicht. Was die Welt kennt, ist die Maske des englischen Offiziers Guy Fawkes, der 1605 versuchte, seinen König zu töten. 25 Fässer Schwarzpulver sollten im britischen Parlament hochgehen, in der ersten Demokratie der Neuzeit. Über die heutige Bewegung hinter der Maske weiß man nicht allzu viel. Sie ist irgendwie gegen den Kapitalismus, die Banker und die Gier. Sie ist aber auch fertig mit Parteien, Parlamenten und Koalitionen, mit der Politik überhaupt. Wer sind ihre intellektuellen Gewährsleute, ihre Ikonen? Was sind die kanonischen Texte der Occupier?

Wer die Kisten unter den Plastikplanen öffnet, in denen die Besetzer im New Yorker Zucotti Park ihre »Volksbibliothek« untergebracht haben, stößt auf einen verstrubbelten alten Bekannten: Der Anarchismus ist wieder da. Er heißt jetzt Post-Anarchismus und hat seine frühere Fröhlichkeit gegen ein düsteres Murmeln eingetauscht. Der Feind ist im Post-Anarchismus nicht mehr irgendwo da draußen, und wenn man ihn beseitigt hat, bricht das Paradies an. Der Feind ist, so haben es die Studenten vom New Yorker Zucotti Park in ihren Foucault-Seminaren gelernt, mitten in uns. Wer eine politische Forderung stellt, hat schon Ja gesagt zum System. Wie passt eine so finstere Weltsicht zu einer jugendlichen Demokratiebewegung?

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Ein Blick auf die Theorie-Gurus der Occupier gibt da Aufschluss. Zu Protest-Ruhm sind sie alle in der Bewegung für eine gerechtere Globalisierung gekommen, bei den Straßenschlachten zwischen Globalisierungskritikern und der Polizei am Rande der Welthandelskonferenz in Seattle 1999. Star des Post-Anarchismus ist der 50 Jahre alte Anthropologe David Graeber , der auch selbst die ersten Generalversammlungen im Zucotti Park mitorganisiert hat. Graebers Vater hat noch unter der schwarz-roten Flagge im Spanischen Bürgerkrieg mitgekämpft, seine Mutter organisierte eine Theatertruppe für Textilarbeiterinnen. Graeber ist Mitglied der Wobblies, der Industrial Workers of the World , einer anarchistischen Gewerkschaft. Fast zwei Jahre lang hat er in Betafo gelebt, einer Community auf Madagaskar, in einer Zeit, als der Staat dort »seine Zelte abbrach und das Weite suchte«. Die Leute hätten dann alles selber geregelt, durch »konsensuelle Entscheidungen«. Man hätte nicht einen Beamten angefleht, einen Brunnen zu bauen, sondern ihn halt selbst gegraben. Lost People hieß sein begeisterter Bericht. Demokratie ohne Regierung, direkte Aktion – das ist die Botschaft, die Graeber den Occupiern mitgebracht hat. Die Generalversammlung, die dort abgehalten wird, geht auf ihn zurück.

Madagaskar, das war von 1989 bis 1991, mitten im Fall des Eisernen Vorhangs. Ein ganzer Kontinent hat diese Jahre als die lang ersehnte Befreiung erlebt. Der Anarchist David Graeber nicht. »Das war vermutlich die deprimierendste Zeit für einen Revolutionär, die man sich vorstellen kann«, schreibt er in seinem Buch Direct Action . »Nicht wegen des Zusammenbruchs der stalinistischen Regime; die meisten Radikalen waren froh, sie los zu sein. Deprimierend war, was danach kam.« Er erwartete, dass dem Untergang des Stalinismus »menschlichere Formen des Marxismus« folgen würden. Stattdessen hätten die Völker Osteuropas »die Schock-Therapie der allerbrutalsten Form des unbeschränkten Kapitalismus« erfahren. Die Solidarność oder andere Befreiungsbewegungen in Osteuropa haben auf Graeber keinen Eindruck gemacht. Sie kommen bei ihm ebenso wenig vor wie die politischen Freiheiten nach 1989.

Leserkommentare
  1. Wieso scheint eigentlich noch kein Journalist dahinter gekommen zu sein, dass die Guy Fawkes-Maske nicht zur Identifikation mit dem Möchtegern-Attentäter von 1605 dient, sondern direkt auf den namenlosen Helden aus Alan Moores graphic novel "V for Vendetta" anspielt, genau genommen auf das leicht veränderte Ende der Verfilmung:
    dort werden die Masken zum Symbol des Aufbegehrens gegen ein autoritäres System.

  2. Wie begründen Sie, dass diese Bewegung kein Gesicht hat?
    Und wie begründen Sie, dass eine Bewegung ein Gesicht braucht?

    Zuerst wurde die Bewegung durch die Medien hochgeschrieben.
    Nun schreiben die Medien die Bewegung nieder.

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    »Wir haben uns auf einen Kampf gegen die mächtigsten politischen und ökonomischen Kräfte auf diesem Planeten eingelassen. Das macht Angst. Und je stärker wir werden, desto größer wird die Angst werden.«
    Ist unsere postheroische Weltbürgerjugend aus den westlichen Wohlstandsnationen tatsächlich so weltfremd, daß sie glaubt, man wird schon nicht auf sie schießen?

    • k2
    • 09. November 2011 7:46 Uhr

    9/11/1973 in Chile ist für mich
    wenigstens das "9/11"-Paradigma
    eines CIA-Jobs. Mit dieser Einschränkung
    Naomi Kleins scheint mir die "OWS-Aktion"
    ein reiner Ausläufer des arabischen Frühlings und des islamischen Feminismus zu sein.

    http://www.naomiklein.org...

  3. »Wir haben uns auf einen Kampf gegen die mächtigsten politischen und ökonomischen Kräfte auf diesem Planeten eingelassen. Das macht Angst. Und je stärker wir werden, desto größer wird die Angst werden.«
    Ist unsere postheroische Weltbürgerjugend aus den westlichen Wohlstandsnationen tatsächlich so weltfremd, daß sie glaubt, man wird schon nicht auf sie schießen?

  4. In der SZ: Lasst euch nicht umarmen!
    http://www.sueddeutsche.d...

    Und, Frau Lau, Sie sollten Zizek mal im Zusammenhang lesen und auch zitieren und nicht nur Stereotype abliefern, die Sie andernorts aufgeschnappt haben. Wenn Z. drastisch formuliert und in Widersprüchen denkt dient dies allein der Verdeutlichung und dem Anstoß zum Denken.

  5. 6. Ghandi

    Den haben Sie in Ihrer Aufzählung vergessen werte Autorin was mich wundert ist ihre Herstellung eines Zusammenhangs zwischen Anarchisten und Marxisten das sind Konzepte die diametral gegenüber stehen, oder auf Deutsch sich nicht vertragen.

    Ist es nicht eher nicht so das Ihr Autoren bei QCCUPY an eure Grenzen stösst denn es gibt keine Anführer, Ansprechpartner oder Ideologen auch wenn Ihr das noch so oft konstruieren wollt.

    Ja und damit kommt Ihr nicht so ganz klar da sprechen zwar jede Menge bekannter Menschen die auch eine Richtung vertreten aber das ist auch nicht die Richtung der Bewegung und da Ihr das net greifen könnt sondern nur zusehen könnt wie das immer mehr und mehr werden so wie in Japan wo das mal mit 10 Demonstranten anfing resigniert ihr.

    Tja und trotz diesen scheinbaren Chaos passieren dort logistische Meisterleistungen wie vor kurzen in Frankfurt und in Berlin und das nicht gerade bei Frühlingstemperaturen dem klassischen Demo wetter.

    Hinzu kommt das diese Menschen auch hervorragend vernetzt sind und selbst Ohne Netzwerke oder Soziale Netzwerke arbeiten können es ist zwar schön das es sie gibt aber zwingend ist das nicht

    Es gab in der Geschichte des Blauen Planeten noch nichts in dieser Art und Weise in diesen Dimensionen Weltweit und das macht vielen in den Redaktionen Angst und Bange da hinter den Redaktionen Medienkonzerne stehen die zu dem 1 Prozent gehören verliere ich dann meinen Job also echte Existenzangst sozusagen

    • Xdenker
    • 16. November 2011 0:51 Uhr

    keine Substanz.

    Leider tendieren Gesellschaften immer dazu, Machtkonzentrationen herauszubilden, sowohl auf dem wirtschaftlichen wie auf dem politischen Sektor, wobei beides eng miteinander vernetzt ist. So verfolgen beispielsweise die USA und China (um nur die beiden zu nennen) ihre geostrategischen Ziele mittels vielfältiger Einflussnahmen, zu deren Instrumenten auch Wirtschaft, Hochfinanz und Währung zählen.

    Macht bedeutet Dominanz, bedeutet Hemmung, Übersteuerung oder Unterdrückung anders gelagerter Interessen. Daher sind Machtkonzentrationen grundsätzlich als kritisch zu bewerten, und das umso mehr, je mehr Macht sie konzentrieren.

    Der Kapitalismus, der auf Freiheit, Eigeninitiative und Dezentralität baut, braucht zwingend Instrumente zur Verhinderung und Zerschlagung schädlicher, sprich marktbeherrschender Konzentrationen. Diese liefert bei uns das Kartell- und Wettbewerbsrecht. Staaten, die z.B. hoch konzentrierte, global agierende Banken für sich einzusetzen verstehen, werden diese allerdings erhalten wollen.

    Die Machtkonzentrationen, die sich auf der Ebene der Staaten bilden, werden sowieso durch nichts und niemanden begrenzt, außer durch den Wettbewerb der Staaten um ihre Teilhabe an der Weltherrschaft selbst.

    Wer also Banken aufspalten will, müsste sich konsequenterweise genau so für die Aufspaltung übermächtiger Staaten einsetzen. Da es aber keine staatenübergreifende, von den Staaten unabhängige und durchsetzungsfähige Autorität gibt, ist dies leider irreal.

    • Bastooo
    • 14. Dezember 2011 14:36 Uhr

    Hat die Occupy-Bewegung kein Gesicht? Sie hat einen Namen, sie wird Bewegung genannt, hat Logos und die Maske als Markenzeichen. Viele Gesichter in unserer medialen Welt, mit denen unendlich viele positive oder negative Botschaften verbunden werden können.

    Das ist das Problem wenn man ein öffentliches Gesicht hat: man kann es sehr leicht verlieren.

    Der Clou wäre wenn sich in erster Linie solche Menschen (und in weiterer natürlich alle) nicht als Vertreter oder Mitglieder irgendeiner Bewegung sehen würden und sich damit von allen anderen Menschen abgrenzen - denn dann kommt die Bewegung sicher irgendwann zum Stillstand, oder zumindest ins Stocken - sondern wenn sich engagierte Menschen erstmal einfach als Menschen sehen würden und versuchen würden eine Lebensart und -einstellung vorzuleben.

    Ein sehr geistreicher Mensch (dessen Namen und Bezeichnung ich mit Absicht nicht erwähne) hatte einmal gemeint: "Du selbst bist der Lehrer, du selbst bist der Schüler, du selbst bist der Führer, ..."

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