Der größte Buchungsfehler der Wirtschaftsgeschichte war den Schuldenwächtern nur eine kleine Meldung wert. Der deutsche Schuldenstand werde revidiert, und zwar wegen einer »Korrektur der Verbuchung für FMS Wertmanagement«, heißt es im Anhang einer Presseerklärung des europäischen Statistikamts Eurostat vom 21. Oktober dieses Jahres.

Vor zwei Wochen war das – und spätestens zu diesem Zeitpunkt waren die fehlerhaften Buchungen bei der Schrottbank der Hypo Real Estate öffentlich bekannt. Es dauerte aber noch eine ganze Woche, bis sich die Neuigkeit in Berlin herumsprach und eine Wucht entfaltete, die mittlerweile zu einer Gefahr für die Bundesregierung wird. Die ungewöhnliche Verzögerung ist nur eine der Besonderheiten in dieser bizarren Geschichte über den Verbleib von 55 Milliarden Euro . Es ist eine Geschichte, die niemanden gut aussehen lässt. Nicht die Banker und nicht den Staat.

Die Wurzeln der Malaise reichen ins vergangene Jahr zurück. In der Nacht auf den 1. Oktober 2010 schob der Bund den Bilanzmüll der in der Krise notverstaatlichten Hypo Real Estate in die neu geschaffene und ebenfalls staatliche FMS Wertmanagement. Ihr Auftrag: die Abwicklung des Portfolios – Problemkredite, Risikoanleihen und ganze Geschäftssparten im Wert von insgesamt mehr als 170 Milliarden Euro.

Die Transaktion war finanziell und juristisch schwierig – und es gab nur einen Vorlauf von wenigen Monaten. Alles ging zwar reibungslos über die Bühne, doch schon damals warnten Kenner der Materie vor drohenden Problemen. Der Grund: Der Bund wollte die Abraumhalde personell möglichst schlank halten. Keine neuen Stellen in großer Zahl, keine Personalverschiebung, keinen öffentlichen Ärger – so lautete die Devise. Gerade einmal 80 Köpfe zählt die FMS aktuell. So kommt es, dass das Institut viele operative Kernaufgaben eines Finanzhauses nicht selbst erledigen kann. Daher werden viele Buchungsvorgänge und die Vorarbeiten für die Erstellung der Bilanz weiter von der Hypo Real Estate erledigt, die heute als Deutsche Pfandbriefbank firmiert. Dort kümmern sich zahllose Mitarbeiter um das abgespaltene Institut statt um ihre eigene Bank und deren Zukunft.

Die komplizierte Organisationsstruktur macht den Bankern tagtäglich das Leben schwer. So sieht man das auch in Brüssel. Nach den Auflagen der Europäischen Kommission muss die Kooperation spätestens nach drei Jahren enden, mit Ablauf des Septembers 2013.

Aber die Sache ist noch verworrener. Die Deutsche Pfandbriefbank engagierte für die Buchungen und Vorarbeiten einen externen Dienstleister: Capco, eine internationale Beratung, spezialisiert auf die Finanzbranche, mit Niederlassung in Frankfurt. Sie erhielt den Auftrag, sich um die Daten der FMS zu kümmern, und setzte Mitarbeiter in Eschborn darauf an. Diese sollten die Daten an die Pfandbriefbank liefern, die ihrerseits alleiniger Ansprechpartner der FMS ist. Die Aufsicht über die FMS wiederum hat die Bundesanstalt für Finanzmarktstabilisierung in Frankfurt – die vom Bundesfinanzministerium in Berlin beaufsichtigt wird.

So begann eine muntere Zahlenschieberei zwischen München, Eschborn, Frankfurt und Berlin, die am Ende keiner mehr durchblickte. Die Mitarbeiter von Capco griffen auf Daten auf den Computern in München zu. Daten, mit denen sie bis dahin so wenig vertraut waren wie mit den Geschäften der FMS. Capco bereitete die Daten in Eschborn auf und übermittelte sie an die Deutsche Pfandbriefbank. Diese bearbeitete sie und leitete sie an die FMS weiter. Die FMS wiederum meldete das Material an die Finanzmarktstabilisierungsanstalt, die es an die Fachabteilungen des Berliner Ministeriums weiterleitete, die es an die EU übergaben – die dann den deutschen Schuldenstand berechnet.