DokumentarfilmNichts ist wirklich, nichts ist gewiss

Ehrfurcht in 3-D: Werner Herzogs faszinierender Dokumentarfilm über die steinzeitlichen Wandmalereien der Höhle von Chauvet. von 

Löwen und Bisons, Hirsche, Wollnashörner, Mammuts und Wildpferde in Ocker und Rot, Braun und Schwarz. Der schwache Strahl einer Lampe entreißt sie der Dunkelheit. An unebenen Wänden, Nischen, Rissen und Vorsprüngen vorbei folgt die Kamera dem Lichtkegel. So ähnlich müssen die Tierbilder auch in den Augen ihrer Maler ausgesehen haben – vor rund 35000 Jahren. Was für ein Gefühl!

In dem Dokumentarfilm Die Höhle der vergessenen Träume bringt der Regisseur Werner Herzog ein Erbe der Menschheit ins Kino: die Höhle von Chauvet in Südfrankreich, welche die ältesten bekannten steinzeitlichen Malereien der Welt enthält und einige der schönsten überhaupt. Erst vor 17 Jahren hatten Amateure diesen Ort entdeckt, die französischen Behörden sperrten ihn sogleich und gewährten seitdem nur ausgewählten Wissenschaftlern kurze Aufenthalte im Inneren der Höhle. Temperatur und Luftfeuchtigkeit dürfen nicht verändert werden. Herzogs Filmteam war das erste, das nun dort drehen durfte, und es kann gut sein, dass es auch das einzige bleibt. (Wie schnell jahrtausendealte Wandmalereien durch die reine Anwesenheit der Besucher ruiniert werden können, hat sich in der Höhle von Lascaux gezeigt.)

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Es ist also viel Exklusives an diesem Projekt. Zumal alle Aufnahmen stereoskopisch gemacht wurden, ein denkbar sinnvoller Einsatz für die 3-D-Technik: keine plane Wand findet sich in der Höhle, keine Malerei wurde auf eine glatte Fläche aufgebracht. Und wie Archäologen an vielen Beispielen belegen können, haben die steinzeitlichen Künstler die Konturen des Untergrunds mit einbezogen: etwa Buckel im Stein genutzt, um Tierkörper plastischer erscheinen zu lassen. Die Höhle ist eine prähistorische Galerie visueller Effekte. Die Forscher vertreten sogar die Auffassung, die Höhlenmaler hätten bewusst den Eindruck von Bewegung erzeugt. Etwa im Falle eines Wisents mit acht statt vier Beinen, der förmlich zu galoppieren scheint. Oder bei einer überlagerten Gruppe von Wildpferden, die wie die Bewegungssequenz aus einem Trickfilm wirken. Im schwachen Licht der Handlampe (mehr war nicht erlaubt!) und bei leicht bewegter Kamera (wie muss es erst bei flackerndem Licht einer Fackel gewirkt haben?) treten die erstaunlich lebensnahen Darstellungen in den Raum. Diese ocker-braun-rot-schwarzen Zeichnungen auf Lehm und blankem Fels berühren auf seltsame Weise.

Leicht kann man sich vorstellen, wie angesichts der einmaligen Gelegenheit, in Chauvet filmen zu dürfen, eine hochglänzende, porentief reine Anwendung zeitgenössischen Realfilmhandwerks ausgesehen hätte – eine »Doku« in bester National Geographic- Manier, Kulturerbe als Event. Stattdessen hat ausgerechnet der verschrobene Autorenfilmer Herzog die Chauvet-Chance bekommen. Bei ihm ist der halbe Film denn auch ein Making-of seiner anderen Hälfte. Herzog und sein Kameramann Peter Zeitlinger machen keinen Hehl aus ihrer Improvisation: wie kurz die jeweiligen Aufenthalte, wie beengt der Platz, wie beschränkt die Ausrüstung, die sie mit auf ihre Zeitreise nehmen konnten. Immer wieder geraten die Forscher und das Filmteam zwangsläufig selbst ins Bild. Weil der Originalzustand des Höhlenbodens erhalten werden soll, mussten alle Besucher sich über schmale Metallstege fortbewegen.

Ein Gefühl der – sprechen wir es aus – Ehrfurcht würde sich alleine schon einstellen, wenn man den Film ohne Ton anschaute. Umso störender ist die Musik von Ernst Reijseger, auch wenn dessen bemüht-archaischer Sound wohl zur persönlichen Steinzeitvorstellung des Regisseurs passt. Denn Herzog dokumentiert nicht einfach, sondern präsentiert die Zeugnisse einer frühen Kreativität in einem spirituellen Deutungsversuch: Welche universellen Themen, welche vergessenen Träume haben die Steinzeitler im Dunkel von Chauvet gebannt? Herzog berichtet mit seiner charakteristischen schleppenden Stimme vom Gefühl, »die paläolithischen Menschen bei der Arbeit zu stören« – »als wären ihre Augen auf uns gerichtet«. Er fragt einen der Forscher, ob die Felsbilder den »Beginn der modernen menschlichen Seele« markierten (was dem Befragten erkennbar zu weit geht). Er philosophiert: »Nichts ist wirklich, nichts ist gewiss.« Den Künstlern der Menschheitsdämmerung tritt hier einer gegenüber, der sich als Seelenverwandter versteht.

Die Bilder sind das Dokumentarische, die Tonspur liefert eine Interpretation – eine von vielen möglichen. Egal, wie man persönlich die Steinzeitkunst liest: Was bleibt, ist ein überwältigendes Gefühl von Schönheit.

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    • Schlagworte Werner Herzog | Dokumentarfilm | Malerei | National Geographic
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