GhanaDer letzte Zukunftsmarkt

Kein fließend Wasser, schlechte Straßen, kaum Strom – in den entlegensten Winkeln von Ghana sucht ein deutscher Softwarekonzern die Kunden von morgen. von 

Rot und grün und gelb leuchten die Hütten in Ghana. Als die Bautrupps der internationalen Mobilfunkkonzerne vor einigen Jahren überall in dem westafrikanischen Land neue Sendemasten errichteten, besuchten sie die Bewohner. Sie boten ihnen an, die Häuser neu zu streichen, kostenlos selbstverständlich, als eine Geste der Großzügigkeit. So bemalten sie nach und nach ganze Ortschaften: Vodafone in Rot. Glo in Grün. MTN in Gelb. Und auf jede Fassade pinselten sie ihre Firmenlogos, weil der Anstrich zwar kostenlos, aber nicht uneigennützig sein sollte. Wie bunte Werbeplakate leuchten sie seither, die Hütten in Ghana.

Längst sind die Bautrupps in andere Teile Afrikas weitergezogen, und Sonne und tropische Schwüle beginnen den Konzernfarben zuzusetzen. Das Funknetz aber ist geblieben, unsichtbar liegt es über dem Land. Und es funktioniert. Die Straßen mögen schlecht sein und in der Regenzeit teilweise unpassierbar. Der Strom fällt öfters aus, fließend Wasser gibt es bloß in größeren Orten und selbst dort nicht für jeden. Mobiltelefone allerdings funktionieren so gut wie überall: in den Dörfern und Städten, am Straßenrand und mitten im grünen, teils schulterhohen Gras der Savanne. Sieben von zehn Ghanaern nutzen regelmäßig Handys. Alle paar Kilometer ragen stählerne Sendemasten in den Himmel, 30, 40, manchmal sogar 50 Meter hoch. Sie prägen die Landschaft in Ghana, so wie die Kirchtürme das Bild der bayerischen Provinz bestimmen.

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Über den Mobilfunk findet Afrika zur Welt. Vor allem aber findet die Welt nach Afrika: Unternehmen aus Europa, Asien und Amerika erobern den letzten noch nicht erschlossenen Zukunftsmarkt und tragen den Globalisierungsgedanken bis zu den Ärmsten der Armen. Auf der Suche nach Kunden dringen ihre Pioniere in die abgelegensten Winkel vor. Dort prallen Kulturen und Wertesysteme aufeinander, die gegensätzlicher kaum sein können.

»Vor Einbruch der Dunkelheit muss ich es über die Grenze schaffen«

Zu den Eroberern zählt SAP , der große deutsche Softwarekonzern, einer der größten überhaupt. Die Logik internationaler Handelsbeziehungen in die Sprache der Computer übersetzen – das macht SAP und schreibt so das Betriebssystem der Globalisierung. Damit wurde das Unternehmen aus dem badischen Walldorf zur erfolgreichsten deutschen Gründung der Nachkriegsgeschichte und nebenbei zum Weltmarktführer in seiner Branche. Im vergangenen Jahr setzte SAP gut zwölf Milliarden Euro um. Das ist mehr als die Wirtschaftsleistung mancher afrikanischen Staaten.

Ghana
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Klicken Sie bitte auf das Bild, um die Grafik zu öffnen  |  © ZEIT-Grafik

Mobilfunkverbindungen sind für den Softwarekonzern dasselbe wie asphaltierte Straßen für ein Transportunternehmen: Wege zum Kunden. Viel mehr braucht es nicht. Und seit in Ghana flächendeckend die Handys funken, schickt SAP seine Leute in den Busch.

Einer von ihnen ist Carsten Friedland. Der 36-Jährige kennt Afrika: Er wurde in Kapstadt geboren, neben dem deutschen besitzt er auch einen südafrikanischen Pass. »Technologien für aufstrebende Volkswirtschaften« sei sein Spezialgebiet bei SAP Research, dem Forschungszweig des Konzerns, so erzählt er. Äußerlich entspricht Friedland der landläufigen Vorstellung von einem deutschen Wirtschaftsinformatiker: ruhiger Typ mit Brille, weißes T-Shirt, etwas blass. Dabei verströmt er die Gelassenheit und Souveränität von Crocodile Dundee.

Friedland ist ein Pionier. Er erschließt der deutschen Wirtschaft neue Märkte, die überhaupt nicht wie neue Märkte aussehen, weil dort zwar viele Menschen leben, aber vor allem Menschen mit wenig Geld und wenig Bildung. Weltweit will SAP bis 2015 eine Milliarde Kunden haben, und da darf man sich nicht nur auf die Industrieländer beschränken. Man muss sie auch in Afrika suchen. Das ist Friedlands Job.

Leserkommentare
    • iboo
    • 07. November 2011 12:35 Uhr

    erfahren wir das endlich - dank SAP.

    3 Leserempfehlungen
  1. Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ag

    • gquell
    • 07. November 2011 12:54 Uhr

    Ich frage mich gerade, wie sich mit der SAP-Software ein Flughafen steuern läßt? Man kann vielleicht die kaufmännische Seite abdecken, aber von einer Steuerung kann nun wirklich nicht die Rede sein.

    Eine Leserempfehlung
  2. aha, hier sehen wir wie es anfaengt, unter dem Deckmantel der Rueckverfolgung...Kontrolle, wenn es gut fuer Darri laeuft, werden ihm Kredite angeboten, dank Sap kann der Dumping Preiskampf losgehen da jeder nur so kleine Produzent nun ausgespielt werden kann....alles bekannt........den Rest sehen wir dann in 10 Jahren.... einen Crash sauber dokumentiert von SAP

    • goddi
    • 07. November 2011 13:39 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Bitte achten Sie auf einen angemessenen Diskussionston. Danke, die Redaktion/lv

  3. also wenn es schon so ungenau anfängt, dann weiss man nicht, wie es weiter geht und was man überhaupt glauben kann. Denn Glo hat auf keien Fall vor einigen Jahren die Dörfer bunt - in ihrem Falle grün - gemalt, denn:
    "Glo Mobile Ghana will officially launch its operations in the country on November 17, 2011"
    Und wenn man hier schon von Farben schreibt, dann sollte man der Genauigkeit halber evlt. den 2-größten Mobilfunkbetreiber Tigo nicht unterschlagen...

    Da frage ich mich nun, sollte ich mich freuen, dass überhaupt einen Artikel über sub-saharan Afrika gibt oder dies Ungenauigkeit bedauern...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Lieber, liebe, liebes Old_Merker,

    danke für Ihre Anmerkung. Die grünen Hütten mit "Glo"-Logo sind da, in riesigen Mengen, und die Anstriche sind auch schon einige Jahre alt. Dass Glo erst, wie Sie schreiben, im November seine Dienste aufnehmen will, mag ja sein – ist aber kein Widerspruch. Streichen und Senden muss nicht zwingend gleichzeitig stattfinden, womöglich hat es diese Pläne aber früher mal gegeben.

    Was Tigo angeht, habe ich auch nichts unterschlagen. Den Betreiber gibt es natürlich – aber er hat keine Hütten bemalen lassen. Jedenfalls nicht in dem Umfang wie die anderen, mir sind auf meiner Reise keine "Tigo-Hütten" untergekommen.

    Mit besten Grüßen
    Marcus Rohwetter

    ... dem Autor hier rechtgeben. Habe selbst ein Jahr in Ghana gelebt (2010/2011) und Tigo-Hütten, die gibt's einfach nicht. Durch Schilder ist Tigo genauso präsent wie MTN oder Vodafone, aber an Hütten kann ich mich nicht erinnern.

    P.S. Glo-Hütten sind mir im Süden (Central, Greater Accra, Eastern und Volta) übrigens auch nie untergekommen, da das Unternehmen aber erst seit Kurzem in Ghana aktiv ist, kann sich in dem Jahr nach meiner Abreise da einiges geändert haben.

  4. Redaktion

    Lieber, liebe, liebes Old_Merker,

    danke für Ihre Anmerkung. Die grünen Hütten mit "Glo"-Logo sind da, in riesigen Mengen, und die Anstriche sind auch schon einige Jahre alt. Dass Glo erst, wie Sie schreiben, im November seine Dienste aufnehmen will, mag ja sein – ist aber kein Widerspruch. Streichen und Senden muss nicht zwingend gleichzeitig stattfinden, womöglich hat es diese Pläne aber früher mal gegeben.

    Was Tigo angeht, habe ich auch nichts unterschlagen. Den Betreiber gibt es natürlich – aber er hat keine Hütten bemalen lassen. Jedenfalls nicht in dem Umfang wie die anderen, mir sind auf meiner Reise keine "Tigo-Hütten" untergekommen.

    Mit besten Grüßen
    Marcus Rohwetter

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Ungenauigkeit"
  5. 8. danke

    hallo Hr.Rohwetter,
    jetzt wo ich den ganzen Artikel durchgelesen habe, bin ich dann doch eher dankbar für ihre Berichterstattung und MEHR davon - googlen sie dochmal nach ProCredit.
    Nur noch zu den Mobilfunkbetreibern:
    MTN Ghan - ca 50% Marktanteil
    Tigo GH - ca 20%
    Vodafone - ca 18%
    Airtel - ca 9%
    Expresso (ehemals Kasapa) - ca 2%
    Glo stammt aus Nigeria und steigt wirklich jetzt erst in den ghanäischen Markt ein - daher wohl diese Großaktion mit der grünen Farbe...
    Ein anderes interessantes Thema bzgl. Informationstechnologie in Afrika wäre evtl die Unterseeinternetverbindungen entlang der Ostafrikanischen Küste (SEACOM, EASSy & TEAMS) und was dies für Auswirkungen hat bzgl. Internetzugängen und damit verbundenen Kosten...
    Gruss aus der Ferne,
    old_merker

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