FrüherkennungAufklärung mangelhaft

Die Krebsfrüherkennung ist längst nicht so nützlich, wie viele Menschen meinen – das verschweigen die Broschüren. von 

Die Kommentatoren verschaffen ihrem Frust im New England Journal of Medicine Luft. Die leidige Kontroverse, schreiben sie, weigere sich einfach, endlich zu sterben. Wieder einmal geht es um die Frage, ob die Bestimmung des prostataspezifischen Antigens (PSA) im Blut von Männern als Früherkennung für den Prostatakrebs sinnvoll ist.

Nein, hatte Anfang November die US-amerikanische Preventive Services Task Force im Entwurf eines Strategiepapiers geantwortet. Um den Test gibt es schon lange hitzige Debatten. Diesmal riet die Institution den amerikanischen Ärzten davon ab, ihren Patienten den PSA-Test überhaupt anzubieten. Es bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er den Patienten mehr schade als nütze .

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Damit war in kurzem Abstand gleich zwei Mal eine Krebsfrüherkennung ins Gerede gekommen. Ende Oktober hatte das Archive of Internal Medicine die Praxis der Brustkrebs-Reihenuntersuchung kritisiert. Beide Kontroversen haben etwas gemeinsam. Sie kreisen um die Fragen: Was heißt schaden und was nützen, und wer darf diese Begriffe definieren?

Normalerweise legen Fachorganisationen fest, was gut für die Patienten ist. Ihr Maß für die Nützlichkeit eines Krebstests ist vor allem die Lebensverlängerung. Für den PSA-Test heißt das: Ein getesteter Mann sollte statistisch länger leben als ein ungetesteter. Und genau das verneint die Task Force nach der Analyse aller Studien. Eine europäische Studie kam jedoch vor einiger Zeit zu dem Ergebnis, dass in einigen wenigen Fällen der PSA-Test Leben gerettet hat. Es ging um sieben vermiedene Todesfälle in neun Jahren unter 10.000 PSA-Getesteten. Diese niedrige Zahl bedeutet im Umkehrschluss, dass viele Männer umsonst die Schrecken einer Krebsdiagnose erlitten haben, eine Probeentnahme und vielleicht sogar eine Operation. Wegen der unübersichtlichen Gemengelage müssen Männer in Deutschland den PSA-Test selbst zahlen.

Jetzt steht der deutsche Mann vor einem Dilemma. Will er sich am rigorosen Urteil der amerikanischen Task Force orientieren, oder an der winzigen Chance, die ihm die europäischen Daten eröffnen? Der Patient kann sich kaum ein Urteil bilden, weil ihm die Daten für ein Pro und Kontra vorenthalten werden.

Gerade hat das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin eine Entwurfsfassung der Broschüre Früherkennung von Prostatakrebs vorgestellt. Das Problem: Es ist keine Broschüre, es ist ein 80-seitiges Kompendium inklusive Literaturanhang. Darin stecken viele optimistisch stimmende Zahlen über die Früherkennung. Erwähnt werden sogar die »klinisch bedeutsamen Nebenwirkungen der Operation« wie »Harninkontinenz und Erektionsstörungen« – konkrete Zahlen fehlen allerdings. Die amerikanische Task Force weist darauf hin, dass 20 bis 30 Prozent der Operierten solche Nebenwirkungen erleiden.

Seit Jahren moniert Peter Gøtzsche vom Nordischen Cochrane Zentrum in Kopenhagen , die Aufklärung für Krebsfrüherkennung sei einseitig optimistisch. Er hat vor allem das Brustkrebs-Screening im Visier und beklagt, die entsprechenden Broschüren erzählten in vielen Ländern nur die halbe Wahrheit. Diesen Eindruck teilen jetzt die Autoren des Archive of Internal Medicine: Die Anzahl der Frauen, deren Leben durch die Mammografie gerettet werde, sei wesentlich geringer als allgemein angenommen. Von 39 Millionen US-Amerikanerinnen, die sich untersuchen ließen, würden allenfalls zwischen 4.000 und 18.000 Frauen gerettet. Hingegen liege die Wahrscheinlichkeit, dass ein Tumor diagnostiziert und mit allen Nebenwirkungen behandelt werde, zehnmal höher, als dass eine Frau durch die Untersuchung vor dem Krebstod gerettet werde, stellt Gøtzsche fest. Deshalb möchte der Däne in den Broschüren zu solchen Überdiagnosen Zahlen sehen.

Generell gilt, dass jede Frau alle verfügbaren Informationen als Entscheidungsgrundlage bekommen sollte. In Deutschland ist diese Forderung nur halb erfüllt. So werden in den Informationen zum Mammografie-Screening zwar anschaulich die Grenzen der Untersuchung beschrieben. Aber detaillierte Daten zu den Auswirkungen von Überdiagnosen stehen nicht darin.

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