So geht mein Tag los: »Conni, Conni – meine Freundin Conni . Conni, du bist immer für mich da.« Den Titelsong der Conni -Hörspiel-CDs singen meine Töchter, sie sind vier und sechs Jahre alt, jeden Morgen in mein Ohr. Lieder, die man morgens hört, bekommt man den ganzen Tag nicht mehr aus dem Kopf. Ohne es zu wollen, summe ich also »meine Freundin Conni«. Dabei bin ich Connis Feind.

Conni ist ein Mädchen mit blondem Pferdeschwanz, das meist in einem rot-weiß geringelten Pullover herumläuft und vom Carlsen Verlag verbreitet wird. Und Conni wohnt bei uns. Morgens, wie gesagt, begrüßt mich Conni aus den Kehlen meiner Kinder, tagsüber kichert sie aus dem CD-Player. Und abends muss ich aus Conni -Heften vorlesen: Conni lernt reiten, Conni im Krankenhaus, Conni auf dem Bauernhof, Conni geht zum Zahnarzt . Conni, Conni, immer wieder Conni.

Das Mädchen ist eine Figur, die die Kinderbuchautorin Liane Schneider 1992 erfunden hat: Ein ganz normales Kind erlebt normale Alltagssituationen. Kinder lieben Conni, weil sie durch sie die Welt kennenlernen. Wie es ist, Weihnachten zu feiern, wie es ist, einen kleinen Bruder zu bekommen, wie es ist, sich zu verlaufen. Das ist alles bestimmt pädagogisch wertvoll. Das Problem ist: Ich selbst weiß das alles bereits. Ich muss mir das nicht immer wieder neu erarbeiten — jedenfalls nicht jeden Abend.

Die Spannungskurve von Conni -Geschichten ist so flach wie Tuvalu. Sogar ein Telefonbuch hat mehr Humor zwischen den Zeilen. Meistens schlafe ich beim Vorlesen der Geschichten vor meinen Kindern ein. Ich frage mich, warum ein so effektives Narkotikum nicht verschreibungspflichtig ist. Wie viele Heftchen sind wohl tödlich? Und woher kommen die Dinger überhaupt? Ich habe Conni nicht eingeladen. Sie infiltriert die Haushalte von alleine. Conni -Hefte sind ein beliebtes Mitbringsel von Verwandten. Der Besuch geht – Conni bleibt.

Natürlich gibt es massenhaft fantasielose Kinderliteratur. Warum rege ich mich ausgerechnet über Conni so auf? Was hat sie mir getan? Vielleicht liegt es daran, dass ich mich selbst mit den Charakteren vergleiche. Conni lebt in einer Welt, die auch meine sein könnte: zwei berufstätige Eltern, zwei Kinder. Doch bei Conni gibt es nichts Schlechtes. Connis Mama lächelt immer. Connis Papa schimpft nie, und er hat ganz viel Zeit für seine Kinder. Er will nie einfach nur Bier trinken und an die Wand starren.

Der Typ ist mir über. Gegen ihn kann ich einpacken – ich hoffe, meine Töchter haben das noch nicht herausgefunden. Und Conni? Sie ist so, wie die Mädchen, die ich schon in der Schule nicht ausstehen konnte. Eben jene, die mühelos gute Noten schrieben, ohne dafür viel lernen zu müssen. Die die Lieblinge der Lehrer waren. Die dauernd gute Laune hatten, denen alles im Leben leichtfiel, mit denen die meisten Kinder in der Klasse befreundet waren. Und die nichts mit mir zu tun haben wollten. Damals wollte Conni nicht meine Freundin sein. Jetzt kann ich darauf verzichten. Meine Töchter allerdings nicht.

»Das versteht du nicht, warum ich Conni mag«, sagte meine ältere Tochter neulich. Sie hat recht. Jeder Vater muss sich irgendwann einfach mit den Freunden seiner Kinder abfinden. Man kann gar nicht früh genug damit anfangen.