E-Mails: Bald ausgestorben? © NICHOLAS KAMM/AFP/Getty Images

Auf rund 40.000 Benutzer des Google-Dienstes Gmail wartete Anfang des Jahres ein morgendlicher Schock. Als sie ihre elektronischen Postfächer öffneten, waren diese leer gefegt. Liebesbriefe, Geschäftsabsprachen – alles weg. Ein Serverausfall hatte die Katastrophe verursacht, eine Datenrettung war nur mühsam möglich und dauerte mehrere Tage. Das Interessanteste an dem Zwischenfall: Für immer mehr Menschen unter 30 ist es gar nicht mehr dramatisch, wenn das E-Mail-Postfach zeitweilig stillgelegt ist. Sie kommunizieren längst ganz anders. US-Teenager versenden laut einer Studie der Marktforschungsfirma Nielsen mittlerweile 3339 SMS-Nachrichten pro Monat, dazu kommen Instant-Messenger-Chats sowie Facebook und andere Soziale Netzwerke, auf denen sie sich schneller, öfter und informeller mitteilen können.

Eine Universität in Boston hat bereits aufgehört, neuen Studenten eine E-Mail-Adresse zuzuweisen. »Sie haben die Konten in der letzten Zeit kaum noch genutzt«, sagt eine Sprecherin. »Ihr Leben findet inzwischen anderswo statt.« Die amerikanische Internetforscherin Danah Boyd, die sich seit Jahren mit der Mediennutzung von Jugendlichen beschäftigt, kommt zu dem gleichen Ergebnis. »Es gibt zur E-Mail keine emotionale Bindung mehr«, schreibt sie in ihrem Blog. »Aber wenn man den jungen Menschen ihre Handys oder Chat-Programme wegnimmt, werden sie nervös und beklagen sich, man hätte ihr Leben ruiniert.«

Für die Facebook-Generation ist eine E-Mail in etwa so förmlich wie ein Brief auf Papier. Doch nicht nur Teenager wenden sich vom @-Zeichen ab: Laut einer Studie des US-Marktforschers ComScore hat sich die E-Mail-Nutzung 2010 in den USA um acht Prozent verringert. Bei den 12- bis 17-Jährigen fiel die Abwanderung mit 49 Prozent am stärksten aus, aber selbst die 45- bis 54-Jährigen mailten zwölf Prozent weniger.

Früher, als man sich mühsam über die Telefonbuchse ins Internet einwählen musste, war die E-Mail perfekt. Heute sind alle immer online – mit der DSL-Flatrate oder mit dem Smartphone. Man kann also auch digital in Echtzeit kommunizieren, sei es über Sprach-Chat oder Videokonferenz. Warum noch eine Mail mit dem lustigen YouTube-Link oder den Urlaubsfotos verschicken, wenn man dasselbe auf seiner Facebook-Seite oder bei MeinVZ einstellen kann?

Die Bürowelt galt lange als letzte Bastion der Mails, hier musste es schließlich noch seriöser zugehen als auf Onlinenetzwerken wie wer-kennt-wen.de oder Jappy. Doch auch hier findet ein Umdenken statt: Der französische IT-Dienstleister Atos Origin kündigte Anfang Februar an, binnen dreier Jahre komplett auf E-Mails zu verzichten. »Die Masse der E-Mails, die wir verschicken und erhalten, ist wirtschaftlich nicht mehr sinnvoll«, sagte Atos-Chef Thierry Breton. »Manager verbringen 5 bis 20 Stunden pro Woche damit, sie zu lesen oder zu schreiben. E-Mails sind nicht mehr der beste Weg, eine Firma zu organisieren und Geschäfte zu machen.« Andere Firmen, vom Chiphersteller Intel bis zu einer Hamburger Logistikfirma, haben bereits Mail-freie Tage eingeführt.

In der Tat verhindern Video-Chats wie Apple Facetime oder Skype die Missverständnisse, die in Mails lauern können – weil man sich gegenseitig hört und sieht, auch wenn man am anderen Ende der Welt sitzt. Sogenannte Wikis – also Plattformen, auf denen mehrere Autoren einen gemeinsamen Text bearbeiten können – eignen sich besser, um im Team zum Ergebnis zu kommen, als dutzendfaches Mail-Pingpong. Webseiten wie Doodle oder Polldaddy erleichtern es Gruppen, Termine oder Entscheidungen abzustimmen ohne nervige Rundmails und Rückfragen.

Denn jeder, der schon einmal eine Mail mit der Betreffzeile: »AW: AW: AW: AW: AW: AW: AW: Mittagessen« bekommen hat, wird Ray Tomlinson verflucht haben – ohne den Mann zu kennen. Doch er war es, der vor 40 Jahren die E-Mail erfand. Sie hatte ein langes und erfülltes Leben.