Heavy-Metal-KreuzfahrtAuf Teufel komm raus

Viel Alkohol, noch mehr Dezibel und stürmischer Seegang: Eine Heavy-Metal-Kreuzfahrt von Stockholm nach Turku ist nichts für Leichtmatrosen. von Wolf Alexander Hanisch

Das Schiff ist eine Manifestation des Frohsinns. Auf seinem sahneweißen Rumpf prangen drollige Tierfiguren unter einem knallblauen Pippi-Langstrumpf-Himmel. Wie ein riesiger Kinderhort zu Wasser liegt die Galaxy im Stockholmer Hafen und wartet auf ihre Gäste. Aber sind sie das wirklich? Das Passagiergetümmel am Pier ähnelt den Horden Dschingis Khans. Es wimmelt von wilden Mähnen und tätowierten Glatzen, von Brauenringen, Stachelnieten und T-Shirts mit aufgedruckter Fegefeuerfantasie: »Fuck you, I’m from Hell« steht da, oder »Soldiers of the Apocalypse«. Die Typen schneiden fürchterliche Fratzen und fotografieren sich dabei. Ist doch lustig, denkt man zunächst. Aber dann fällt auf, dass kaum jemand lacht, wenn sich die Posen wieder lösen. Kein Augenzwinkern, kein ironischer Bruch. Und so keimt beim Einchecken ein Verdacht: Kann es sein, dass man tatsächlich zu einer Art Schlacht aufbricht? Zu einer Reise, die mehr sein soll als eine reine Vergnügungstour?

In den kommenden 23 Stunden wird die Galaxy unter der Flagge des Heavy Metal fahren. Das ist der böse Bruder des Hardrock und die einzige Musikkultur, die sich ihre Bürgerschreckattitüde bewahrt hat. Von Stockholm ins finnische Turku und zurück führt die Sweden Rock Cruise, die ein Festival-Veranstalter zweimal pro Jahr organisiert. An Bord eines gewöhnlichen Fährschiffs spielen jeweils sechs Bands von internationalem Rang. Die Tour ist ein Pflichttermin der Stockholmer Metalszene – neun von zehn der 2.000 Teilnehmer sind Schweden.

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Als die Menge am frühen Abend an Bord strömt, summt die Luft vom Geräusch der Rollkoffer. Die Kabinen sind neun Quadratmeter groß und sehen aus wie geschrumpfte Pensionszimmer aus den achtziger Jahren. Doch die Metalmenschen scheinen sich wohl darin zu fühlen. Die Türen links und rechts der endlosen Gänge stehen offen, Lärm wie von Baumaschinen dröhnt aus CD-Rekordern. Man sitzt sich auf Bett und Couch gegenüber wie im Zugabteil und brüllt einander an. Frauen sind eher rar. Umso mehr trumpfen die wenigen auf – mit toupierten Haaren, Plateaustiefeln, Strapsen.

Route der Heavy-Metal-Cruise
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Klicken sie auf das Bild, um die Karte zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Verchromte Treppen führen von den Wohndecks hinunter auf zwei Ebenen mit Läden, Bars und Restaurants. Der Kindergarten wird gerade verriegelt, dafür ist der Supermarkt bereits rammelvoll. Er bietet Feierstimmung in Flaschen an. Weil das Schiff die finnische Insel Åland anfahre und die einen Sonderstatus der EU habe, könne die Reederei Alkohol steuerfrei verkaufen, erzählt ein Kassierer. Ideal für trinkfreudige Kreuzfahrt-Passagiere.

Und erst recht für Heavy-Metal-Fans. Noch während die Galaxy ablegt und hinter den Bullaugen die Hafenanlagen im grünen Laternenschein vorbeiziehen, glüht die Meute vor. Im gediegenen Pub kann man auch Männer in ihren grauen Jahren beim Grimassieren und Luftgitarrespielen beobachten. Zum Beispiel die Clique, die direkt vor dem DJ Platz genommen hat. Die Knie der Endfünfziger zittern das nähmaschinenhafte Geknüppel der Double Bass Drums mit. »Young Offenders! Know your Rights!«, warnt einer der Sprüche auf ihren T-Shirts. Doch die Herren bleiben friedlich und johlen nur gemeinsam auf, wenn der nächste Klassiker von Iron Maiden losdrischt. Das Werbeschild auf dem Tresen beachtet niemand. Eine Stockholmer Klinik preist darauf ihre Tinnitus-Therapien an.

Dann dröhnen Live-Riffs aus dem Starlight Palace herüber. Der Saal liegt gleich nebenan und wurde mit seinen bordeauxroten Polstermöbeln offensichtlich für Fünf-Uhr-Tees eingerichtet. Hier finden alle Konzerte statt. Als erste Band stehen Helix auf der Bühne. Doch die Stimmung ist noch ein wenig klamm. Vielleicht liegt es an der Musik, die bestenfalls Spuren von Metall enthält. Sie wirkt so brav wie der Sänger, der mit seinem Lederhut an Crocodile Dundee erinnert.

Die nächste Gruppe heißt Dark Funeral und spielt Black Metal. Das ist der Gruselzweig im Genrestammbaum des Heavy Metal. Leichenweiß geschminkt, betritt der Sänger im Kettenhemd die Bühne – und man glaubt, der Leibhaftige selbst sei an Bord. Seine gravitätischen Gesten, sein stechender Blick, seine ganze herrische Autorität machen fast vergessen, dass alles Maskerade ist. Als er und seine Spießgesellen beginnen, formen die Hände des Publikums den internationalen Metalgruß: die Zeige- und Kleinfinger gereckt, die anderen abgeknickt – eine Geste, die an Teufelshörner erinnern soll. Die Musik ist eine düstere Wand aus Krach. Erst nach und nach schälen sich Strukturen heraus wie beim Betrachten eines monochromen schwarzen Gemäldes. Die Stücke heißen King Antichrist, Diabolis Interium oder Vobiscum Satanas. Wie gut, dass der fauchende Gesang des Beelzebubs im Klanggewitter unverständlich bleibt.

Leserkommentare
    • TDU
    • 07. November 2011 16:11 Uhr

    Schlager: Eine Seefahrt die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön... Scheint zu stimmen.

  1. Dass Lächeln auf der Bühne ein "klarer Verstoß gegen das Ingrimmgebot der Metal-Etikette" ist ein Beweis dafür, dass der Autor trotz der Zeit an Bord nichts verstanden hat.

  2. Exodus schnell? Grenzbereich?
    [...] Exodus ist eine old-school thrash-metal Band, der Stil galt schon vor 20 Jahren nicht mehr als "hart" im Vergleich zum black und v.A. deathmetal. Spieltechnisch sind die alles Andere als anspruchsvoll, und im spielerischen Grenzbereich bewegen sie sich schon garnicht, das machen z.B. Origin oder Defeated Sanity.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie höflich. Danke. Die Redaktion/sc

  3. ...ich muss den Text wohl wirklich aus der Sicht einer Person lesen, die keinen Bezug zu dieser Musik hat und von einer Person geschrieben wurde, die ebenso wenig Bezug zu dieser Musik hat. Also bleiben wir einfach sachlich: "Trash-Metal" gibt es nicht, sondern nur "Thrash-Metal".

    • Dimebag
    • 07. November 2011 17:08 Uhr

    Gekürzt. Bitte begründen Sie Ihre Kritik mit sachlichen Argumenten und verzichten Sie auf Unterstellungen. Danke. Die Redaktion/sh

  4. Entfernt. Bitte bleiben Sie höflich. Danke. Die Redaktion/sc

  5. Entfernt. Über konstruktive Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

  6. Redaktion

    Sehr geehrte Leser,

    wir haben den Schreibfehler verbessert. Vielen Dank für den Hinweis.

    Viele Grüße aus der Redaktion.

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