Harry Potter, der Realist

Was macht Harry Potter so viel erfolgreicher als seine Kollegen Merlin, Petrosilius Zwackelmann, Miraculix und Pan Tau? Ganz einfach: Er ist ein Kind. Einer, der in die Schule gehen muss, um das Zaubern zu lernen, und der bei dem Versuch, sich mithilfe von Flohpulver von einem Ort an einen anderen zu zaubern, aus Versehen woanders landet. Einer, der eine Brille trägt und eine komische Narbe auf der Stirn hat. Einer, der kein Anführertyp ist, sondern der sich fürchtet vor all dem, was er angeblich kann, vor den Erwartungen, die in ihn gesetzt werden. Einer, der groß werden muss und gar nicht weiß, wie das gehen soll – welches Kind sollte sich in dieser Story nicht wiederfinden?

Es geht in Harry Potter ständig um Moral und um Traditionen, die gewahrt werden müssen, dauernd erfährt Harry auf dem Internat Schloss Hogwarts von irgendwelchen Regeln, die eingehalten werden müssen, wenn nicht ein Unheil geschehen soll. Es ist also alles wie im wirklichen Leben. Und es ist nichts wie im wirklichen Leben. Autos können fliegen, Menschen können durch Wände gehen, und vor allem können Kinder unglaubliche Dinge, die normale Erwachsene, die bei Harry Potter Muggel heißen, nicht können. Insofern ist die magische Anziehungskraft von Harry Potter dieselbe, die Kinder noch heute den Grönemeyer-Hit Kinder an die Macht mitgrölen lässt, es ist die Fantasie, dass die Schwachen stark sind.

Tanja Stelzer

Twilight, die Sexbesessenen

Ein Vampir und ein Werwolf kämpfen um ein Mädchen, das Mädchen und der Vampir werden ein Paar, knutschen hemmungslos, aber mehr geht nicht, da der Vampir sonst die Kontrolle verlieren und seine Zähne in den Hals des Mädchens schlagen würde. Die Familie des Vampirs hat übrigens aus moralischen Gründen dem Menschenblut abgeschworen und saugt nur Tiere aus, was andere Vampirfamilien doof finden und schlimme Streitigkeiten nach sich zieht. Kurz: Die Geschichte von Twilight ist hanebüchener Quatsch – aber irre erfolgreich. Stephenie Meyer hat mit ihren Twilight -Büchern weltweit mehr als 100 Millionen Leser, die Verfilmung des dritten Teils schauten sich allein am ersten Wochenende in Deutschland eine Million Zuschauer an. Warum nur?

Um das herauszufinden, muss man sich die Filme ausleihen (und hoffen, dass man in der Videothek keinen Bekannten trifft). Dann sieht man, dass Kristen Stewart als Bella Swan viel eigensinniger ist, als ihr Rollenname es vermuten lässt. Und Robert Pattinson, der größte Teenagerschwarm vor Justin Bieber, sieht mit seinem weiß geschminkten Gesicht zwar reichlich blass aus, aber er ist als Vampir Edward stark und gefährlich, rettet Bella ständig das Leben, kann Gedanken lesen, hat bernsteinfarbene Augen und spielt Debussy auf dem Klavier. Das heißt: Er trifft direkt ins Herz verträumter Teenagermädchen.

Dann wäre da noch das mit dem Sex: Stephenie Meyer wurde vorgeworfen, ihre Geschichte sei Keuschheitspropaganda. Mag sein, aber vor allem ist die Tatsache, dass Bella und Edward ständig an Sex denken, ihn aber nicht haben dürfen, der beste Cliffhanger, den Meyer sich ausdenken konnte. Denn auf nichts warten alle Fans sehnlicher, als dass es endlich passiert. Im November wird es tatsächlich so weit sein, wenn der vierte Teil ins Kino kommt (natürlich werden die beiden vorher heiraten, darauf legen Vampire und romantische Teenager Wert).

Anna Kemper