GesellschaftskritikÜber Mustereltern

Johnny Depp und seine Ehefrau Vanessa Paradis

Johnny Depp und seine Ehefrau Vanessa Paradis

Von dem amerikanischen Schauspieler Johnny Depp stammt die Aussage, die Geburt seines ersten Kindes habe ihn »gerettet«. Er meinte damit: gerettet vor dem exzessiven Alkoholkonsum, vor Abstürzen, einem insgesamt unguten Lebenswandel. Mit alldem war also Schluss, als Johnny Depp im Jahr 1999 Vater einer Tochter wurde. Im Jahr 2002 kam noch ein Sohn auf die Welt. Johnny Depp und seine Gefährtin, die Schauspielerin Vanessa Paradis, leben seitdem zurückgezogen in Frankreich auf dem Land. Seit Jahren hört man von Familie Depp nur das Beste. Keine Sauf- oder Drogengeschichten, keine Affären. Nur tadellose Nachrichten. Bis vor Kurzem.

Seit einiger Zeit fällt Johnny Depp nämlich in alte Gewohnheiten zurück, sitzt hin und wieder in Nachtbars herum, trinkt hin und wieder kräftig über den Durst. Dazu lässt sich nur eines sagen: Was für ein Glück! Denn Johnny Depps Kinder befinden sich in einem Alter, in dem ihnen die Last, für den geläuterten Lebenswandel ihres Vaters verantwortlich zu sein, einfach nicht mehr zuzumuten ist. Dass es Kindern nicht guttut, einen Trunkenbold zum Vater zu haben, ist ja klar. Nur kann es ihnen auch nicht guttun, den Eltern als Begründung für deren Unglück oder Glück, deren Laster oder Errettung zu dienen. Denn in beiden Fällen entsteht daraus das Gefühl von Schuld.

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Gesellschaftskritik
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Gewalt, Missbrauch, mangelnde Ernährung oder medizinische Versorgung, Vernachlässigung der Schulpflicht – so nennen sich die drastischen Formen elterlichen Versagens. Daneben aber gibt es auch die weitaus subtileren Formen, eine davon ist paradoxerweise elterliche Tadellosigkeit. Ebenjene Tadellosigkeit, die sich in nichts anderem begründet als in der schlichten Tatsache, dass ein Kind ins Haus kommt. Man findet sie bei Eltern, die immer Stadtmenschen waren, aber plötzlich aufs Dorf ziehen. Bei Eltern, die früher nie einen Fuß in ein Museum setzten, jetzt aber die Kinder Sonntag für Sonntag hinschleppen. Bei Eltern, die das Fallschirmspringen liebten, aber wegen der Kinder das Fallschirmspringen sein lassen. Fatalerweise prägen genau sie jedoch unser gegenwärtiges Bild von Elternschaft: als einer nahezu religiösen Erfahrung der Erweckung und rettenden Selbstverwandlung.

Es ist nicht nur ein riesiger Unfug. Es ist auch ein Unrecht. Wer seine Kinder derart in die Pflicht nimmt, ist gar nicht so weit entfernt vom autoritären Erziehungsstil der Mutter, die ihre Tochter täglich stundenlang am Klavier drillt. Johnny Depp hat als Vater im letzten Moment die Kurve gekriegt.

 
Leserkommentare
  1. Grandios Frau März, mit dieser Gesellschaftskritik haben Sie sich selbst übertroffen, es absolut auf den Punkt gebracht. Man darf Kinder nicht dafür missbrauchen, dass man vom Alkohol los kommt oder gar in ihnen den Halt sieht sich einer Alkhohlsucht zu stellen und diese zu besiegen. Nein, das hieße sie benutzen, ihnen Pflichten aufladen, die sie nicht verdient haben, besser prügelt man sie sturzbetrunken regelmäßig blau. Da haben Sie ganz recht.

  2. Ich schliess mich dem Vorkommentar nur in einem an: Grandios dieser Artikel!

    Frau März, Sie treffen aus meiner Sicht genau ins Schwarze, was diese verlogene Spießergesellschaft angeht. Immer nur ein tolles Bild abgeben, perfekt ins Gesellschaftsbild passen und bloß keine Macken haben...und das dann "nur" wegen der Kinder...und wahrscheinlich der Nachbarn....!

    Wer richtig liest sollte eigentlich merken, dass es hier nur in zweiter oder dritter Linie um Johnny Depp's Probleme geht...

  3. Wenn Sie, Carbonium, richtig lesen könnten, hätten Sie diesen letzten Satz nicht geschrieben, denn in meiner Antwort an Frau März ging es mit keinem Wort um Johnny Depp's Problem.

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