Wolf Biermann: "Im Paradies würde ich vor Langeweile sterben"
Der große Skeptiker Wolf Biermann wird 75. Ein Gespräch über falsche Hoffnungen und woran man trotzdem glauben kann.
DIE ZEIT: Herr Biermann, Sie waren gefürchtet als Freiheitssänger und werden geliebt für ketzerische Verse wie: »Ich half mir selbst, drum hilft mir Gott.« Glauben Sie insgeheim auch an irgendwas?
Wolf Biermann: Glauben finde ich jedenfalls noch interessanter als Freiheit.
ZEIT: Obwohl Sie Atheist sind?
Biermann: Was soll man über Freiheit Neues sagen? Über den Glauben rede ich gerne ein bisschen, weil er in allen Phasen meines Lebens fast so wichtig war wie die Freiheit.
ZEIT: Auch bei Ihrem Rausschmiss aus der DDR?
Biermann: Aber ja! Beim Kölner Konzert 1976, als ich zum ersten Mal nicht in der Küche oder im Wohnzimmer sang, sondern vor 8000 Menschen, krähte ich die Zeile: »Freiheit von Freiheitsdemagogie«. Ich glaube an die Freiheit, aber weiß, dass die Gläubigsten immer gefährlich und gefährdet sind. Hitler hat ja anfangs große Reden über Frieden und Freiheit gehalten, und das war nicht gelogen. In der Hinsicht war Hitler eine ehrliche Haut. Nur meinte er eben seinen rassisch reinen Friedhofsfrieden und die Freiheit zum Völkermord.
ZEIT: Sie haben als Kind Hamburger Kommunisten auch an hehre Ziele glauben gelernt.
Biermann: Mein Vater saß seit 1937 zum zweiten Mal im Gefängnis, und meine Mutter hatte den Ehrgeiz, aus mir einen kleinen Retter der Menschheit zu machen, der nebenbei noch Hitler umbringt. Das haben dann andere für mich getan, die Soldaten der sowjetischen Armee vor allem. Aber ich wurde bestens dressiert auf die klassenlose Gesellschaft, in der es keine Ausbeutung gibt, also keine Unterdrückung, also keine Heuchelei. Das war mein Glück.
ZEIT: Wieso Glück?
Biermann: Weil ich mich sonst in der DDR nicht so gut hätte wehren können. Ohne die Illusion, dass ich der richtige Kommunist bin und im Politbüro die falschen sitzen, hätte ich vielleicht nicht den Mut gehabt, zu widerstehen. Da hätte ich gleich gebettelt, dass sie mich in den Westen lassen.
ZEIT: Warum wollten Sie Freiheit nicht geschenkt?
Biermann: Die Freiheit muss man sich nehmen. Wenn der Zar versucht, die Leibeigenschaft abzuschaffen, dann kommen nur ein paar Freiheiten raus. Beachten Sie den Plural! Freiheiten werden gewährt von oben nach unten. Freiheit erzwingt man von unten nach oben.
ZEIT: Klingt ziemlich klassenkämpferisch.
Biermann: Trotzdem glaube ich nicht mehr an die soziale Idylle, wo »alle Menschen Brüder« werden, wie es bei Schiller heißt, und wo biblisch gesprochen »der Löwe Gras frisst«. Im Kommunismus frisst der Löwe den Schafen auch das Gras weg, bevor er die Schafe selber frisst und die Hirten dazu. Das nenne ich Endlösung der sozialen Frage. Ich gebrauche das giftige Wort absichtlich, weil der größte Teil meiner Familie Juden waren, die an der Endlösung der Judenfrage kaputtgegangen sind: Erst hat man sie von Hamburg nach Minsk deportiert, vorher mussten sie noch eine Eisenbahnkarte lösen für »einfache Fahrt zum verbilligten Tarif ohne Retour«, und dann wurden sie in die Grube geschossen. Mein Vater hätte beinahe überlebt, weil er als politischer Widerständler im Gefängnis saß. Erst als er 1943 entlassen werden sollte, merkten die Nazis, dass er nebenbei auch noch Jude war, und schickten ihn nach Auschwitz. Meine Mutter erfuhr es durch den Gefängnispfarrer.
ZEIT: Da waren Sie sechs Jahre alt.
Biermann: Meine Mutter wollte, dass ich die Mission des Vaters vollende. Später lernte ich, dass von zehn deutschen Kommunisten, die es schafften, sich vor den Nazis in die Sowjetunion zu retten, neun liquidiert wurden. Stalins Verbrechen schmerzen mich natürlich mehr als die von Hitler.
ZEIT: Warum?
Biermann: Weil das meine Leute waren. Die hatten schöne Ideen vom Himmelreich auf Erden, die aus der Aufklärung und dem Christentum kamen. Aber wenn Hitler 64000 Kommunisten tötete, dann tötete Stalin allein zwei Millionen kommunistische Kader. Niemand hatte in Moskau schlechtere Überlebenschancen als der, der beides war, Kommunist und Jude. Deswegen muss ich grauenhaft froh sein, dass mein Vater von den Nazis ermordet wurde und nicht von seinen eigenen Genossen.





Ich habe das Biermann-Interview schon am Donnerstag in der Printausgabe der ZEIT gelesen. Es ist das absolute Highlight der Ausgabe von dieser Woche.
Vielen Dank der ZEIT für dieses Interview, und alle guten Wünsche für Wolf Biermann.
Biermann: "Im Paradies würde ich vor Langeweile sterben"
Rest der Welt: "Dies ist, was das Paradies zum Paradies macht"
Biermann: "Im Paradies würde ich vor Langeweile sterben"
Rest der Welt: "Dies ist, was das Paradies zum Paradies macht"
Wahrlich ein Gedanke, mit dem ich mich nicht anfreunden kann.
Hat er doch zu Zeiten der DDR dem Volk bei der Beseitigung der "Mauer" geholfen - das ist wahr.
Besonders seine Zeit als "Liedermacher" in der Bundesrepublik war er doch das Aushängeschild der "Bürgerbewegung" der DDR.
Heute ist es doch recht ruhig um den "Liedermacher" Biermann geworden.
Warum spielt er heute nicht mehr seine alten und neuen Lieder vor den Jobcentern und Arbeitsagenturen, den Bundeswehr-Kasernen oder auf der Wiese vor dem Deutschen Bundestag?
Diese Gesellschaft gibt doch viel Zündstoff für "kommunistisches" Gedankengut und wenn Herr Biermann ein richtiger Kommunist ist wie er vorzugeben scheint, warum spielt er nicht für all jene Leute, die nach der Wende ihre Jobs in der Heimat und andere Habseligkeiten an bundesdeutsche "Alteigentümer" verloren haben?
Darf er es nicht oder hat er keine Ideen mehr?
Vielleicht wird er jetzt von denen tot geschwiegen, die ihn einst als Vorkämpfer der friedlichen Revolution ins Feld geschickt haben?
Oder hat er schlichtweg seine "Schäfchen" so in "trockenen Tüchern", dass er sich nun seinem "kommunistischen" Ruhestand gönnen kann und das ohne einen Antrag für die Hilfe zum Lebensunterhalt zu stellen wie so mancher Rentner, der über 45 Jahre hart gearbeitet hat - egal ob in Ost- oder Westdeutschland?
Auch und gerade ein Rebell wie Biermann hat ein Recht auf einen ruhigen Lebensabend, lieber Wendelin, jetzt ist Ihre Generation dran. Nur zu.
Die "Schäfchen in trockenen Tüchern" sind übrigens ein köstliches Bild. (Man stelle sich das vor. Nur noch die Köpfe gucken raus, am besten "auf Augenhöhe" mit dem Betrachter.) Ein trockener Stall reicht schon, denke ich. Aber ne tolle Stilblüte. ;-)
Steht alles im Interview. Manès Sperber hat ihn mit einem vergifteten Kompliment vom Kommunismus geheilt, nachdem Biermanns Herz noch daran geglaubt hat, sein Kopf aber schon nicht mehr.
Als echter Kommunist, der die unechten Kommunisten kritisiert war er unschlagbar. Aber jetzt, wo er kein Kommunist mehr ist, hat er diesen Charme verloren. Die dicke Lippe, die ihn so syphatisch macht, hat er immer noch. Aber mit dem was er sagt, kann ich nichts mehr anfangen.
Schade eigentlich.
Auch und gerade ein Rebell wie Biermann hat ein Recht auf einen ruhigen Lebensabend, lieber Wendelin, jetzt ist Ihre Generation dran. Nur zu.
Die "Schäfchen in trockenen Tüchern" sind übrigens ein köstliches Bild. (Man stelle sich das vor. Nur noch die Köpfe gucken raus, am besten "auf Augenhöhe" mit dem Betrachter.) Ein trockener Stall reicht schon, denke ich. Aber ne tolle Stilblüte. ;-)
Steht alles im Interview. Manès Sperber hat ihn mit einem vergifteten Kompliment vom Kommunismus geheilt, nachdem Biermanns Herz noch daran geglaubt hat, sein Kopf aber schon nicht mehr.
Als echter Kommunist, der die unechten Kommunisten kritisiert war er unschlagbar. Aber jetzt, wo er kein Kommunist mehr ist, hat er diesen Charme verloren. Die dicke Lippe, die ihn so syphatisch macht, hat er immer noch. Aber mit dem was er sagt, kann ich nichts mehr anfangen.
Schade eigentlich.
Auch und gerade ein Rebell wie Biermann hat ein Recht auf einen ruhigen Lebensabend, lieber Wendelin, jetzt ist Ihre Generation dran. Nur zu.
...unterscheiden lediglich 22 Lebensjahre.
Genau wie Biermann war ich mal ein Kommunist - bis ich 1984 wegewn "Verlassens des m-l Klassenstandpunktes" aus der Partei flog.
Leider wurde mir keine "Ausbürgerung zu Teil, weil ich nicht Gitarre spielen konnte und eben so mal ein einfacher Angestellter war, der seinen gesunden Menschenversatand gebrauchte.
Dieser Verstand sagte mir auch, dass die Wende uns Ostdeutsche unsere Identität und Arbeitsplätze kosten wird und alle sozialen Errungenschaften, einschließlich des Menschenrechtes auf Arbeit, "in die Tonne getreten" werden.
... und schon wurde ich wieder als "Kommunist" beschimpft, der ich schon über Jahre nicht mehr war und auch nicht mehr sein möchte.
Mein gesunder Menschenverstand hat leider Recht behalten.
Herr Biermann sollte aber eines nicht vergessen:
Das was er wurde, das wurde er auch mit Hilfe des Landes, dessen Regime er kritisierte.
Nur Bestand dieses Land nicht nur aus SED-Bonzen und Stasi-Leuten, sondern auch aus einfachen Menschen, die sich -mehr oder weniger- mit diesem Staat identifizierten und arrangierten.
OHNE DIESE DDR WÄRE HERR BIERMANN NICHT DAS GEWORDEN, WAS ER HEUTE IST!
Jedenfalls hat er sich seinen "Ruhestand" doch finanziell besser gesichert als so mancher DDR-Bürger, der heute von Hartz IV leben muss - egal ob verschuldet oder unverschuldet.
...unterscheiden lediglich 22 Lebensjahre.
Genau wie Biermann war ich mal ein Kommunist - bis ich 1984 wegewn "Verlassens des m-l Klassenstandpunktes" aus der Partei flog.
Leider wurde mir keine "Ausbürgerung zu Teil, weil ich nicht Gitarre spielen konnte und eben so mal ein einfacher Angestellter war, der seinen gesunden Menschenversatand gebrauchte.
Dieser Verstand sagte mir auch, dass die Wende uns Ostdeutsche unsere Identität und Arbeitsplätze kosten wird und alle sozialen Errungenschaften, einschließlich des Menschenrechtes auf Arbeit, "in die Tonne getreten" werden.
... und schon wurde ich wieder als "Kommunist" beschimpft, der ich schon über Jahre nicht mehr war und auch nicht mehr sein möchte.
Mein gesunder Menschenverstand hat leider Recht behalten.
Herr Biermann sollte aber eines nicht vergessen:
Das was er wurde, das wurde er auch mit Hilfe des Landes, dessen Regime er kritisierte.
Nur Bestand dieses Land nicht nur aus SED-Bonzen und Stasi-Leuten, sondern auch aus einfachen Menschen, die sich -mehr oder weniger- mit diesem Staat identifizierten und arrangierten.
OHNE DIESE DDR WÄRE HERR BIERMANN NICHT DAS GEWORDEN, WAS ER HEUTE IST!
Jedenfalls hat er sich seinen "Ruhestand" doch finanziell besser gesichert als so mancher DDR-Bürger, der heute von Hartz IV leben muss - egal ob verschuldet oder unverschuldet.
Die "Schäfchen in trockenen Tüchern" sind übrigens ein köstliches Bild. (Man stelle sich das vor. Nur noch die Köpfe gucken raus, am besten "auf Augenhöhe" mit dem Betrachter.) Ein trockener Stall reicht schon, denke ich. Aber ne tolle Stilblüte. ;-)
"Biermann: Als ich von der Bühne runterkam, stand da der weißhaarige Präses Kurt Scharf und musste eine wutschnaubende Frau beruhigen. Er umarmte sie, wie es die erfahrenen Pfleger in der Irrenanstalt tun, und rief: »Wolf Biermann ist ein besserer Christ als wir! Wer an den Menschen glaubt, glaubt an Gottes Sohn.«"
Es ist kaum zu glaube, aber die evanglische Kirche war in den 80ern noch gottloser und dümmer als heute. Heute ist sie immerhin so weit, die Scherben ihres einstigen Glaubens zusammenzufegen, damals tanzte sie noch darauf.
"Warum spielt er heute nicht mehr seine alten und neuen Lieder vor den Jobcentern und Arbeitsagenturen, den Bundeswehr-Kasernen oder auf der Wiese vor dem Deutschen Bundestag?"
Nun ich hätte nicht gegen die Vorstellung, dass der deutsche Bundestag von dem dichtenden Barden gequält wird, aber vor Jobcentern und Arbeitsagenturen? Sind diese Menschen nicht schon genug bestraft?
Biermann hat in den 80er Jahren, nachdem er längst ausgebürgert war und in der BRD lebte -so schöne Reime gedichtet wie: "Deutschland braucht eine KP wie ich sie unter Spaniens Sonne reifen seh´" (aus der LP "Eins in die Fresse mein Herzblatt)". Als dann nach 89 seine Karriere als Antikommunist begann, hat er zwar mit seiner Haltung gebrochen, aber wenigstens ist er sich in der Qualität seiner Reime treu geblieben. Heute ist es still um ihn. Ja vielleicht gibt es doch so etwas wie Gerechtigkeit.
In one of the most first famous sentences ever written Marx and Engels wrote in their Communist Manifesto: "The history of all hitherto existing societies is the history of class struggle." They also claimed that "oppressor and oppressed stood in constant opposition to one another." They predicted then that this class struggle will end "either in a revolutionary re-constitution of society at large or in the common ruin of the contending classes." I think we are currently not too far from the latter prediction.
Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Kommentare, die als beleidigend verstanden werden. Danke, die Redaktion/jz
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