EizellspendeFür ein Baby nach Prag

Bisher sind Eizellspenden nur im Ausland erlaubt – das sollte sich ändern. Unterwegs mit einem unfruchtbaren Paar von 

Am Montagmittag dieser Woche reihen sich die Autos vor dem Sanatorium Pronatal am Prager Stadtrand. Fünf tragen ein deutsches Kennzeichen. Eines gehört Cornelia Zieler* und ihrem Mann Julian.

Das Paar sitzt bereits im Wartezimmer der Fortpflanzungsklinik. Die Frau ist blass, in einer Tasche trägt sie einen Schlafanzug. Ihr Mann sitzt neben ihr und stiert ins Leere. In wenigen Minuten werden Cornelia Zieler die Eizellen einer Fremden eingesetzt. Über die Spenderin weiß sie fast nichts. Nur so viel: Die Unbekannte ist 29, mittelgroß, hat blaue Augen und blonde Haare wie sie selbst. Acht Eizellen wurden der Frau entnommen und mit Julian Zielers Sperma befruchtet.

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Die Embryonen sind letzte Hoffnung in einer Kette von Enttäuschungen. Sex nach Plan, sechs fruchtlose Inseminationen , drei vergebliche In-vitro-Fertilisationen (IVF) : Über Jahre hat das Paar alles versucht. Als die Zielers schließlich erfuhren, dass eine Adoption wegen ihres Alters – sie ist 37 Jahre alt, er 45 – nicht mehr infrage kommt, war der Traum von der Familie für das Münchner Paar eigentlich geplatzt. Doch die Sehnsucht nach Kindern kann große Kräfte freisetzen. Und sie lässt Grenzen überschreiten, zumal wenn einem diese willkürlich erscheinen.

Die Zielers sind nach Prag gereist, weil sie ihren eigenen Beschluss gefasst haben. Denn es gibt Entscheidungen, die will die Politik nicht treffen. Wenn Ethik und Medizin über Kreuz geraten, dann warten die Politiker, dass Juristen ihre Arbeit erledigen. Gerichte mussten mehrmals klarstellen, welche Rechte ein Mensch am Lebensende hat. Richter erklärten im vergangenen Jahr die Präimplantationsdiagnostik (PID) in Deutschland für rechtens . Nun haben europäische Richter über die Technik entschieden, welche die Zieglers heimlich in Prag durchführen lassen – die Eizellspende.

Es ist anders gekommen, als viele erwartet hatten: Die große Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) hat bestätigt, dass ein Verbot der Eizellspende rechtens ist . Geklagt hatte eine Österreicherin, die nach einer Operation ihre Eierstöcke verlor. Nur eine Spende fremder Eizellen kann ihr zu einem Kind verhelfen. Doch die ist in ihrem Land nicht erlaubt. In der ersten Instanz hatte der EGMR in diesem Verbot einen Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention gesehen. Samenspende sei legal, so die Richter, daher diskriminiere das Gesetz Paare, bei denen der Grund für die ungewollte Kinderlosigkeit ein gesundheitliches Problem der Frau sei. Zudem sei das Recht auf Achtung des Familienlebens nicht gewahrt.

Die Rüge der Richter galt ebenso für Deutschland. Denn auch hier darf man mit fremden Samen ein Kind zeugen, mit einer fremden Eizelle aber nicht. Nun haben die Straßburger Richter in der nächsten Instanz das Urteil kassiert – auch wenn die Eizellspende in fast allen anderen Ländern Europas erlaubt ist.

Das Verbot in Österreich und Deutschland berührt die Träume und Rechte Tausender, die das deutsche Gesetz ins Ausland treibt: Patientinnen mit vorzeitigen Wechseljahren, Krebskranke, denen eine Chemotherapie die Ovarien zerstört hat; Frauen, die sich schlicht zu spät fürs Kinderkriegen entschieden haben – Paare wie Cornelia und Julian Zieler.

Zwischen drei- und viertausend Mal im Jahr zieht es deutsche Paare zu einer Fruchtbarkeitsuntersuchung ins Ausland. Das schätzt eine Expertise von Pro Familia zum "Reproduktiven Reisen". Das häufigste Motiv für diesen Fortpflanzungstourismus ist die Eizellspende. "Fast jede Woche kommen Frauen, die das Thema mit mir besprechen möchten", sagt der Mediziner Heribert Kentenich von den DRK-Kliniken in Berlin-Westend.

Eigentlich könnte bereits ein solches Gespräch als Beihilfe zu einer Straftat gelten. Doch die Zeit, da Ärzte sich vor einer Anzeige fürchteten, ist vorbei. So gut wie jede deutsche Kinderwunschpraxis hat eine Adresse im Ausland parat, an die sich ein Paar wenden kann, wenn es hierzulande nicht mehr weiterkommt. Die deutschen Ärzte schicken Befunde an ihre ausländischen Kollegen, telefonieren mit ihnen über Hormonwerte und Ultraschallbilder.

Auch Cornelia Zieler bekam von ihrem Arzt eine Nummer über den Schreibtisch geschoben. Sie trug eine tschechische Vorwahl. Als sie sich im Internet kundig machte, konnte sie es kaum glauben, "wie viele Frauen sich ganz offen über etwas austauschen, was in Deutschland verboten ist". Im Schutz der Anonymität diskutieren die Betroffenen in Foren über Preise, Schwangerschaftsraten und Serviceleistungen der ausländischen Kliniken. Allein unter "Eizellspende-Tschechien-Pronatal" tummelten sich über zwanzig Frauen.

Zieler kennt sie alle. Mit zwei von ihnen ist die Münchnerin mittlerweile befreundet. Mit einer dritten, einer Architektin aus Heidelberg, haben sich die Zielers am Abend zuvor in der Prager Altstadt zum Essen getroffen. Die Frau wird an diesem Tag in einer anderen Prager Klinik eine Embryonenspende empfangen, bei der fremde Ei- wie Samenzellen zum Einsatz kommen. Bei Knödel und Rotkohl machte man sich vor dem großen Augenblick noch einmal gegenseitig Mut.

Leserkommentare
  1. So lange die werdenden Eltern diese Sache selbst zahlen und nicht die Krankenkasse können Sie es ja machen.

    Allerdings sehe ich es auch wie Nr.1 mit dem Alter schon ein bisschen.

    Welches Kleinkind möchte schon eine Oma zur Mutter oder als Jugendliche ne Mutter die 70 und in Rente ist.

  2. Offensichtlich gibt es unseriöse Kliniken jedenfalls. Aber das entscheidende Problem ist wohl tatsächlich das anonyme Verfahren. Die Kenntnis der biologischen Herkunft ist nicht umsonst Bestandteil der UN-Kinderrechts-Konvention.

    Antwort auf "Informieren"
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    • bennine
    • 03. November 2011 16:21 Uhr

    Dieses Thema der "Anonymität" kann ich nicht mehr hören! Es ist doch eine Frage des Umgangs mit dem Thema und wie es dem Kind vermittelt wird! Natürlich sollte das Kind erfahren, dass die Mutter nicht die "biologische Mutter" (blöder Ausdruck! wer das Kind 9 Monate ausgetragen hat, ist doch biologisch Mutter, oder?) ist - sobald es alt genug ist, das rein vom Erfassen her zu verstehen. Einfach deshalb, weil es bei manchen Krankheiten oder Behandlungen wichtig sein kann und nicht erst in einem Notfall thematitisert werden sollte. Dann wird das Kind nachfragen: warum? wer ist die biologische Mutter? Kennt ihr die? Kann ich die kennenlernen? Alle diese Fragen sind sachlich zu beantworten; die biologische Mutter ist nicht bekannt - und fertig. Wenn das alles normal erfolgt, wird es auch akzeptiert werden. Und dass ein Kind mal im Frust sagt: "Du bist ja gar nicht meine Mutter!" - das passiert bei allen Patchworkeltern, ist völlig normal und nicht überzubewerten.

  3. ich habe ein kind. aber wenn ich keines kriegen könnte, würde ich nicht auf biegen und brechen versuchen, eines zu bekommen. schon gar nicht auf diesen weg. Aber jeder wie er will.

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    • Yulivee
    • 03. November 2011 16:06 Uhr

    Manche wollen gar keine Kinder, manche wollen unbedingt Kinder.
    Wenn ein Paar keine Kinder bekommen kann, es aber so wichtig für sie ist, wieso soll man es ihnen dann nicht erlauben?

    es ist schade, dass so viele menschen so denken, dass macht es den aufgeklärten kindern, gleich ob sie aus einer samen- oder eizellspende entstanden sind nicht leichter mit ihrer eigenen biografie umzugehen. bei dem versuch ein kind durch eizellspende zu bekommen, handelt es sich um eine minderheit, die sich genau überlegt haben was sie tun. denn bevor es überhaupt dazu kommt, haben sie schon alle stufen der reproduktionsmedizin in unserem land kennen gelernt. sicher, schwarze schafe gibt es überall, aber in den meisten ländern gibt es eine altersbegrenzung. ich wünsche niemanden, sich in die mühle begeben zu müssen, der sich ein kind wünscht. zudem ist es keineswegs so, da paare, die sich für eine eizellspende entscheiden, zu spät an ihrem kinderwunsch gedacht haben, krebs, verfrühte wechseljahre, autoimmunkrankheiten können einem einen strich durch die "normale" familienplanung machen. das die krankenkassen dieses verfahren je übernehmen werden,halte auch ich für ausgeschlossen. diese paare liegen niemanden auf der tasche, sondern lassen ein mühsam abgknapstes vermögen auf der suche nach ihrem kind.

    • bennine
    • 03. November 2011 16:21 Uhr

    Dieses Thema der "Anonymität" kann ich nicht mehr hören! Es ist doch eine Frage des Umgangs mit dem Thema und wie es dem Kind vermittelt wird! Natürlich sollte das Kind erfahren, dass die Mutter nicht die "biologische Mutter" (blöder Ausdruck! wer das Kind 9 Monate ausgetragen hat, ist doch biologisch Mutter, oder?) ist - sobald es alt genug ist, das rein vom Erfassen her zu verstehen. Einfach deshalb, weil es bei manchen Krankheiten oder Behandlungen wichtig sein kann und nicht erst in einem Notfall thematitisert werden sollte. Dann wird das Kind nachfragen: warum? wer ist die biologische Mutter? Kennt ihr die? Kann ich die kennenlernen? Alle diese Fragen sind sachlich zu beantworten; die biologische Mutter ist nicht bekannt - und fertig. Wenn das alles normal erfolgt, wird es auch akzeptiert werden. Und dass ein Kind mal im Frust sagt: "Du bist ja gar nicht meine Mutter!" - das passiert bei allen Patchworkeltern, ist völlig normal und nicht überzubewerten.

  4. Es ist eben nicht ein nur sachlich abzuhandelndes Thema, welche Wurzeln ein Kind hat. Das Kind steht z.B. vor der Frage, warum es so ist, wie es ist. Da ist die Auskunft, die biologische Mutter sei nicht bekannt ("und fertig"), wenig hilfreich und auch nicht der Normalfall, auch wenn heute viele Kinder in Patchworkfamilien leben. In der Regel wissen sie doch um ihre genetischen Eltern.

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