GlobalisierungDie Natur ist kein Trost mehr

Zählt in der globalisierten Welt noch das nationale Argument? Verändert der Klimawandel die Geschichtsschreibung? Fragen an den indischen Historiker Dipesh Chakrabarty

DIE ZEIT: Sie sind für 24 Stunden im krisengeschüttelten Europa gelandet. Wie sieht der Kontinent heute für den Europakenner und indischen Historiker aus Chicago aus?

Dipesh Chakrabarty: Von Berlin aus mag Europa wie ein Kontinent aussehen, der von der Krise geschüttelt wird. Aber bei allem Respekt: Die bedrängenden Probleme der Welt sind doch globale Knappheitskrisen. Sie zeigen sich im Klimawandel, in der Ernährungsfrage, bei der Wasserversorgung. Im Weltmaßstab betrachtet, ist Europa eine Provinz, es sollte nicht im Zentrum der historischen Einbildungskraft stehen. Aber es ist jedermanns Provinz, das europäische Erbe ist jedermanns Erbe. Wir sollten uns heute danach umschauen: Wer denkt nicht nur über die eigene nationale Volkswirtschaft nach, sondern über die Menschheit als Ganzes? Wir müssen eine Politik des Gemeinguts erfinden.

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ZEIT: Zusammen mit China?

Chakrabarty: Na ja. China mag ökonomisch eine Supermacht werden, aber wenn es um die Frage geht, welche Ideen für ein gelingendes menschliches Leben die Welt beeinflussen können, steht China nicht gut da. Ich frage die Intellektuellen dort oft, ob es denn ihr Wunsch ist, die Welt mit ihren Ideen zu prägen, so wie es Voltaire, Kant oder Marx im Sinn hatten – oder ob es für sie nur China gibt.

ZEIT: Und für die Inder nur Indien?

Chakrabarty: Tatsächlich frage ich dasselbe meine indischen Freunde: Wollt ihr nur Indiens Wohlstand mehren oder die Welt durch die Macht der Kunst, der Wissenschaft, der Gedanken verändern? Wollt ihr Indien voranbringen oder die Menschheit? Warum erscheint zu fast allen Kernfragen das Standardwerk in Europa – und in Asien verfasst man die partikularen Studien für den Hausgebrauch? Der Westen hat das Weltverständnis aller Bewohner der Welt geprägt, unabhängig von ökonomischen und nationalen Fragen. Inder aus der Kaste der Unberührbaren, die heute für ihre Rechte kämpfen, haben sich Europas Gedanken zu eigen gemacht.

Dipesh Chakrabarty

In Kalkutta hat er einen Abschluss in Physik gemacht, es folgte ein Diplom in Business Management, dann promovierte er in Australien in Geschichte und wurde bald zu einem der angesehensten Historiker der Welt.

Postkolonialismus

Dipesh Chakrabarty gehörte in den achtziger Jahren zu den Begründern der kritischen Subaltern Studies, die den Stimmlosen der Geschichte eine Stimme geben wollten. Er wurde neben Edward Said zu einem der wichtigsten Autoren des Postkolonialismus, der gegen den Überlegenheitsgestus des Westens auftrat. Heute ist der 63-Jährige Professor für Geschichte an der Universität Chicago.

Publikationen (Auswahl)

Mit seinem Buch Provincialising Europe (2000) prägte Chakrabarty eine neue, relativierende Wahrnehmung Europas. Eine Auswahl daraus erschien 2010 auf Deutsch: Europa als Provinz. Zurzeit arbeitet er an einem Werk über Klimawandel und Geschichte.

ZEIT: Über den Menschen als Gattung nachzudenken ist keine europäische Spezialität. Von Indien aus haben der Dichter Rabindranath Tagore oder Gandhi mit ihrem Werk weltweit gewirkt.

Chakrabarty: Ja, Gandhi hat den Menschen ein Leben gezeigt, das sich nicht im Konsum erschöpft. Er hat nicht nur weltweit gewirkt, er war, wie Tagore, außerdem weltoffen. Beide waren nicht antiwestlich gestimmt, wie es heute mancher indische Intellektuelle ist. Gandhis Wirkungsmacht gründete in seiner Offenheit für die Einflüsse des Christentums, für die Tradition des Vegetarismus, die Philosophie Tolstojs oder David Thoreaus. Er hat diese Traditionen in die eigene Philosophie übersetzt.

ZEIT: Vielleicht müssen Gesellschaften nicht europäisch erfinderisch sein, vielleicht reicht es ja, wirtschaftlich stark zu sein, um die Armut hinter sich zu lassen.

Chakrabarty: Warum will Shanghai aussehen wie das neue Manhattan? Wenn man sich mit Nachahmung begnügt, drängt sich die Frage nach der Legitimität des Führungsanspruchs doch auf. Noch verhalten sich Indien und China wie Nachahmer. Gandhi wollte nicht einfach die westlichen Wege in die Moderne imitieren, er hatte etwas anderes vor.

ZEIT: Der Klimawandel, sagen Sie, zwingt uns, auch den Blick auf die Geschichte zu verändern.

Chakrabarty: Wenn heute Inder und Chinesen Kohlekraftwerke bauen, begründen sie das damit, dass sie billige Energie brauchen, um aus der Armut herauszufinden, in die sie die Kolonisatoren allzu lange gezwungen haben. Aber warum haben sie nicht den Ehrgeiz, der Welt stattdessen zu zeigen, dass es Alternativen gibt? Warum ist es wiederum Europa, das mit dem Ehrgeiz auftritt, auf erneuerbare Energien umzustellen, und zwar demokratisch? In Asien denkt man noch zu wenig in Begriffen der Menschheit, die durch sich selbst bedroht ist.

ZEIT: Aber der Gedanke einer handlungsfähigen Menschheit ist romantisch. Jeder handelt irgendwo irgendwie, aber nicht alle gemeinsam...

Chakrabarty: ... natürlich existiert die Menschheit nicht als handlungsfähiges Subjekt, wie man sich das Proletariat als Subjekt der Geschichte vorgestellt hat. Die Unterschiede zwischen uns Menschen sind zu groß. Nur: Wenn wir uns nicht einen Raum denken, in dem die Menschheit politisch handelt, dann bleiben nationale Interessenkonflikte übrig, aus denen heraus China oder Indien auf dem Bau von zahllosen Kohlekraftwerken bestehen und der Konflikt um sauberes Wasser in regionalen Kriegen ausgetragen wird.

Leserkommentare
  1. Es freut, wenn endlich einmal wieder der Begriff des Weltbürgers erwähnt und weiterentwickelt wird.

    Bitte mehr solche Beiträge!

    • tobmat
    • 08.11.2011 um 16:00 Uhr

    "Die Natur bewegt sich nicht mehr zyklisch in immer gleichen trostreichen Kreisläufen, wie man es von Vico bis Braudel dachte."

    Der Herr sollte mal Gedichte über die Natur aus den unterschiedlichen Epochen lesen. Dann wird er merken, das die "immer gleichen trostreichen Kreisläufen" noch nie existierten. Das zeigt sich insbesonder auch in der Literatur.

    • Chaled
    • 09.11.2011 um 8:24 Uhr

    Wenigstens haben Sie die Überschrift von
    "Klimapolitik muss in die Geschichte jedes Dorfes eingebunden sein" in "Die Natur ist kein Trost mehr" geändert.
    Die falsche Intension des Artikels wird in der Ersteren überdeutlich.
    Ansonsten empfehle ich Herrn Chakrabarty auch noch in Physik zu promovieren und nicht nur romantischen Träumen nachzugehen. Möglicherweise werden seine Interviews dann eine größere Schnittmenge mit der Natur und dem tatsächlichen Leben aufweisen.

    Eine Leserempfehlung
    • Varech
    • 09.11.2011 um 10:05 Uhr

    ... ist ganz und gar unverdaut geblieben. Ein Text aus lauer Luft, geeignet, Teilnehmer an Wochenendseminaren einzuschläfern.

  2. hat Anfang der 70 ziger geschrieben, wenn wir so weiter machen sehen wir in 40 Jahren die Sonne nicht mehr. Damals war ich als junger Student nicht abgeneigt, den Theorien zu folgen. Heute sehe ich die Problem unserer Welt immer noch, aber wirklich geändert hat sich nur sehr wenig. So lange noch Öl und Gas fließen, wird sich nicht viel ändern. Allerdings wird nach dem "Ölzeitalter" die Energie so teuer, das es sich nur noch wenige Menschen behaglich machen können. Es lösen sich eine Reihe von Problemen nicht in Luft auf, sie sterben aus. Aber ich werde diese Zeit wohl kaum erleben... Was wir Menschen daraus machen, ich habe keine Vorstellung! Der Mikrokosmos Dorf ist wahrscheinlich sehr viel lebensfähiger als die Urbanen Siedlungen, es wird große Löcher in der Landschaft geben, da wo einst die Städte standen! Aber, Lösungen hat es immer gegeben, sie werden auch weiter gefunden! Bleiben wir Optimisten!

    • CGB
    • 11.11.2011 um 19:29 Uhr

    dass hier Kommentatoren unsere und ihre eigene Verantwortung für die zukünftige Gestaltung der Wirtschaft und des Komforts (nichts anderes ist Klimapolitik) in Deutschland, Europa und der Welt bequem ausblenden, indem sie die große Leistung von Herrn Chakrabarty herabwürdigen. In der Kürze des Interviews wird fast alles Elementare einer unstreitbar notwendigen Veränderung aus der Geschichte heraus benannt. Herr Chakrabarty gehört zu den Wenigen, die mehrere Blickwinkel auf die Lage im 21. Jahrhundert sehen, zusammenführen und transportieren können. Die Konsequenzen für unterschiedlich entwickelte Gesellschaften im Welthandel und endlichen Ressourcen sind hinlänglich bekannt.

    Ich möchte hier an das (weil einfach zu verstehende und gut dokumentierte) Beispiel der bei uns üblichen Joghurt-Herstellung erinnern:
    http://nibis.ni.schule.de...
    und
    www.stefanie-boege.de/tex...

    "So weitermachen" wird in Zukunft nicht mehr funktionieren. Um in diesem kleinen Beispiel-Übel zu bleiben: Joghurt wird durch die Kostensteigerung der fossilen Brennstoffe so teuer werden, dass hier keine 900.000 Tonnen Fruchtjoghurt pro Jahr mehr verkauft werden können - mit allen Konsequenzen für die beteiligten Wirtschaftunternehmen, u.a. die Landwirtschaft.

    Vielleicht das Interview noch ein zweites Mal in Ruhe durchlesen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • tobmat
    • 14.11.2011 um 12:31 Uhr

    Lustiges Beispiel. Allerdings fehlt da etwas Entscheidendes. Die Frage nach den Gründen. Warum sind die Bestandteile so weite Strecken unterwegs, was bringt uns das (ja es hat auch Vorteile =>Preis) und was sind machbare Alternativen?
    Eine der vorgeschlagenen Alternativen klingt stark nach Planwirtschaft: Einheitliche Joghurt-Gläser (Form, Größe usw.). Das Beispiel ist zu kurz gedacht.

    • tobmat
    • 14.11.2011 um 12:31 Uhr

    Lustiges Beispiel. Allerdings fehlt da etwas Entscheidendes. Die Frage nach den Gründen. Warum sind die Bestandteile so weite Strecken unterwegs, was bringt uns das (ja es hat auch Vorteile =>Preis) und was sind machbare Alternativen?
    Eine der vorgeschlagenen Alternativen klingt stark nach Planwirtschaft: Einheitliche Joghurt-Gläser (Form, Größe usw.). Das Beispiel ist zu kurz gedacht.

    • tobmat
    • 14.11.2011 um 12:31 Uhr

    Lustiges Beispiel. Allerdings fehlt da etwas Entscheidendes. Die Frage nach den Gründen. Warum sind die Bestandteile so weite Strecken unterwegs, was bringt uns das (ja es hat auch Vorteile =>Preis) und was sind machbare Alternativen?
    Eine der vorgeschlagenen Alternativen klingt stark nach Planwirtschaft: Einheitliche Joghurt-Gläser (Form, Größe usw.). Das Beispiel ist zu kurz gedacht.

    Antwort auf "Traurig,"
  3. Dezentralisierung und Vernetzung ist die momentane Lösung! Lokale Lösungen finden mit globalem Wissen!

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